Richtig üben: hilfreiche Tipps und neue Erkenntnisse

Üben ist der Übergang vom Wissen zum Tun. Das betrifft Bewegungsabläufe ebenso wie die musikalisch-künstlerische Gestaltung. Ziel dieses Beitrags über richtiges Üben ist es, Ihnen Methoden vorzustellen, mit denen Sie Ihre musikalischen Fertigkeiten verbessern und mehr Spaß durch Erfolgserlebnisse haben können.

Noten dreimal schnell durchspielen, ab in die Klavierstunde – und wieder in die Falle getappt. Vielen wird das bekannt vorkommen: entweder von den Kindern oder – wenn man ehrlich zu sich selbst ist – auch aus der eigenen Musikbiografie. Die bittere Erkenntnis: Durchspielen ist halt nicht üben. Und leider Gottes behält der Volksmund Recht, wenn er sagt, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen sei. Die Wunderkinder der verschiedenen Zeitalter kann man getrost außen vorlassen, denn auch die haben geübt.

Wenn man sich also schon mühen muss, dann sollte man nicht nur effektiv, sondern auch effizient dabei vorgehen. Das Ziel des größtmöglichen Erfolgs bei geringstmöglichem Mitteleinsatz wird sich beim Üben am Instrument zwar kaum erreichen lassen, denn Musizieren ist eine hoch komplexe Angelegenheit, und jeder hat mit seinen ganz individuellen Schwierigkeiten dabei zu kämpfen. Das macht das allgemeine Ziel aber nicht falsch.

An Überezepten herrscht in der Literatur und erst recht im Internet kein Mangel: Es gibt die akademische Schule, bei der man stundenlang Geläufigkeit trainiert und festgelegte Bewegungsabläufe einschleift; andere Modelle gehen vom Klang aus und leiten die Bewegungsmuster aus dem idealen Klang her. Für Streicher und Bläser leuchtet das aber stärker ein, als für Tastenspieler. Manche schwören auf mentales Üben, andere versuchen in den so genannten Flow zu kommen – einen Zustand völliger Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit, bei der alles wie von selbst geht. Ein jüngst wissenschaftlich beschriebener Ansatz ist der des differenziellen Lernens. Der Autor Martin Widmaier ordnet hier auch das Prinzip der rotierenden Aufmerksamkeit ein – ein weit verbreitetes Konzept, das der verstorbene Cellist und Pädagoge Gerhard Mantel entwickelt hat.

Warum überhaupt üben

Irgendwie besser werden ist wohl das Ziel aller Methoden, aber darin soll es sich nicht erschöpfen. In ein Extrem tendiert Seymour Bernstein in seinem Buch „Mit eigenen Händen“, in dem der inzwischen verstorbene Pianist, Komponist und Lehrer seine Überlegungen zum Klavierunterricht und zum Klavierüben formuliert: „Je weitgehender wir unsere Begabungen entfalten, desto leistungsfähiger sind wir auch in allen anderen Lebensbereichen.“ Üben und Vortragen von Musik ist für ihn einerseits ein Schlüssel zur Selbstverwirklichung, auf der anderen Seite geht es ihm aber um mehr – um die so genannte (Selbst-)Integration, bei der Gefühl und Verstand in Einklang gebracht werden. Bernstein verspricht im ersten Kapitel seines Buches: „Wer sich auf Musik in der Weise des Übens einlässt […], der kann in sich die gleiche Ordnung und Harmonie erzeugen, die er in der Musik vorfindet. Wenn dieser Vorgang des Übens in Gang kommt, begreift ihn der Übende; er nimmt ihn in sich auf und nutzt ihn für jeden Alltagsvorgang.“

