Rob Hyman im Interview: Wie eine Melodica zum Namensgeber für The Hooters wurde

Es könnte die RTL-Millionenfrage sein: Wer hat die Welt­erfolge „Time after Time“ von Cyndi Lauper und „Private Emotion“ von Ricky Martin komponiert? Der Kandidat wählt seinen Telefon-Joker, einen profunden Rockmusik-Kenner, der auch gleich die richtige Antwort parat hat: Rob Hyman, Keyboarder und Mitbegründer der Hooters aus Philadelphia. Detlef Gödicke traf ihn beim Konzert in Vechta.

Rob Hyman an den Keyboards
Rob Hyman an den Keyboards: Live vermitteln The Hooters Energie pur. (Foto: Miklas Wrieden)

Sie wurden in der Kleinstadt Meriden an der amerikanischen Ostküste 1950 geboren. Eine Brutstätte des Rock’n’Roll?

Natürlich nicht. Hinzu kam, dass niemand in meiner Familie musikalisch vorbelastet war. Dennoch stand in unserem Haus ein Möbelstück namens Klavier. Ich interessierte mich dafür, spielte mit vier Jahren allerlei „Pling-pling“ nach Gehör darauf und entdeckte so die Musik für mich.

Wie wurde mehr aus dem „Pling-pling“?

Mit acht Jahren bekam ich klassischen Klavier­unterricht. Nach diversen Lehrerwechseln landete ich mit 13 Jahren bei einer Frau aus Österreich, Elly Zimerman. Sie zog in ein Haus schräg gegenüber, und für mich schien eine Außerirdische in Meriden gelandet zu sein. Sie war Pianistin, klassisch ausgebildet, hatte zwei Flügel im Haus, und ich nahm Unterricht bei ihr. Wir sprachen neben dem Praktischen auch viel über Musik, sie brachte mich unter anderem zu Bartok, Strawinsky, Aaron Copland und Leonard Bernstein.

Und Rock’n’Roll?

Mich inspirierten die britischen Rock-Bands der 60er-Jahre, Eric Clapton, die Rolling Stones und die Beatles. Meine Klavierlehrerin mochte das, brachte mich aber immer wieder auf die klassischen Pfade zurück.

Wie kam es zu Ihrer ersten Band?

In den 60er-Jahren entwickelte sich in den USA ein Hype, man sah die britischen Bands abends im Fernsehen, und am nächsten Tag wollte jeder eine Rock’n’Roll-Band gründen. Mit 14 spielte ich in meiner ersten Band für ein paar Dollar auf Partys und Tanzveranstaltungen. Ich hatte noch kein elektrisches Equipment, so konnten wir nur dort spielen, wo auch ein Klavier rumstand, dadurch ergaben sich Probleme.

Was für Probleme?

Die Klaviere waren meistens in einem miserablen Zustand, Schlagzeug und elektrische Gitarren viel lauter als mein Klavier. So spielte ich viele Auftritte „lost-in-the-mix“, man konnte mich einfach nicht hören.

Und die Lösung?

Ich kaufte eine Farfisa-Orgel, mein allererstes elektronisches Tasteninstrument, spielte auf ihr über einen Gibson-Starfire-Verstärker Orgel-Klas­siker wie „House of the Rising Sun“ oder „Whiter Shade of Pale“. Von da an war ich wirklich „in der Band“. Das Klavier blieb mein Hauptinstrument, aber die Orgel wurde immer mehr zu meiner Leidenschaft.

Gab es damals Lehrer für elektronische Tasteninstrumente?

Nein. Man muss sich in die Zeit der 60er-Jahre zurückversetzen, für uns hieß es immer „learning by doing“. Wir hörten die Musik unserer Helden und haben versucht sie nachzuspielen. Ich hab während meiner High-School-Zeit in ungefähr zehn verschiedenen Bands gespielt.

Wie kamen Sie nach Philadelphia?

Nach Beendigung der High School zog ich dorthin und begann ein Biologie-Studium. Mein Vater hatte die University of Pennsylvania ausgesucht, ich sollte etwas Seriöses studieren.

