Sängerin & Dozentin Petra Scheeser im Interview: Warum beim Songwriting der Weg das Ziel ist

Wie wichtig ist der Text bei der Musik? Und wie hilft man der eigenen Kreativität auf die Sprünge? Petra Scheeser, ehemaliges Bandmitglied von „Wind“, heute als Dozentin für Gesang und Songwriting erfolgreich, hat Antworten auf diese Fragen.

Petra Scheeser
Wenn Petra Scheeser einen Song selbst singt, stellt sie auch besondere Ansprüche an die Textqualität: „Oberste Priorität hat für mich, dass mir die Songs, die ich singe, auch etwas sagen.“ (Foto: Sabine Grudda)

Frau Scheeser, mal ganz direkt gefragt: Was macht einen guten Songtext aus?

Er sollte den Zuhörer einfach ansprechen – darauf kommt es an. Wenn ich einen Song höre, und er gefällt mir, dann schwingt immer etwas mit, was mich in einer bestimmten Art betrifft.

Emotional oder intellektuell?

Beides zählt, wobei es auch auf die Musik­richtung ankommt. Bei Schlagern und Popmusik steht sicher die emotionale Ebene im Vordergrund. Popmusik hören Sie meistens im Vorbeigehen; sie läuft im Radio, im Auto, im Bistro oder auf einer Party. Die intellektuelle Ebene ist dann wohl erst in zweiter Linie interessant. Wenn ich mir den Song mehrmals anhöre und sage: Mensch, der hat Gehalt!

Reicht es auch, wenn sich der Text einfach gut anhört: „Sweet home Alabama, where the skies are so blue“?

(Lacht) Ja, das macht schon etwas aus. Aber so einfach ist es nicht. Oft sind es auch die eckigen Sachen, die einen ansprechen.

Ein Beispiel?

„Nur noch kurz die Welt retten“ von Tim Benzko. „148 Mails checken“, das ist witzig und provokant. Der Song gefällt Menschen jeder Altersschicht. Das ist etwas ganz Außergewöhnliches.

Was macht einen Text sonst noch interessant?

Zum Beispiel, wenn er einen Begriff bein­haltet, den man in diesem Zusammenhang normalerweise nicht benutzt – etwas, das sehr komisch, plakativ oder provozierend ist. Nehmen Sie „Grenade“ von Bruno Mars. „I would catch a grenade for you“, ist doch ziemlich heftig. An dem Wort bleibt man hängen, weil es das in einem Song vielleicht noch nie gegeben hat. So etwas prägt sich ein.

Müssen sich Songtexte reimen? 

Nein, kommt aber auch auf das Genre an. In der Popmusik reimen sich die Texte meistens. Aber es gibt auch gute Texte, die sich nicht reimen. Oder die sich nicht so reimen, wie wir das in der Schule gelernt haben. Unterm Strich haben die Reime auf die Textqualität heute keinen Einfluss mehr.

Gary Barlow von „Take That“ sagte mal sinngemäß in einem Interview: Songs machen heißt für mich, immer wieder neue Varianten von „Ich liebe dich“ zu erfinden. Reicht das?

Ich glaube nicht. Für eine Band wie „Take That“, die sich über diesen Boy-Group-Faktor definiert hat, war das aber sicher extrem wichtig. Gesellschaftskritische Themen hätte die Fangemeinde – überwiegend weiblich und jung – sicher weniger goutiert.

Trotzdem muss man zugeben, dass sich ein Titel wie „Back for good“ auch einprägt ... 

Ja, auf jeden Fall – das war ja auch ein Riesenhit. Wissen Sie, wir sprechen hier über ein Thema, bei dem Sie für jeden Satz, den ich sage, auch das Gegenteil anführen können – und es stimmt möglicherweise genauso. Es gibt viele Dinge, die man in Bezug auf das Song- und Textemachen lernen kann. Trotzdem hört man immer wieder Titel, bei denen man sich fragt: Warum ist das jetzt so erfolgreich?

Wie muss ein Text für Sie als professionelle Sängerin beschaffen sein, dass Sie ihn nicht nur gerne hören, sondern auch singen? Udo Jürgens soll früher bei hohen Tönen ein I bevorzugt haben wie in „Merci Chérie“.

Das ist von Sänger zu Sänger sehr unterschiedlich. Wenn ein Song im Entstehen ist, spielt man Akkorde dazu und versucht, die Melodie zu finden. Dann singt man meistens Silben oder Vokalisen (eine auf Vokale gesungene Melodie, Anm.d.Red.). Und da benutzt man in der Regel die Silben, die einem besonders gut liegen. Wenn man danach einen Text schreibt, ist es  sinnvoll, auf diesen Tönen Worte mit entsprechenden Vokalen zu finden.

Wie arbeiten professionelle Songwriter?