Dass Sie ein besserer Mensch werden, wenn Sie dieses Special lesen und beim Üben beherzigen, möchten wir Ihnen lieber nicht versprechen. Wir können Ihnen aber helfen, das Üben zu verstehen und planvoll anzugehen, damit Ihre Mühe und die investierte Zeit nicht umsonst sind. Anders gesagt: Unser Ziel ist es, dass Sie beim Üben nicht an einen Punkt kommen, an dem Sie – oder auch Ihre Kinder – gar keine Lust mehr aufs Musizieren haben, weil sie von Art und Ertrag des Übens frustriert sind. Und leider finden sich in den vielfältigen Abhandlungen zum Üben auch genügend – vielleicht sogar gut gemeinte – Rezepte für genau dies: Da heißt es dann, dass immer absolut korrekt und auf die gleiche Weise geübt und jeder Fehler durch „zehn korrekte Überdurchgänge kompensiert werden“ müsse. Selbst wenn man das für das eigene Üben vielleicht akzeptieren mag, kann sich jeder die Reaktion eines pubertierenden Teenagers vorstellen, wenn die eh schon nervenden Alten mit so einer Ansage rüberkommen. Gut, dass die Wissenschaft inzwischen besser versteht, wie Lernen eigentlich funktioniert, und dass solches Einschleifen nicht sein muss.

Was beim Üben passiert

Unterhält man sich mit Medizinern, berichten diese spannende Details vom Üben. Schon nach wenigen Minuten des Übens schneller Fingerbewegungen lässt sich mit Verfahren wie der Kernspintomografie nachweisen, dass es zu vermehrter Aktivität im Bereich des Stirn- und Schläfenlappens kommt. Nach etwa einer halben Stunde des Übens lässt sich eine Größenzunahme der aktivierten Hirnregionen feststellen. Diese ist jedoch noch nicht gefestigt und verschwindet nach einer Woche ohne Üben wieder.

Üben bedeutet also den Aufbau, die Verfeinerung und Erhaltung so genannter Repräsentationen im Gehirn. Das sind neuronale Netzwerke, die eine Art innerer Handlungspläne darstellen. Darauf greift das Nervensystem zurück, weil es für die bewusste Gestaltung aller Abläufe bei schneller Musik zu langsam wäre. Die Steuerprogramme selbst laufen wohl weitestgehend ohne sensomotorische Rückmeldung ab, können aber in Teilen noch korrigiert werden.

Am Anfang stehe ein noch unkoordinierter Entwurf der Bewegungen, „der dann im Lauf des Übens mit Hilfe von Lernen und Tun (prozedurales Lernen) ökonomisiert wird“, schreibt Stephan Berg in seiner Diplomarbe it „Üben: Vielfältige Lernwege im Spannungsfeld der unterschiedlichen Methoden und wissenschaftlichen Disziplinen“. Nicht nur er kommt weiterhin zu dem Schluss, dass die mentale Vorstellung von Bewegungsabläufen oder das konzentrierte Beobachten der Spielbewegungen anderer Musiker dazu führt, dass die beteiligten motorischen und auditiven Hirnregionen aktiviert und die Repräsentationen aufrecht erhalten werden. Der Sinn von mentalem Training ist aus neurologischer Sicht also bewiesen.

Wer Grundlegendes über die Zusammenhänge im Gehirn beherzigt, wird nach landläufiger Meinung seinen Übeprozess optimieren und dadurch an Effizienz gewinnen. Dazu sollten Sie wissen: Die Inhalte des Übens werden in Pausen und im Schlaf gelernt und verarbeitet. Man rechnet mit einem Zeitabstand von mehreren Stunden. Schlafmangel sollte also vermieden werden. Auch spricht einiges für verteiltes Üben. 15 Minuten vor der Arbeit und 15 Minuten am Abend üben scheint mehr zu bringen als eine einzelne Sitzung mit 30 Minuten Dauer. Es gibt außerdem Anhaltspunkte, dass das Gehirn schneller lernt, wenn zeitnah unterschiedliche Bewegungsformen geübt werden. Häufige Wiederholungen ohne Variation brauchen länger, ob sie weniger stabil verankert werden, wird noch diskutiert. Wer zu viel übt, steht seinem Erfolg im Weg. Das Optimum ist jedoch individuell verschieden und hängt von der Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer ab. Nach 30 bis 45 Minuten intensiven Übens scheint der Literatur zufolge aber wohl ein Punkt erreicht, bei dem feinmotorische Leistungsfähigkeit und Übeerfolg wieder abnehmen. Lösung: 10 Minuten Pause. Mögliches zweites Problem: Wer zu viel und/oder mit falscher Haltung übt, läuft außerdem Gefahr, zu erkranken. Das geht mit chronischen Überlastungsbeschwerden los und reicht über das Karpaltunnelsyndrom bis zu vielfältigen Störungen des Bewegungsapparats. Einen auslösenden Zusammenhang zwischen Üben und fokaler Dystonie, einer neurologischen Störung, bei der erlernte Bewegungen nicht mehr ausgeführt werden können, scheint es dagegen nicht zu geben. Allerdings gelten chronische Überlastung und vorhergehende Schädigungen an Nerven oder Muskeln als Risikofaktoren. Außerdem meldet sich bei Musikern auch gerne mal der Rücken und fordert Aufmerksamkeit.

