Saga-Keyboarder Jim Gilmour im Interview: Protagonist des Progressive Rock

Der weltweite Erfolg der kanadischen Rockband Saga ist untrennbar mit dem Keyboardspiel von Jim Gilmour verbunden. Das Album „World’s Apart“ gilt als eine der besten Progressive-Rock-Produktionen. Im Interview gibt Jim Gilmour Einblicke in sein musikalisches Lebenswerk.

Jim Gilmour
Jim Gilmour: „Deutschland ist für Saga eine Art zweite Heimat“ (Foto: Sonja Inselmann)

Sie sind gebürtiger Schotte. Was hat Sie nach Kanada verschlagen?

Ich wurde in Carfin geboren, einer kleinen Stadt in der Nähe von Glasgow. Es gab dort Ende der 50er Jahre nur wenig Arbeit, so fassten meine Eltern den Entschluss, nach Kanada auszuwandern. Ich war erst ein Jahr alt und habe daher an Schottland keine Erinnerungen.

Wie kamen Sie zur Musik?

Musik war von klein auf mein Ding, bei jeder Gelegenheit habe ich gesungen; ich war Einzelkind, und meine Eltern liebten meinen Gesang. Keine Ahnung warum, aber ich hatte von Anfang an einen besonderen Bezug zu Musik.

Mit welchem Instrument haben Sie angefangen?

Mit neun Jahren meldeten mich meine Eltern bei der Musikschule an, und ich bekam ein kleines, silberfarbenes, in Italien gebautes Akkordeon. Wir lebten zu der Zeit in einem kleinen Appartement, für ein Klavier gab es weder Platz noch Geld. Später erwarb ich dann ein großes Akkordeon der italienischen Marke Lido mit 120 Bässen, das ich noch heute besitze.

Wie sah die Musikausbildung aus?

Während meiner Jugend spielte ich sogar moderne avantgardistische Akkordeonliteratur des 20. Jahrhunderts, richtig schräges Zeug. Ich mochte das sehr, zum Leidwesen meiner Zuhörer. Schließlich machte ich auch bei Wettbewerben mit und wurde Zweiter der Nordamerikanischen Akkordeon-Meisterschaften.

Welche Musik hat Sie in Ihrer Jugend fasziniert?

In erster Linie hörte ich Akkordeonmusik. Besonders fasziniert war ich von Irischer und Schottischer Musik, ich liebte jede Art von Jigs und Reels. Ich bin heute noch ein Fan der Pogues.

Mit 17 nahmen Sie Klavier- und Klarinetten-Unterricht. Warum?

Ich wollte an der Universität Musik studieren und man musste schon recht gut Klavier spielen können, um aufgenommen zu werden. So legte ich das Akkordeon zur Seite und übte Klavier. Meine rechte Hand war vom Akkordeon-Spiel gut ausgebildet, so übte ich wie ein Verrückter alles, was ich mit der rechten Hand spielen konnte, auch mit der linken Hand, die vom Akkordeon zuvor nur Knöpfe gewohnt war.

Sie haben dann an der University von Toronto studiert. Klavier?

Nein, ich schrieb mich als Gesangsstudent ein und wollte Opernsänger werden. Leider mussten mit 19 meine Mandeln entfernt werden. Die Operation schwächte meine Stimme derart, dass ich das Studium für ein Jahr aussetzen musste, um völlig gesund zu werden. Als ich das Studium wieder aufnehmen wollte, traf ich auf Saga.

Wie kam das Treffen zustande?

Ich spielte zu der Zeit in einer anderen Progressive-Rock-Band, zusammen mit Freunden von der Uni, wir spielten Songs von Yes und Gentle Giant. Der Manager von Saga kam zu einer unserer Proben, weil er auch uns managen wollte. Zufällig benötigte Saga genau zu der Zeit einen neuen Keyboarder, und so haben sie mich gefragt. Wir trafen uns, wir jammten, und anschließend meinte Jim Crichton: okey, du bist in der Band.

Es gab aber doch mit Michael Sadler und Jim Crichton zwei weitere Keyboarder in der Band?