Manchmal ist zuerst der Text da, häufig aber auch eine Melodie oder eine schöne Akkordstruktur, die zu einem Song inspiriert. Heute ist oft auch ein Beat die Keimzelle eines neuen Songs. Musikalische Versatz­stücke und Loops, die man im Computer hortet, spielen eine große Rolle. Und auch beim Jammen mit einer Band können neue Songs entstehen.

Arbeitet man besser alleine oder im Team?

Die meisten Musiker, die ich kenne, arbeiten in Teams, weil es schön ist, einen Gegenpart zu haben, mit dem man diskutieren kann. Jemanden, der auch mal sagt: Also, das finde ich jetzt nicht so gut. Oder: Das gefällt mir besonders gut, daran arbeiten wir weiter. Alleine schmort man schon sehr im eigenen Saft. Wenn aber zu viele Leute mitreden, passiert es oft, dass gar nichts entsteht oder Gutes aussortiert wird, weil man einen Mittelweg sucht, der mutmaßlich allen gefällt.

Der klassische Weg, wie man früher einen Schlager machte, war der, dass ein Komponist und ein Texter zusammen am Flügel saßen ... 

Genau, wobei ich in meiner Generation oder bei den Jüngeren kaum jemanden kenne, der nur textet. Aber es gibt die sogenannten Topliner – die singen und machen den Text samt der Melodie. Den Ausbau des Songs, Akkordstruktur und Arrangement, übernimmt dann ein anderer. Das ist ein Procedere, wie man es heute oft findet.

Wie anspruchsvoll soll oder darf ein Songtext sein?

Jedes Mal, wenn ich einen Song singe, höre oder lese, möchte ich denken: Oh, ja, cool! Wenn sich dieser Gedanke nicht einstellt, bin ich nicht zufrieden. Da hat jeder seinen eigenen Anspruch. Ich kenne auch viele, die sagen: Hauptsache, es reimt sich, die Worte klingen gut, und die Melodie ist eingängig. Mir egal, ob das jetzt intellektuell interessant ist. Ich sehe das anders, vor allem, wenn ich die Lieder selbst singe.

Mit anspruchsvolleren Texten, wie man sie z.B. bei Ihrem Duo-Projekt PAO hören kann, erreichen Sie aber kein besonders breites Publikum.

Mag sein, aber das ist mir egal. Zwar mache ich nicht nur Musik, um sie in den Schrank zu stellen. Oberste Priorität aber hat für mich, dass mir die Songs, die ich singe, auch etwas sagen.

1987 haben Sie mit der Gruppe „Wind“ und dem Ralph-Siegel-Titel „Lass die Sonne in dein Herz“ beim Eurovision Song Contest den zweiten Platz abgeräumt. Der Text stammt von Bernd Meinunger. Könnten Sie auch so einen süffigen Schlagertext dichten?

So etwas habe ich früher auch mal versucht. Aber ganz ehrlich: Das ist für mich einfach Arbeit, da bringe ich nicht wirklich meine Gedanken zu Papier. Sondern ich überlege mir, wie sich ein Wort auf das nächste reimen könnte.

Sie lehren an der Popakademie Mannheim und an der Berufsfachschule für Musik in Din­kels­bühl neben Gesang auch Songwriting. Warum?

Ohne eigene Kompositionen kann man heute als Musiker bzw. als Sänger nicht mehr bestehen. Die Zeit der reinen Interpreten ist weitgehend vorbei. Es gibt nur noch sehr wenige davon, und die sind irgendwie auf einem anderen Stern angesiedelt. Die meisten Interpreten schreiben ihre Songs selber und haben damit etwas Originäres, mit dem sie loslegen können.

Wie gehen Sie an die Sache heran?

Wenn jemand noch nie einen Song geschrieben und vielleicht gar keine Lust darauf hat, ist der Einstieg nicht leicht. Aber auch solche Leute kann man an die Sache heranführen. Das gilt übrigens nicht nur für Texte, sondern auch für andere kreative Tätigkeiten: Man muss einfach anfangen. Wenn man dann allerdings vor einem leeren Blatt Papier sitzt, klappt das nicht.

Was schlagen Sie vor?

Man nehme z.B. ein Wort wie Fenster, Tür oder Café, irgendetwas Simples. Und dann schreibt man alles auf, was einem zu diesem Wort einfällt. Nach kurzer Zeit steht dann eine erste Stoffsammlung an der Tafel. Anschließend sage ich meinen Schülern oder Studenten: Schreibt Euch zehn Minuten lang auf, was Euch dazu einfällt: Reime, Prosa, weitere Stoffsammlungen. Wichtig dabei ist nur, dass Ihr nicht zensiert. Normalerweise setzt die innere Zensur bereits in der Sekunde ein, in der uns etwas einfällt. So fallen die besten Ideen häufig unter den Tisch.