Voraussetzungen schaffen

Eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiches Üben ist eine positive Grundstimmung: Sie sollten sich aufs Üben freuen! Damit das gelingt, können Sie einige Voraussetzungen schaffen: Ihr Instrument sollte nicht nur die Voraussetzungen mitbringen, dass man gerne darauf spielt, es sollte auch an einem angenehmen Ort stehen. Wer verbringt schon gerne Zeit in einer dunklen Ecke? Sie wollen sich künstlerisch entfalten, und da sollte auch der Raum mitspielen. Akkordeonisten haben es einfach, denn sie sind mobil. Falls Sie als Pianist – akustisch oder digital - keinen schönen Platz für Ihr Instrument finden, können Sie vielleicht mit kleinen Veränderungen eine Verbesserung der Situation erreichen. Sorgen Sie auf alle Fälle für eine gute Beleuchtung. Wenn Sie es beim Üben intimer brauchen, könnte vielleicht ein Raumteiler helfen. Oder ist vielleicht das Foto eines pianistischen Vorbilds über dem Instrument ein Ansporn für Sie?

Wer sich auf dem Präsentierteller wähnt, ist schnell blockiert: Das Gefühl, andere Personen – im eigenen Haushalt oder Nachbarn – mit dem eigenen Üben zu stören, wirkt sich negativ auf das Ergebnis aus. Wer damit rechnet, dass die x-te Wiederholung einer Passage die Familie oder die Nachbarn stören könnte, wird die Stelle wohl eher nicht meistern. Wichtig ist also, dass man Zeitfenster findet, in denen man entspannt üben kann. Reicht das Zeitfenster alleine nicht aus, können digitale Lösungen weiterhelfen: Am Keyboard kann man mit Kopfhörer üben, am Digitalpiano auch. Fürs Klavier gibt es Stummschaltesysteme, und auch Akkordeonisten können inzwischen digital über Kopfhörer üben. Nur Kopfhörer ist sicher keine Lösung, aber er kann zur Entspannung der Übesituation beitragen.

Wenn Sie dann mit dem Üben beginnen, sind Ihre eigenen Ziele entscheidend: Das Prinzip Hoffnung hilft nicht weiter. Üben Sie immer mit konkreten Zielen und kontrollieren Sie Ihren Erfolg! Setzen Sie sich aber realistische Ziele, die Sie in der Ihnen zur Verfügung stehenden Zeit und mit Ihren musikalischen Fähigkeiten in einem überschaubaren Zeitrahmen erreichen können. Zwischenziele helfen Ihnen, Fernziele effizient zu meistern.

Einige Pädagogen empfehlen, die Übezeit streng durchzustrukturieren: Da liest man dann von 2 Minuten Stretching, 10 Minuten Tonleitern, jeweils 15 Minuten für erstes, zweites und drittes Literaturstück, 10 Minuten Blattspiel und abschließenden 5 Minuten Stretching. Statt eines Zeitkorsetts sollte man auf ein grobes Zeitraster achten, damit man flexibel auf die Situation beim Üben reagieren kann. Sinnvoll erscheint ein Übetagebuch, von denen man Beispiele u.a. bei Mark Andreas Giesecke in seinem Buch „Clever üben, sinnvoll proben, erfolgreich vorspielen“ (in Form einer Tabelle) oder in Martin Widmaiers „Zur Systemdynamik des Übens“ (in Tagebuchform) findet. Notiert wird also nicht das Soll vor dem Üben, sondern das Ist danach. Aus der Beobachtung heraus kann man mit der Zeit sein Pensum realistischer planen.