Ja, Michael spielt wirklich gut Keyboards, und Jim spielt zeitweise auf einem Moog-Synthesizer anstatt auf dem E-Bass, aber die „großen Tasten-Aufgaben“ kann bei Saga weder der Sänger noch der Bassist übernehmen. Michael habe ich heute bei der Probe wieder einige Takes gezeigt, die er an seinen Keyboards mitspielen könnte. Er ist übrigens auch gut am E-Bass, ein Multi-Talent.

Ihr erstes elektronisches Instrument?

Mein erstes elektronisches Keyboard war ein Yamaha-Synthesizer CS-80. Ich habe ihn für meine erste Band gekauft und ihn auch mit zu den ersten Saga-Sessions gebracht.

Sie gaben nach dem Einstieg in die Band Ihr Studium auf. Für Sie die richtige Entscheidung?

Die Band hatte einen Riesenerfolg, wir waren „on top of the world“ und verdienten viel Geld. Kurioserweise haben wir das meiste davon nie gesehen.

Dennoch, für Sie als einen der Komponisten, wird sicherlich auch Geld geflossen sein?

Das stimmt schon. Ich war an vielen Songs als Autor beteiligt. Wie in Deutschland die GEMA, kümmert sich in Kanada die SOCAM um die Rechte der Komponisten und Texter. ASCAP in Amerika ist auch eine solche Organisation.

Gab es trotz Ihres eigenen Erfolgs für Sieauch musikalische Vorbilder?

Natürlich, allen voran Keith Emerson und Rick Wakeman. Später hab’ ich mich mehr für Jazz interessiert und begeisterte mich z.B. für Chick Corea.

In Ihrem aktuellen Live-Setup befindet sich kein 88-Tasten-Keyboard mit Hammermechanik. Warum?

Wir spielen mit Saga sehr viele Shows. Mit gewichteten Tastaturen fängt es irgendwann an, weh zu tun. Ich bin die leicht gewichteten Tasten eines Synthesizers gewöhnt und komme damit klar. Die Lead-Phrases eines Synthesizers funktionieren ohnehin nicht anders. Zu Hause oder im Studio ist das wieder eine ganz andere Geschichte.

Welche Rolle spielen Keyboards wie Fender Rhodes, Hohner Clavinet oder die Hammond-Orgel für Sie?

Ich hatte fast alle dieser legendären Instrumente, habe sie gespielt und letztendlich wieder verkauft. Zu Hause in Kanada steht immer noch mein Mini-Moog. Bei Saga habe ich früher alle diese legendären Keyboards benutzt, einzige Ausnahme: eine Hammond war bei uns nie im Setup. Wir haben den Sound eigentlich nur auf dem Album „Generation 13“ benutzt.

Benutzen Sie bei Ihren Synthesizern die Sound-Presets oder arbeiten Sie daran, um sie zu ändern?

Ich bin ein echter „Sound-Schrauber“. Manchmal brauche ich Monate, um den richtigen Sound für einen Song zu finden.

Sie haben auch Tanzmusik auf einem Kreuzfahrtschiff gespielt?

Ja, das ist ungefähr 15 Jahre her und hat natürlich nichts mit Saga zu tun. Ich hab’ das aus Spaß gemacht, als Saga nach einer Tour und vor dem nächsten Album pausiert hat. Wir haben an fünf Tagen echte Tanzmusik gespielt, Standards wie z.B. „Moon River“. Am 6. Tag gab es eine Rock’n’Roll-Show mit mir am Piano, am 7. Tag hatten wir frei. In jeder freien Minute hab’ ich mit Keyboard und Sequencer an neuen Saga-Songs gearbeitet.

Saga in aktueller Besetzung
Saga in aktueller Besetzung mit Mike Thorne, Ian Crichton, Michael Sadler, Jim Gilmour und Jim Crichton (v.l.). (Foto: Alexander Mertsch)

Die neue CD „SagaCity“ erscheint auf dem Deutschen Label Edel in Hamburg. Eigentlich ungewöhnlich für eine Kanadische Rockband?