Rob Hyman an den Keyboards
Rob Hyman an den Keyboards: Live vermitteln The Hooters Energie pur.

Ein Biologie-Studium? Nicht Musik?

Biologie war mein Hauptfach, Musik mein Hobby. Im Herzen war es genau andersherum und das Studium Mittel zum Zweck. Ich wollte in eine größere Stadt ziehen und Bands finden, um Rock’n’Roll zu spielen. Dennoch habe ich, später als üblich, sogar mein Examen in Biologie gemacht.

Konnten Sie sich dort auch als Musiker weiterentwickeln?

Ja, es gab an der Universität Musikkurse, auch zu elektronischer Musik, moderner E-Musik wie Stockhausen oder Schönberg. Ich schrieb mich ein, so wurde Musik auch an der Hochschule mein Nebenfach. Was mir damals fehlte, war der Zugang zur Rock’n’Roll-Szene der Stadt, ein für mich unglücklicher Zustand.

Wie kamen Sie dann doch in die Musikszene von Philadelphia?

Kurioserweise über meinen Biologiekurs. Wir sollten im Team zu zweit einen Frosch sezieren. Und so standen ein gewisser Rick Chertoff und ich uns, mit Seziermessern in der Hand, an einem Tisch gegenüber und begannen dabei, uns über Musik zu unterhalten. Als wir merkten, dass wir eigentlich viel lieber über Musik reden wollten, als einen Frosch zu zerschneiden, ließen wir spontan den Frosch liegen, verließen den Biologiekurs und spielten uns später im Zimmer stundenlang gegenseitig unsere Lieblingsplatten vor. Rick war Schlagzeuger, wir freundeten uns an und gründeten die Band Wax.

Haben Sie damals schon eigene Songs geschrieben?

Ja, mit Wax hatten wir 1970/71 sogar einen Plattenvertrag, Wir fuhren nach New York und nahmen ein Album auf, das allerdings nie veröffentlicht wurde. Viele Jahre später fanden wir die Aufnahmebänder dieser College-Band wieder und haben sie mittlerweile als Live-CD veröffentlicht, für uns eine tolle Erinnerung.

Wann trafen Sie Eric Bazilian?

Das war ein paar Jahre später. Eric war ein fantastischer Sänger und Gitarrist und studierte an der gleichen Universität. Rick Chertoff verließ unsere Band, um in New York Musikproduzent zu werden. Mit meinem Freund David Kagan gründete ich in den späten 70igern die Band Baby Grand, im Verlauf der Zeit stieß dann Eric zu uns.

Wie sah Ihr Equipment zu der Zeit aus?

Ich hatte ein Hohner Pianet, spielte dieses über einen Fender Twin Reverb und drehte den Verstärker sehr weit auf, damit er übersteuerte. Das Pianet habe ich heute noch, meine erste Farfisa wurde mir leider gestohlen. Später kaufte ich mir eine Hammond L-100, ein Fender Rhodes, ein Wurlitzer-Piano, eine ganze Reihe dieser Klassiker.

Wie ging es mit Ihrer Karriere weiter?

Mit Baby Grand veröffentlichten wir zwei Alben, die beide floppten. Ich war Ende 20, zweifelte an meiner Rock’n’Roll-Karriere und überlegte ernsthaft, zu Seziertisch und Frosch zurückzukehren. Eines Tages besprach ich mit Eric, wie es weitergehen sollte – wir waren an einem Punkt angelangt, wichtige Entscheidungen zu treffen.

Die Geburtsstunde der Hooters?

Ja, wir beschlossen, eine neue Band zu gründen. Wir hörten mittlerweile den Progressive-Rock der frühen 80er, ich war einige Male auf Jamaica gewesen, liebte seitdem Reggae-Musik und sammelte Reggae-Platten. Dazu hörten wir die englische Musik von The Police, Madness und deren Reggae-Einflüsse. Diese Art von Musik fand in Amerika nicht statt, Eric und ich wollten all das mit unserem amerikanischen Rock’n’Roll verbinden: Die Hooters waren geboren.

Wie sah Ihr Live-Setup damals aus?