Ein Stück erarbeiten

Ein neues Stück zu erarbeiten, startet in der Regel mit den Noten. Ausnahme: Wer als Cover-Musiker aktiv ist, startet wahrscheinlich damit, das Stück aus Aufnahmen herauszuhören und Noten bzw. Leadsheet selbst zu erstellen.

Bevor der erste Ton eines neuen Stücks gespielt wird, wollen die Noten verstanden werden – und auch das ist schon eine wichtige Übung. Öfter als erwartet scheitern Laien-Musiker an komplexen Stellen, weil sie den Notentext nicht richtig oder nicht schnell genug erfassen. Seymour Bernstein empfahl seinen Schülern zum Start deshalb immer:

„a) Stelle Tonart und Taktart fest.

b) Bestimme alle rhythmischen Werte und ihr Verhältnis zueinander.

c) Lerne alle Tonleitern und Arpeggien.

d) Bestimme alle Intervalle und stelle fest, wie sie über Linien und Zwischenräume des Liniensystems verteilt sind. Das Folgende erleichtert das visuelle Verständnis:

1. Terzen, Quinten und Septimen erstrecken sich von Linie zu Linie oder von Zwischenraum zu Zwischenraum.

2. Sekunden, Quarten, Sexten, und Oktaven erstrecken sich von Linie zu Zwischenraum oder umgekehrt.

e) Lerne Akkorde und ihre Umkehrungen erkennen.

f) Stelle alle Kadenzen fest, vor allem IV – V – I.“

Das Analysieren kann man – je nach gewähltemMusikstück – natürlich noch weiter treiben. Wichtig ist es auch, Formteile zu erkennen und den Bauplan zu durchdringen. Denn wenn man sich später auf die Details stürzt, darf das große Ganze nicht aus dem Blickfeld verloren gehen. Das Analysieren lässt sich gut unterstützen durch Hören: Entweder haben Sie schon eine oder mehrere Aufnahmen auf CD oder Sie werden im Internet fündig. Es kann auch schon reichen, eine Einspielung bei YouTube zu suchen. Im Netz muss man halt berücksichtigen, dass man nicht unbedingt die optimale Interpretation zu hören bekommt. Auf der anderen Seite finden sich hier auch viele Schätze berühmter Interpreten, die es zu entdecken lohnt. Schon Gerhard Mantel empfiehlt in seinem Buch „Einfach üben“: „Von Vorbildern kann man lernen. Sich gegenseitig zu imitieren zwingt zur Detailbeobachtung […] und erweitert den Erlebnishorizont.“

Der erste eigene Versuch wird wohl das Vom-Blatt-Spielen sein. Wichtig dabei: Wählen Sie das Tempo so langsam, dass Sie auch alle grundlegenden Parameter des Stücks, also Töne, Rhythmus und Fingersätze, sicher lesen und umsetzen können. Klavierlehrer und tastenwelt-Autor Martin Pfeifer gab in einem seiner früheren Beiträge schon einmal den wichtigen Rat: „Es gibt immer ein Tempo, in dem eine Schwierigkeit bewältigt werden kann – und sei es noch so langsam.“ Sind übrigens noch keine Fingersätze vorhanden, gehört deren Festlegung auch zu den wichtigen Vorarbeiten – selbst wenn sich die Fingersätze im Lauf der Erarbeitung noch verändern können.

Das Üben neu lernen

In seinem jüngst erschienenen Buch „Zur Systemdynamik des Übens“ entwirft Martin Widmaier ein Modell, das auf dem so genanntem differenziellen Lernen beruht. Er macht sich dabei Erkenntnisse der Sportwissenschaft zunutze, die das Erlernen von Bewegungsabläufen systematischer und tiefer zu erforschen scheint, als dies in der Musik der Fall ist. Im Prinzip geht es dabei um variantenreiches Üben – jedoch mit Plan und Absicht. Dahinter stecken Ergebnisse aus Studien, nach denen eine Bewegung vom Gehirn schneller und nachhaltiger gelernt wird, wenn Differenzmuster erkannt werden. Das immer gleiche Wiederholen ohne Unterschiede in den Bewegungen oder anderen Parametern scheint dagegen weniger sinnvoll.