Nein, für uns macht es Sinn. Schließlich ist Deutschland für Saga so etwas wie eine zweite Heimat. Wir haben hier eine große Fan-Gemeinde; viele Meilensteine unserer Bandgeschichte wie das legendäre Rockpalast-TV-Konzert fanden hier statt, und wir lieben das Land und seine Menschen.

Besaßen Sie Anfang der 80er Jahre auch einen Fairlight-Synthesizer?

Nein, für unsere Produktionen damals in London hat sich Rupert Hine darum gekümmert. Ich habe mir damals einen PPG-Synthesizer gekauft. Auch um die ersten Software-Sequencer wie Creator oder Notator habe ich mich damals noch nicht gekümmert.

Benutzen Sie heute bei Saga Audio-Zuspielungen oder Sequenzen?

Nein, ich spiele alles live! Ich benutze auch selten MIDI-Kabel auf der Bühne, jeder Synthesizer arbeitet für sich. Für einen Song von unserem neuen Album benötige ich allerdings auf dieser Tour einen besonders fetten Strings-Sound, den werde ich dann über MIDI von insgesamt drei Synthesizern gedoppelt spielen.

Wie verwalten Sie die Sounds Ihrer Keyboard-Burg?

Ich kenne meine Instrumente sehr gut, daher schalte ich die benötigten Sounds einfach mit der Hand um. Die Verwaltung funktioniert bei mir im Kopf. Ich lege mir alle Sounds, auch Layer, vorher so zurecht, dass sie sofort funktionieren. Die Korg-Synthesizer sind dafür wirklich sehr geeignet und haben einen fetten Sound. Auf dieser Tour bekomme ich alle Instrumente, einen Korg Kronos und einen King Korg von der Company aus Deutschland, ein vorbildlicher Support.

Wie bereiten Sie dann Ihre Sounds in Kanada vor?

Ich habe auch zu Hause in Toronto einen Korg Kronos. Alle benötigten Sounds speichere ich auf einem USB-Stick und lade sie dann entsprechend in das mir hier zur Verfügung stehende Setup.

Sie hatten 2011 eine Augenoperation. Können Sie heute auf der Bühne überhaupt die Displays der Instrumente korrekt sehen?

Das ist schon ein Problem. Ich hatte eine Netzhautablösung. Morgens bin ich in Köln im Hotel aufgewacht und konnte ohne Vorwarnung auf einem Auge nicht mehr sehen. Meine Ärzte haben mir gesagt, dass so etwas jedem passieren kann. Es hatte mit meinem Job als Musiker oder Rockstar nichts zu tun.

Die Band hat dann innerhalb von zwei Tagen Andreas Gundlach aus Berlin als Ersatz geholt. Hatte er irgendwelche Vorlagen für die Songs?

Nein, das war alles sehr kurios. Ich spiele grundsätzlich alles auswendig, es gibt keine Leadsheets, keine Noten der Saga-Songs. Andreas hatte als Vorlage nur Aufnahmen von uns, es gab eine Probe während des Soundchecks, und ab ging die Show. Um ihm zu helfen, wurden nur die „einfacheren“ Songs gespielt, daher war die Show während meiner Abwesenheit auch deutlich kürzer.

Ihr größter Erfolg, das Album „Worlds Apart“ wurde zu Beginn der 80er Jahre in London von Rupert Hine produziert. Wie kam es zum Kontakt mit ihm?

Wir hörten damals ein Album von ihm, es gefiel uns sehr, und dann haben wir mit ihm Kontakt aufgenommen. Die Initiative ging von uns aus. Wir schrieben dann alle Songs für „World Apart“ in England. In der Zeit hatte ich auch Gelegenheit, in Schottland meinen Geburtsort zu besuchen.

Saga spielte als erste westliche Rockband überhaupt 1983 in Budapest hinter dem Eisernen Vorhang. Ein etwas anderes Rock-Konzert?

Oh ja, das war wirklich sehr befremdlich. Wir wurden ständig bewacht; man erzählte uns vor der Show, wir dürften einen unserer Songs nicht spielen, weil wir im Text Minenfelder erwähnt hatten. Das Regime hatte sich vorher offensichtlich intensiv mit unseren Songs und den Texten beschäftigt. Ein Jahr später durften wir in der DDR spielen, ähnlich befremdlich: Das Publikum wirkte sehr „ausgesucht“, und sie sahen aus, als ob sie in die Oper und nicht in ein Rock-Konzert gehen wollten.