Mein Setup bei den Hooters bestand 1980 aus einer Orgel von Hammond, Vox oder Farfisa und einem Hohner Clavinet D6, dazu benutzte ich Roland Juno 60 und 106, Casio CZ-101 und auch eine Korg CX-3.

Welche Tasteninstrumente spielenSie 35 Jahre später auf der aktuellen Tour?

Ich spiele derzeit einen Korg Triton Extreme und brandneu dazu einen Nord Electro 5 mit 73 Tasten, mein Hohner-Amica-Akkordeon und meine Hohner Melodica Piano 36 – that’s it.

Welche Rolle spielt die Melodica bei den Hooters?

Die Melodica war das erste „rockfremde“ Instrument, das wir verwendeten. Eric hatte eine, ich sah sie bei einem Besuch in seiner Wohnung und als Augustus-Pablo-Fan und seiner Reggae-Musik auf dem Instrument war ich sofort neugierig. Wir probierten den Sound bei den Aufnahmesessions und es gefiel uns sehr. Ich spiele sie übrigens ohne Mundstück, so bekomme ich mehr Luftdruck in das Instrument und fühle mich „dichter am Sound“.

Sie wurde sogar Namensgeber für die Band?

Ja, zum Einspielen einer Spur mit der Melodica im Studio rief unser Tontechniker John O. Senior immer, dass ich meine „Hupe“, englisch „Hooter“ holen sollte. So kamen wir schließlich zu unserem Bandnamen.

Rob Hyman Akkordeon
Rob Hyman: „Beim Akkordeon hat man das Gefühl, es würde atmen“ (Foto: Miklas Wrieden)

Sie verwenden weitere Naturinstrumente wie Mandoline, Akkordeon oder Blockflöte in Ihrer Musik, wie kam es dazu?

Das war eine entscheidende Entwicklung. Eric kann fast jedes Instrument spielen – gib ihm einen Schuh und er spielt darauf. Er brachte Mandoline, Blockflöte und Mundharmonika in die Band, und ich versuchte mich am Akkordeon. Led Zeppelin hat ja auch Ähnliches gemacht und harten Rock mit naturakustischen Elementen verbunden.

Kamen eigentlich Sie zum Akkordeon oder kam das Akkordeon zu Ihnen?

Das ist eine lustige Geschichte. Als ich aufwuchs, war Akkordeon spielen in den USA uncool, dennoch liebte ich den Sound dieses Instruments und versuchte vergeblich, ihn mit meinen Synthesizern zu imitieren. 1985 führte uns eine Tour durch die Hochburgen der Zydeco- und Cajun-Musik im Süden der USA. Überall gab es dort kleine Plattenläden, dazu spielten in jedem noch so kleinen Restaurant oder Club fantastische Bands diese Musik. Meine innere Stimme sagte mir: Rob, das musst du jetzt auch ausprobieren. Ich kaufte mir ein kleines Hohner Starlet und entdeckte schnell die Dynamikmöglichkeiten des Balgs; es ist, als ob das Instrument atmen würde. Seitdem bin ich ein großer Fan des Akkordeons, das Hauptthema von „Karla with a K“ ist ein Beispiel dafür.

Gab es Feedback aus Deutschland?

Zum 30. Bandjubiläum der Hooters schenkte mir Hohner aus Trossingen ein wunderschön lackiertes Amica-Akkordeon in den Deutschen Nationalfarben, für mich eine große Ehre. Natürlich spiele ich es auch auf der aktuellen Tour.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Cyndi Lauper, die mit zwei Grammys ausgezeichnet wurde?

Unser früheres Bandmitglied Rick Certoff war ja mittlerweile Produzent in New York. Die Band von Cyndi Lauper hatte sich gerade aufgelöst und Rick suchte für sie neue Musiker für ein Solo-Album. Sie besuchten ein Konzert der Hooters, Cyndi mochte uns, und wir hatten den Deal. Zusammen mit Eric und mir erarbeiteten wir ihr Album „She’s so unusual“. Das Album verkaufte sich über 15 Millionen Mal und brachte uns im Jahr 1985 zwei Grammy-Awards und diverse Nomi­nierungen, unter anderem als „Song of the Year“ für „Time After Time“.