Dass man Varianten üben soll, ist keine neue Erkenntnis – diese Tipps gehören zum tradierten Wissen. Widmaiers Untersuchung zeigt jedoch, dass Varianten per se noch nicht für größeren Übeerfolg stehen, sondern dass diese wohlüberlegt gegenübergestellt werden sollten, um sich den Lösungsraum systematisch aus den Differenzen der Varianten zu erschließen. Bei der Klanggestaltung scheint so beispielsweise das Gegenüberstellen von Weich und Hart zielführender als das Erproben verschiedener Varianten von Weich. Auch wenn Gerhard Mantel zu seinen Lebzeiten noch nichts von einem differenziellen Ansatz wissen konnte, ordnet Widmaier dessen Konzept der „rotierenden Aufmerksamkeit“ (Abbildung oben) in sein differenzielles Lernmodell ein. Mantel postulierte: „Beim Spielen kann die Aufmerksamkeit immer nur einen einzigen Aspekt bewusst kontrollieren; das Spiel muss sich dabei auf schon Gelerntes, unbewusst Ablaufendes stützen können.“ Beim Üben komme es folglich darauf an, immer wieder andere Aspekte in den Fokus zu nehmen und mit Aufmerksamkeit zu verbessern. Seinen Themenkreis hat Mantel zwar für das Cello entwickelt – zu sehen an Bogeneinteilung und anderen Parametern. Man kann diese an anderen Instrumenten jedoch auch weglassen oder um eigene Aspekte ergänzen: Beim Akkordeon denkt man an die Arbeit mit dem Balg, am Keyboard auch an die Registrierung, beim Klavier ist das Pedalisieren zu berücksichtigen.

Als erstrebenswerten Übungsablauf könnte man festlegen: Die Themen aus Mantels rotierender Aufmerksamkeit auf das Übestück anwenden und bei den einzelnen Durchgängen auf Differenzen zu achten: schnell – langsam, gebunden – staccato, weich – hart, fröhlich – traurig etc. Natürlich setzt das voraus, dass man schon über eine gewisse Grundfertigkeit verfügt und auch einige analytische Fähigkeiten mitbringt, um sinnvolle Einteilungen zu finden. Bei Kindern und erwachsenen Anfängern kommt es entscheidend auf den Lehrer an, das Üben vorzubereiten, anzuleiten und zu lehren.

Ehrlich zu sich selbst

Zentral für das Gelingen des eigenen Übens ist, dass man ehrlich zu sich selbst ist. Man muss sich nicht nur realistische Ziele stecken, sondern die Fortschritte – oder Fehlleistungen – auch kontrollieren. Weil man beim Spielen aber nur bedingt kontrollieren kann, sollte man sich einiger Hilfsmittel bedienen. Für die richtige Haltung am Instrument kann schon ein Spiegel helfen, für die nachträgliche Beobachtung eignen sich Videos. Es muss ja nicht gleich der teure Camcorder sein, ein Video taugliches Smartphone findet sich heute fast überall.

Geht es um das Hören, kann man bei digitalen Instrumenten die eingebauten Recorder verwenden – und hier lieber Audio- als MIDI-Aufzeichnungen, denn letztere verfälschen eventuell durch Quantisierung den tatsächlich gespielten Rhythmus. Bei akustischen Instrumenten setzt man z.B. Pocket-Recorder ein, mit denen sich hervorragende Klangergebnisse erzielen lassen. Zur Not tut’s auch ein Mikrofon, das man an das Smartphone anschließt, um einen besseren Sound als über das eingebaute Mikro zu erzielen.