Sie gehören für Ihre Fans schon immer zu Saga. Dennoch waren Sie einige Jahre nicht dabei ...Ich war tatsächlich ungefähr fünf Jahre lang nicht in der Band. Das war Ende der 80er Jahre; es gab einen Break, und ich spielte mit anderen Jungs.

Und wie kamen Sie zurück in die Band?

Ich spielte damals auf der Musikmesse in Frankfurt und machte Demos für die Firma Korg in einer dieser kleinen stickigen Schallkabinen. Während einer der Shows stand für mich völlig unerwartet Michael Sadler im Publikum, kam auf die Bühne, sang und performte mit mir. Danach fragte er mich, ob ich nicht zurück in die Band kommen wolle, und ich sagte: geht klar.

Wie hat sich in den Saga-Jahren Ihr Keyboard-Equipment verändert?

Nach dem PPG-System habe ich sehr gerne und viele Roland D-50s auf der Bühne benutzt, natürlich auch viele Yamaha-Synthesizer – vieles, was neu und leider auch teuer war.

Sie wurden doch bestimmt von den Herstellern kostenlos mit Equipment ausgestattet?

Nein. Korg war die erste und einzige Firma, die mich bis heute durch ihren Support in meiner Arbeit unterstützt hat. Genaugenommen habe ich mir mein Equipment immer selbst gekauft.

Wie sieht Ihr Home-Studio in Toronto aus? Stehen dort noch viele „Tasten-Legenden“?

Mein Home-Studio besteht aus meinem Laptop mit Microsoft-Betriebssystem, darauf installiert das Programm Presonus Studio One, und einem aktuellen Korg Kronos. Mehr brauche ich nicht. Alle Mitglieder von Saga benutzen das gleiche System, wir werden von Presonus gesponsert, und so sind wir jederzeit kompatibel und können unsere Ideen austauschen. Früher habe ich auch Steinbergs Nuendo gerne genutzt.

Im November 1999 haben Sie mit Saga auf Ihrer Tour durch Europa im Mittelteil der Show auch ein „Acoustic-Set“ mit Ihnen am Akkordeon gespielt. Warum seitdem nicht wieder?

Das hat keinen besonderen Grund. Eigentlich eine gute Idee, vielleicht gibt es ja Saga demnächst unplugged. Mein Akkordeon steht dafür jederzeit bereit, und ich hätte bestimmt Spaß daran.

Sie haben zwei Solo-CDs produziert. Gibt es weitere Jim-Gilmour-Projekte?

Ich habe vor zwei Jahren ein Projekt mit Glen Drover, dem Ex-Gitarristen von Megadeth gestartet. Unser Instrumental-Album „Metalusion“ ist inzwischen auf dem Markt. Wir spielen darauf eine Mischung aus Jazz und Fusion, allerdings im Heavy-Rock-Sound.

Haben Sie auch für andere Künstler gearbeitet?

Ja, vor ungefähr 10 Jahren spielte die schwedische Rockband A.C.T. den Support auf unserer Europa-Tour. Wir wurden Freunde, und sie baten mich um ein Synth-Solo zu einem ihrer neuen Songs. Zurück in Kanada habe ich das dann eingespielt, ihnen den Take über das Internet zugeschickt, und sie haben es im Studio in ihren Song eingebaut. Für solche Sachen setzt man sich heutzutage nicht mehr ins Flugzeug.

Wie arbeitet Jim Gilmour? Organisiert oder eher „last minute“?

Da bin ich wie viele meiner Kollegen: Ich werde erst richtig warm, wenn es eigentlich schon fast zu spät ist. An erster Stelle stehen meine Lieblings-Sendungen im Fernsehen, und erst danach fange ich an zu arbeiten.

Und was passiert als Nächstes?

Das neue Album „Sagacity“ wird im Juni veröffentlicht, und wir in der Band sind sehr gespannt, was weiter passiert.