Reinhold Hettich im Interview: Auf der Suche nach dem passenden PA-System

Reinhold Hettich ist nicht nur Gründer und Geschäftsführer von Mister Music, er steht auch selbst regelmäßig als Musiker auf der Bühne. Im tastenwelt-Interview erzählt er, wie er Kunden auf dem Weg zum optimalen Beschallungssystem unterstützt und welchen Trends der Markt aktuell folgt.

Reinhold Hettich
Reinhold Hettich, Musiker und Fachhändler. (Foto: Karl Stechl)

Was brauchen aus Ihrer Sicht als Fachhändler kleinere Bands bis Trio- oder Quartettgröße zur Beschallung?

Jede Besetzung muss heute flexibel sein. Das heißt, dass die kleine Band auch mal einen Job mit 300 oder 400 Leuten spielt und umgekehrt die 4-Mann-Band auch mal einen Geburtstag mit nur 40 Gästen. Die Anforderung ist also immer eine Anlage, die im kleinen Rahmen gut funktioniert, wenig Platz braucht und relativ schnell auf- und abzubauen ist. Auf der anderen Seite soll die Anlage auch für einen größeren und lauteren Job genügend Reserven bereithalten.

Sind das Anforderungen, die von Kunden konkret formuliert werden?

Die Kunden formulieren das meist nicht bewusst, die sagen eher, dass sie im Fasching auch mal in einer Halle spielen. Aus vielen Gesprächen und aus unserer eigenen Praxis wissen wir, dass Musiker heute flexibler sein müssen, als je zuvor.

Wie beraten Sie die Kunden in dieser Situation?

Im Verkaufsteam haben wir typische Kunden-profile erarbeitet und holen uns auch regelmäßig das Feed­back unserer Anwender aus der Praxis. So kann man im Gespräch die typischen Locations, Anlässe und Gästezahlen analysieren und die Anlage auf die kon­kreten Bedürfnisse hin planen. Natürlich ist es auch eine Frage des Anspruchs, den ein Kunde an die Anlage, ihre Leistung und den Sound stellt.

Ist es für eine kompetente Beratung wichtig, die Anlagen selbst ausprobiert zu haben?

Ja, als Verkäufer muss man die Produkte sehr gut kennen und selbst damit Musik gemacht haben. Wenn uns neue Produkte vorgestellt werden, möchte ich die Anlage selbst vom Auto in den Laden tragen, um einen ersten Eindruck vom Handling zu bekommen. Dann baut das Verkaufsteam die Anlage auf und widmet sich dem Klangtest, um die Kunden später qualifiziert beraten zu können.

Welche Voraussetzungen muss man in einem Laden schaffen, damit sich die Kunden ein gutes Bild von einer Anlage machen können?

Die Anlage muss optimal aufgebaut sein, so dass sie auch akustisch sinnvoll abstrahlen kann. Ich kann z.B. keinen Hörtest machen, wenn die PA in irgendeiner Ecke steht. Unsere PA-Abteilung ist deshalb so gestaltet, dass die Boxen bis etwa 30 Meter weit strah­len können. Im ersten Stock haben wir außerdem eine Live-Bühne, wo auch unsere Workshops statt­finden. Dort bauen wir Anlagen auf, um sie zu testen.

Wie viele Anlagen sind dort aufgebaut?

Wir unterscheiden zwischen Säulen-Produkten und konventionell abstrahlenden Produkten. Im kon­ven­tio­nellen Segment sind acht bis zehn unterschiedliche Marken positioniert, die fest verkabelt sind und per Umschalter durchgehört werden können. Bei den Säulen ist das diffiziler, weil das einfache Ne­ben­ein­anderstellen den Produkten nicht gerecht würde. In diesem  Fall muss man in der Beratung mehr auf die Be­son­derheiten je­des einzelnen Produkts eingehen.

Reicht die Vorführung im Laden aus, oder muss man eine PA selbst auf der Bühne testen?

Wir bieten allen Kunden grundsätzlich an, durch unser Try-and-buy-System eine Anlage zu Hause bzw. auf der Bühne unverbindlich zu testen; vor allem auch dann, wenn sich der Kunde noch nicht hundertprozentig sicher ist. Daneben ist ein Umtauschrecht sowieso vorhanden. Somit ist der Kunde immer auf der sicheren Seite.

Wie funktioniert das System?

Bei „Try-and-buy“ testet der Kunde verschiedene Anlagen im Laden und sucht sich ein System aus. Mit diesem werden meist ein zwei (Band-)Proben und auch ein Auftritt bestritten. Danach kann man sich für oder gegen einen Kauf entscheiden.

Kann man auch mehrere Anlagen ausprobieren?