Landet dabei nicht viel Quatsch auf dem Papier?

Sicher, aber dazwischen stehen auch meistens ein paar richtig gute Zeilen, mit denen man weiter arbeitet. Wichtig ist, dass ein kreativer Prozess in Gang kommt.

Haben Sie noch einen Tipp?

Wichtig ist eine gewisse Regelmäßigkeit beim Songschreiben. Vor Jahren habe ich Wolfgang Niedecken kennengelernt. Er hat auf seine Hosentasche geklopft und gesagt: „Da habe ich ein kleines Notizbuch, da schreibe ich alles rein.“ Wenn es ans Songschreiben geht, greift er zum Notizbuch und holt sich daraus seine Anregungen.

Gibt es auch Techniken, um die Verbindung zwischen Text und Musik gleich mit einzuüben? 

Ja, z.B. Loops. Ich arbeite gerne mit einer sich wiederholenden Akkordstruktur. Dabei sage ich mir: Auf diese vier Akkorde möchte ich Melodien haben, die nach Vers klingen. Oder Melodien, die sich nach Refrain anhören. Melodien mit einer Hookline, die einen in den Song ziehen oder auch solche, die etwas erzählen. In der Regel entstehen Text und Musik zusammen. Ich finde es relativ schwierig, auf einen bestehenden Text eine schlüssige Melodie zu finden.

Wieviel Prozent beim Songtexten sind Handwerk, wieviel Prozent Begabung?

Ich schätze das mal auf fifty-fifty. Es gibt z.B. Leute, die haben immer tolle Ideen, bringen aber nie etwas zu Ende – ein häufiges Problem. Das Ausführen von Ideen ist in erster Linie Handwerk. Man kann jeden Song fertig schreiben, wenn man will. Es wird aber trotzdem immer wieder Titel geben, die nicht fertig werden.

Sie unterrichten Pop orientierten Gesang. Wieviel Wert legt man dabei auf Textverständlichkeit? 

Also ich lege schon Wert darauf, weil es mir selbst wichtig ist. Aber ich weiß, dass es auch bekannte Interpreten gibt, die sehr wenig Textverständlichkeit haben.

Zum Beispiel Grönemeyer?

Der ist outstanding, weil es keiner macht wie er. Aber nehmen wir Jan Delay. Gesangstechnisch würde man sagen, der singt viel zu nasal und nuschelig, aber ich find’s trotzdem richtig gut. Bei den jüngeren Songwritern fällt mir Philipp Poisel ein, bei dem man den Text kaum versteht.

Und wenn er jetzt Ihr Student wäre?

Da würde ich ihm vermutlich sagen: Du, ich möchte den Text schon ganz gerne verstehen. Aber wenn er dann meint, das sei eben sein Style, lässt sich nur schwer dagegen argumentieren. Ich frage einfach immer: Willst du verstanden werden oder nicht? Und in der Regel lautet die Antwort: ja. Dann arbeitet man daran.

Gibt es für Sie einen Song, der sich unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt hat?  

Da gibt es ganz viele. Ich kann aber sagen, dass ich ein großer Fan von Paul Simon bin. Der hat unglaublich tolle Texte, die gleichzeitig sehr unspektakulär sind. Das Gegenteil von Effekthascherei, trotzdem wird man mit einer Zeile, mit einem Wort sofort in die jeweilige Situation hinein versetzt. Außerdem hat er einen unglaublichen Wortwitz: „I met my old lover on the street last night“, das sind Songanfänge, die man sich merkt. Oder Titel wie „50 ways to leave your lover“.

Müssen Texte immer Geschichten erzählen?

Texte können auch Wortkollagen sein, da gibt es gute Beispiele. Ich verstehe aber gerne auf Anhieb, worum es geht, und das ist bei Paul Simon eigentlich immer der Fall.

Haben wir noch etwas ausgelassen?  

Zum Beispiel die Rap-Texte, da geht’s dann teilweise ganz schön zur Sache. Mit fällt der deutsche Rapper Torch ein, der meines Wissens nur eine CD gemacht hat, die „Blauer Samt“ heißt. Textlich ist der weit vorne.

Inwiefern?

Da gibt es z.B. einen Song, der heißt „Blauer Schein“. Den spiele ich meinen Studenten immer als positives Beispiel vor. Torch arbeitet unheimlich spannend mit Erzählperspektiven, denn der Song ist aus der Warte eines 100-Mark-Scheins gesungen, der in Ich-Form auftritt.

Sind Rapper die Erneuerer unter den Songtextern?

Rapper machen meistens freche, gut strukturierte Songs. Torch ist nur ein Beispiel, aber auch Fanta4 mag ich immer noch. In der Regel gehen Rapper mit der Sprache viel freier und kreativer um als andere. Davon können auch klassische Songwriter eine Menge lernen.