Reportage: Fünf Wochen als Pianistin auf einem Kreuzfahrtschiff

Stephanie Knauer war als Bordpianistin fünf Wochen auf Kreuzfahrt zwischen Costa Rica und Panama. Ihr Arbeitsplatz: die Sea Cloud II, ein über 100 Meter langer Dreimaster mit Maschinenunterstützung. Ein Blick hinter die Kulissen einer Traumreise mit Musik.

(Foto: Sea Cloud Cruises)

Das Schiff atmet. Wie ein pneumatischer Sog und Schub ist sein Rollen auf dem Meer. Hoch stemmt es sich mit Kraft und sinkt wie schwerelos. Die Badtür in meiner Kabine bewegt sich dazu mit leisem Knarzen, und die Kleidung an den Wandhaken swingt synchron wie Background-Sängerinnen in Slow Motion. Wir sind auf dem Atlantik. Mit beeindruckender Wucht klatschen die Wellen an die Bordwand und lassen Bewunderung aufkommen für die moderne Schiffbaukunst. Manchmal klingen die Kollisionen wie wütende Schläge. Im Moment des Anpralls ist mein Bullauge unter Wasser: Die meisten Crew-Kabinen und die Aufenthaltsräume befinden sich nur knapp über der Meeresoberfläche. Es ist ein eigenartiges Gefühl, das Essen in der Officers’ Mess bei Wellengang teilweise unter Wasser einzunehmen.

Klavierspielen bei 40 Grad

Mein Arbeitsplatz dagegen ist ganz oben, an der Sonne: das Lido-Deck mit Bar und integrierter Digitalpiano-Ecke gehört zu den zentralen Aufenthaltsorten auf meinem fünfwöchigen Einsatz als Ozeanpianistin in der Karibik zwischen Puerto Limon und Puntarenas – als einzige Musikerin an Bord der Sea Cloud II. Nur wer die Aircondition sucht, hält sich indoor auf. Das Thermometer zeigt nicht selten 100 Fahrenheit, rund 40 Grad. Zum Glück ist das Lido-Deck überdacht.

Manchmal allerdings, meist zur Teestunde, meiner ersten Einsatzzeit täglich, scheint die Sonne schräg herein – und direkt auf mich. Die Sound­anlage hinter mir wärmt zusätzlich. Das sind dann schwere Stunden, die Tasten werden glitschig, und die Kleidung lässt sich anschließend auswringen. Aber einen Nachteil zumindest muss dieses En­gagement haben, denn der Rest ist beneidenswert. Wenn ich nach Hause maile und dabei über die Hitze stöhne, gibt es kein Mitleid. Dort herrschen Minusgrade. Das auf der Landkarte senkrecht über uns gelegene New York versinkt in Schnee. „I’m dreaming of a White Christmas ...“ – es weihnachtet allerorten, auch im blühenden Panama.

An Heiligabend, zur sengenden Mittagszeit, entdecke ich in Balboa vor Panama City Krippen, gefilzte Elchgeweihe am Autodach, blinkende Christbaumattrappen. Auch an Bord, sogar in der Crew Mess, gibt es stilvoll in den Trendfarben Blau und Silber geschmückte Tannenbäume. Kreuzfahrtdirektorin Lisa Huijsers inszeniert die „Holy Night“ traditionell und fantasievoll, nicht zuletzt mit einem Hauch tänzerischer Leichtigkeit – schließlich war sie mal professionelle Balletteuse: Ein Engelschor, formiert aus weiblichen, in weiße wallende Gewänder gekleideten Crew-Mitgliedern umringt singend den Hauptmast. Von dort wird auf der Schaukel der bildhübsche Hauptengel, Spa-Direktorin Stefanie, im Scheinwerferlicht herabgelassen.

Es darf gestaunt werden – und die Gäste tun das auch. Denn der Eindruck ist wirklich wundersam weihnachtlich, trotz Karibik und Kreuzfahrt. Musik spielt an Bord generell eine wichtige Rolle. Zum Abschluss jeder Reise etwa gehört die Shanty-Einlage. Der Freiwilligen-Chor mit Pianistin in Matrosenhemden beherrscht Lieder wie „Wild Rover“ oder „Drunken Sailor“ aus dem Effeff. Die Gesänge wirken gerade an Bord dieses Schiffs authentisch: Die Sea Cloud II ist ein Dreimaster, unter den motorisierten Segelschiffen berühmt für seine Ästhetik, seine Ausstattung und den 5-Sterne-Service.

Zur Technik der Sea Cloud II

Das Luxus-Kreuzfahrtschiff Sea Cloud II ist ein Dreimaster mit 23 Segeln, 117 Meter lang und maximal 16 Meter breit; der Großmast ragt 57 Meter über das Deck, der Tiefgang beträgt rund fünfeinhalb Meter. Wenn keine Segel gesetzt sind (oder bei Flaute), bewegen zwei Viertaktmotoren mit jeweils 1.240 kW den Großsegler. Bis zu 94 Passagiere finden in 47 Außenkabinen und 16 Junior-Suiten Platz. Eine 65-köpfige Crew kümmert sich um Schiff und Reisende. Für die musikalische Unterhaltung stehen ein Steinway-Flügel, Baujahr 1954, in der Lounge und ein Digitalpiano (Roland RD-300NX) auf dem Lido-Deck bereit, wo fest verbaute Lautsprecher die Beschallung der Reisenden übernehmen.

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