Es gibt eigentlich keinen Auftritt, bei dem man neben­her Anlagen testen kann, deswegen wird sich wohl kaum einer damit verzetteln. Aber nacheinander kann man natürlich mehrere Anlagen ausprobieren, und – wenn unbedingt gewünscht – würden wir uns wohl auch dem Wunsch nach zwei para­l­lelen Testsystemen nicht verschließen.

Woran erkennt man eigentlich eine gute PA?

Gute Frage: Zunächst sollte sie homogen und ausgeglichen klingen. Oberste Priorität hat die natürliche und präsente Über­tragung der Stimme. Natürlich sieht man die Qualität einer An­lage auch an der Verarbeitung, am Handling und am Gewicht. Es gibt so viele Voraussetzungen, in denen sich eine Anlage beweisen muss, dass es doch sehr von den konkreten Bedürfnissen eines Musikers abhängt, um eine Anlage als gut oder passend einzustufen. Der volkstümliche Entertainer und dessen Publikum haben andere Erwartungen als die 3-Mann-Partyband.

Was ist unverzichtbar?

Ganz wichtig ist die Abstimmung der Anlage insgesamt. Eine Anlage, die zwar mit CD super klingt und wahnsinnig viel Bass bringt, aber in den Höhen keine Durchsetzungsfähigkeit hat, mag im Laden beim ersten Hörtest mit CD oder MIDI-File noch ganz nett sein, aber nicht mehr, wenn man 20 oder 30 Meter Distanz zu beschallen hat. Neben einem korrekten Abstrahlverhalten ist die Klanghomogenität einer der wichtigsten Punkte.

Sind DSPs im PA-System heute unverzichtbar?

Nicht unbedingt. Mit programmierbaren DSPs können sich Anwender eine Anlage auf den Leib schnei­dern, in der Praxis werden dann aber meist die Presets der Hersteller eingesetzt. Auf der anderen Seite gibt es versteckte DSPs, die Kontroll- und Schutzfunktionen übernehmen. Beides ist schön, wenn man’s hat. Der DSP soll den Musiker entlasten und sich automatisch um die korrekte Anpassung des Klangs – z.B. bei Lautstärkeänderungen – kümmern.

Weiten wir die Frage aus: Was ist für Sie beim Bühnen- und Beschallungsequipment wichtig?

Unterschätzt wird der Einsatz eines guten Mischpults: Die Investition in ein Mischpult mit guten Mik­rofonvorverstärkern, das wirklich solide arbeitet und einen großen Dynamikumfang bietet, lohnt sich sehr. Die Bandbreite und Qualitätsunterschiede zwischen günstigen und teureren Mischpulten sind recht groß, so dass sich jeder zusätzlich investierte Euro auch wirklich lohnt. Die Signal­verarbeitung und -beeinflussung im Mischpult sind ganz entscheidend für den Klang und die Dynamik. Bei der eigentlichen Anlage – ob Aktiv-PA oder durch Endstufen angetrieben – halte ich für unverzichtbar, dass die einzelnen Komponenten kompatibel sind.

Wie sieht es mit Zusatzequipment wie z.B. Equalizern in der Signalsumme aus?

Die guten Anlagen sind so abgestimmt, dass man nicht immer gleich zum Equalizer greifen sollte. Vertrauen in die korrekte Abstimmung einer Anlage darf man getrost haben. Equalizer sind dann interessant und angezeigt, wenn ein Raum akustisch mehr oder weniger schwierig ist. Man muss sich mit dem EQ dann aber auch auskennen. Weitere Peripheriegeräte wie z.B. Noise Gates, Kompressoren und Limiter machen unter Umständen auch Sinn, aber auch diese Geräte muss man einsetzen können, um nicht das Gegenteil des gewünschten Effekts zu erreichen.

Welche sind die häufigsten Fehler, die Ihnen bei Ihren Kunden begegnen?

Der häufigste Fehler ist sicher der, dass man eine An­lage schön aufbaut, eine CD einlegt und das Mischpult – meist im Probenraum – wunderbar einstellt, später beim Auftritt aber eine völlig andere Situation vorfindet: Die Wände sind anders, die Größe ist anders, vielleicht sind auch Mate-ria­lien verbaut, die den Schall besonders stark reflektieren. Plötzlich ist beim Auftritt also der tolle Sound weg, und der Anwender ist enttäuscht.

Welche Tipps geben Sie Anwendern mit, wenn diese eine neue Anlage ausprobieren?

Wir achten darauf, dass die Anlage genug Headroom hat, um auch schwierige Situationen meistern zu können – ausgelassene Party-Stimmung im Fasching zum Beispiel. Wir versuchen den Kunden also zu erklären, dass er lieber mehr PS unter der Haube haben sollte. Das wirkt sich unmittelbar auf den guten Sound aus.

Welche Bedeutung hat bei Ihren Kunden die Frage nach Stereo- oder Mono-Betrieb?