Nicht Ihr einziger Welterfolg als Komponist ...

Durch die Zusammenarbeit mit Joan Osborne entstand 1995 ihr Album „Relish“, für das ich einige Songs komponiert habe. Bei „One Of Us“, eine Komposition von Eric, spielte ich übrigens die Keyboards und … das Schlagzeug. Der Song wurde für drei Grammys nominiert. Auch mit den Hooters waren wir sehr erfolgreich; einige unserer Songs wurden später von anderen Künstlern ge­covert, so z.B. „Private Emotion“ von Ricky Martin. Eric und ich erwarben uns durch diese Erfolge in den USA einen guten Ruf als Songwriter-Duo.

Welche Keyboards haben Sie für die Produktion von „Time After Time“ eingesetzt?

Die meisten Sounds kamen aus meinem Roland Juno 60, den ich immer noch besitze. Ich verwendete ihn auch bei „Girls Just Wanna Have Fun“, dazu nutzte ich für das Album ein wenig Hammond, klassisches Klavier, oft ein Casio MT-40 und einen Prophet 5. Alle Demos für das Album von Cyndi haben wir auf 2- oder 4-Spur-Kassetten-Portastudios gemacht.

Haben Sie für Ihre Erfolge eigentlich eine Art Geheimrezept?

Es ist ein fließender Prozess: Eric und ich schreiben die meisten Songs zusammen, auch die Texte. In den 80ern waren wir so viel unterwegs, dass wir oft während der Tour neue Songs schrieben und sie gleich am nächsten Tag auf der Bühne ausprobierten. Vieles verwarfen wir wieder, manchmal blieb nur ein Gitarren- oder Keyboardriff übrig, das in einem anderen Kontext wieder verwendete wurde. Ich war nie der Typ, der im stillen Kämmerlein allein an einem Song arbeiten kann, daher habe ich größten Respekt vor Komponisten wie Billy Joel, die alles alleine machen.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Roger Waters von Pink Floyd für seine Produktion „The Wall“ 1990 in Berlin?

Wir spielten mit den Hooters eine Show in London. Roger war da, blieb nach dem Konzert als Einziger in der Halle und wollte uns sprechen. Wir hielten das zunächst für einen Witz, aber er outete sich im anschließenden Gespräch als großer Hooters-Fan. Später lud er uns dann zu „The Wall“ nach Berlin ein.

Und was wurde konkret daraus?

Unsere Band spielte am Nachmittag als eine der „Vorbands“ vor über einer halben Million Fans. Roger bat uns dann, auch beim Song „Mother“ von „The Wall“ mitzuspielen. Neben Sinead O’Connor, Bryan Adams, Van Morrison, Joni Mitchell und vielen großartigen Künstlern spielte Eric Mandoline und ich Akkordeon. Ein grandioses Erlebnis und ein Event, der den Hooters eine große Tür in Deutschland öffnete und uns in eine besondere Beziehung zu diesem Land brachte.

War das Konzert in Berlin auch ein Türöffner für Ostdeutschland?

Ganz bestimmt. Wir spielten nach „The Wall“ z.B. in Leipzig, Erfurt, Dresden oder Frankfurt/Oder. Wir gehörten zu den ersten amerikanischen Bands, die in diesen Städten spielten, eine ganz besondere Erfahrung.

Die Hooters und eine Coverversion von „Major Tom“? Wie kam es dazu?

Eric spricht recht gut Deutsch, er kam mit der Idee. Wir spielten den Song auf unserer letzten Deutschland-Tour das erste Mal, der Song wurde von uns „hooterized“, und die Fans liebten es. Eric spielt im Song eine Mandola und Tommy Williams Mandoline, den Prozess nennen wir „Hooterization“.

Was macht Rob Hyman in seiner Freizeit?

Musik, sie ist gleichzeitig Beruf und Hobby. In den Bandpausen verbringe ich viel Zeit damit, in meinen Elm-Street-Studios in Philadelphia junge Musiker zu coachen. Die Erfahrungen in meiner langen Karriere, Erfolge wie Misserfolge, möchte ich an junge Musiker weitergeben.