Als luxuriöseste Variante erweist sich in dieser Hinsicht ein Selbstspielklavier wie das Yamaha Disklavier Enspire: Der Flügel zeichnet das Spiel digital auf und reproduziert es mittels Selbstspielmechanik und Saiten komplett akustisch. Martin Pfeifer, der das Instrument für diese Ausgabe getestet hat, sieht darin neue Chancen für effizientes Üben: „Durch die Zuhörerposition und die Entkoppelung des Spielvorgangs vom Hören lernt man in kurzer Zeit unglaublich viel über das eigene Spiel und entwickelt sich allein durch die andere Wahrnehmung musikalisch weiter. Zumal die Reproduktion des Gespielten absolut exakt ist. Da kann eine reine Audioaufnahme nicht mithalten.“

Fehler passieren, und man muss sie auch zulassen, damit man nicht blockiert an eine Aufgabe geht. Diese sollte darin bestehen, richtig zu üben. Ein vollkommenes Fehlen von innerem Ärger über gemachte Fehler scheint der Forschung zufolge auch kontraproduktiv zu sein. Es kommt am Ende aber nicht nur darauf an, Fehler in Aufnahmen oder bei der Selbstbeobachtung zu finden, man muss sie auch klar benennen können und als Chance begreifen, etwas besser zu machen. Klappt eine Stelle einfach nicht, will man meist zu viel auf einmal. Dann hilft: Tempo reduzieren, die Komplexität der Stimmen reduzieren – und auch mal beiseite legen. Manche Probleme klären sich dann wie im Schlaf.

Üben und lernen ist kein linearer Prozess. Er verläuft in Stufen, und es kommt regelmäßig vor, dass man länger auf einem dieser so genannten Lernplateaus verharrt, als einem lieb ist. Setzen Sie sich dann aber nicht unter Druck, sondern bleiben Sie locker und freuen Sie sich über Ihr schönes Hobby Musik. Und haben Sie mal kein Instrument zur Hand, halten Sie Ihre neuronalen Netzwerke im Gehirn durch mentales Training auf Trab.

 

Buch-Tipp: Das Unmögliche möglich machen

Alan Rusbridger war bis Ende Mai 2015 zwanzig Jahre lang Chefredakteur der britischen Zeitung Guardian und maßgeblich an weltbewegenden Enthüllungen (z.B. Edward Snowden) beteiligt. Der hoch dekorierte Journalist hat aber auch eine künstlerische Seite: Mit Hingabe hat er sich dem Klavier verschrieben. Als er einen Hobby-Pianisten während eines Workshops in Frankreich Chopins Ballade Nr. 1 spielen hört, packt ihn der Ehrgeiz. Ein Jahr lang übt er jeden Tag 20 Minuten lang das furchteinflößende Stück, das zu den schwierigsten des Repertoires gehört. In seinem Buch „Play it again. Ein Jahr zwischen Noten und Nachrichten.“ (Secession Verlag für Literatur, Zürich) nimmt Rusbridger die Leser mit an die Grenzen dessen, was ein Freizeit-Musiker an Fingerfertigkeit, Konzentration, Beherrschung und Musikalität erreichen kann. Er lässt sich von Pianisten wie Murray Perahia, Richard Goode, Emmanuel Ax, Daniel Baremboim, Stephen Hough und Alfred Brendel beraten. Musikhistoriker und Theoretiker spornen ihn an und Neurowissenschaftler erklären ihm auf ganz andere Weise, was Klavierspielen eigentlich ist. Das sehr unterhaltsam geschriebene Buch vermittelt einerseits sehr tiefe Einblicke in die Musik, ins Klavierüben und zeigt, dass man auch neben einem fordernden Arbeitsalltag Fortschritte am Instrument machen kann. Und ganz nebenbei erfährt man Spannendes aus der Welt des Nachrichtenjournalismus – z.B. wie Rusbridger in Tripolis während des Bürgerkrieges in Libyen Reporter aus der Geiselhaft befreit, wie er eine komplizierte Partnerschaft mit dem eigenwilligen WikiLeaks-Gründer Julian Assange, der New York Times und dem deutschen Spiegel managt und wie er den Telefon-Abhörskandal des britischen Magazins News of the World an die Öffentlichkeit bringt.