Diese Frage kam mit der Einführung der Bose-L1-Säule ganz massiv auf. Findet ein Kunde einen optimalen Raum vor, der eine saubere Links-Rechts-Trennung bei der Klangwiedergabe ermöglicht, kann der Stereobetrieb hörbare Vorteile bringen – zumindest bei Keyboard orientierter Musik, wenn die Sounds der Begleitautomatik wirkungsvoll im Stereo­panorama verteilt sind. Diese Klangtransparenz vermisst mancher, wenn er das gleiche Klangmaterial in Mono hört.

Spielt es da eine Rolle, ob eine konventionelle PA oder ein Säulensystem im Spiel ist?

Ja. Die einzelne Säule, wie sie Bose im Musikersegment etabliert hat, strahlt nahezu 180 Grad in der Breite ab. Man erhält damit eine sehr homogene Klangverteilung im Raum, die das fehlende Stereobild bis zu einem gewissen Grad kompensiert.

Der Programmierer eines Keyboards hat sich das aber wahrscheinlich anders gedacht. Wertet man dadurch sein Keyboard vielleicht ab?

Live muss man immer Kompromisse eingehen. Wie diese Kompromisse ausfallen, ist abhängig von den akustischen Gegebenheiten im Raum. Machen die Form des Raums und die verbauten Materialien den Sound kaputt, macht Mono-Beschallung mehr Sinn als Stereo, um die Probleme überhaupt in den Griff zu bekommen. Bei der Mono-Beschallung kann man den Gästen immerhin einen einheitlichen Sound bieten. Oft hören wir professionelle Entertainer und Bands, die ihre Show mit einem Mono-Mix gestalten, weil es die akustischen Bedingungen nicht anders zulassen.

Wie sehen das die Kunden?

Das Ziel jedes Keyboarders ist eigentlich die Stereo-Beschallung, und auch viele Säulen werden heute im Doppelpack als Stereo-Systeme ver­wendet. Es ist aber immer auch vom konkreten Produkt abhängig. Unter Umständen kann man auch mit zwei 180 Grad abstrahlenden Säulen ein wunderschönes Raumklangbild erzeugen. Raum­klang ist da vielleicht besser als der Begriff Stereo. So hört man auch links noch, was aus der rechten Säule kommt. Bei kugelförmig abstrahlenden konventionellen Lautsprechern mit Abstrahlwinkeln zwischen 60 und 80 Grad wird das schon schwieriger.

Säulen-PA versus konventioneller Lautsprecher: Gibt es bestimmte Vorlieben bei den Kunden?

Die kleineren Besetzungen bis zum Duo tendieren in der Regel stark zu Säulen-Systemen, z.B. weil sie meist wenig Fläche für den Aufbau zur Verfügung haben. Je größer die Besetzung, desto weniger ist die Präferenz für die Säule ausgeprägt. Etab­liert haben sich Säulen in erster Linie bei Allein­unter­haltern und Duos, die dann oft auch auf separates Monitoring verzichten. Das trifft auf die Säulen von Fohhn und Bose zu; die Säulen-Systeme anderer Hersteller wie z.B. HK Audio Elements werden anders eingesetzt, weil sie auch anders konzipiert sind. Hier liegen die Abstrahlwinkel deutlich unter der 100-Grad-Grenze.

Säulen-PA ist nicht gleich Säulen-PA. Inwieweit vermitteln Sie Ihren Kunden die Unterschiede?

Vielen sind die Unterschiede in den Produktkonzepten und daraus resultierend in der Anwendung zunächst einmal nicht bewusst. Deshalb erklären wir die Abstrahlung der einzelnen Säulenmodelle verschiedener Hersteller sehr genau. Für den Anwender ist es später auf der Bühne und im Übungsraum näm­lich von elementarer Bedeutung, wie die Anlage positioniert und eingesetzt wird. Nur dann kann man die Klang­entfaltung im Raum verstehen und auch gezielt einsetzen.

Wie ist im Verkauf das Verhältnis zwischen Säulen-PAs und konventionellen PA-Systemen?

Bezogen auf Tanz- und Unterhaltungsmusiker, geht die Tendenz bei uns stark in Richtung Säulen-PAs, weil wir diese für die genannte Ziel­gruppe schnell interessant fanden und gefördert haben. Ursprünglich wurden Säulen ja nicht speziell für diese Zielgruppe konzipiert und gebaut. Der Stein, der damals ins Rollen kam, rollt heute noch. Man kann aber nicht pauschal sagen, was besser ist. Für bestimmte Anwen­dungen und Räume haben Säulen-Systeme ent­scheidende Vorteile, bei anderen Anwendungen gilt das gleiche für konventionelle PA-­Systeme. Der Erfahrungsschatz unserer PA-Spezialisten ist da sehr groß. Im Beratungsgespräch schält sich deshalb meist schnell heraus, welches Beschallungskonzept mit Blick auf den konkreten Anwender am vielversprechendsten ist.