Shakatak-Keyboarder, Pianist und Songwriter Bill Sharpe im Interview: Smooth Operator

Die Band Shakatak hat bis heute weltweit mehr als 10 Millionen Tonträger verkauft. Keyboarder und Mastermind Bill Sharpe gilt als Wegbereiter des Jazz-Piano in der Popmusik und als Smooth-Jazz-Spezialist. Detlef Gödicke bekam ihn während einer kurzen Pause der „On The Corner-Tour“ für ein Interview ans Telefon.

Bill Sharpe
Bill Sharpe ist Keyboarder, Komponist, Arrangeur und Produzent. Er spielt mit Shakatak, Sharpe & Numan, Don Grusin, Eddie Clarke (Motorhead), Jah Wobble und macht Solo-Projekte. (Foto: Shakatak)

Sie sind mit Shakatak in England, Japan, Deutschland und Mexiko auf Tour. Warum gerade diese Länder?

Alle Mitglieder der Band stammen aus England, hier sind unsere Roots. Japan ist ein ganz wich­tiges Land für uns, in Deutschland wieder zu spielen ist für unsere Fans längst überfällig, und in Mexiko waren wir 1983 mit unserem Album „Nightbirds“ Nummer 1 der Charts.

In Japan ist Ihre Band seit 1983 besonders erfolgreich. Wie erklären Sie sich das?

Vielleicht, weil „Nightbirds“ ein Instrumental ist und wir laut Aussage eines Freundes mit unserem Sound die fundamentale japanische Seele berühren. Unsere Plattenfirma Polydor in Japan forderte von uns eine Zeitlang sogar zwei Alben pro Jahr, da kam in der Band schon Hektik auf.

Shakatak galt 1983 als meistgebuchte Charts-Band weltweit?

Ja, in dem Jahr spielten wir ungefähr 250 Shows in der ganzen Welt, wir haben extrem hart gearbeitet und waren oft sehr müde.

Wer ist in der Band auf der aktuellen Tour dabei?

Wie immer dabei sind neben mir aus der Ur-Besetzung von 1980 Roger Odell an den Drums, George Anderson am Bass, Jill Saward als Lead-Sängerin und Percussionistin, dazu Alan Wormand an der Gitarre und Debby Bracknell, Background-Gesang und Percussion.

Welche Keyboards spielen Sie derzeit live?

Keyboards auf Tour müssen für mich gut klingen – und transportabel sein. Derzeit spiele ich auf zwei älteren Instrumenten. Das untere ist ein Yamaha Motiv ES 8 mit Hammermechanik, als Sounds verwende ich das Acoustic Piano, die E-Pianos, besonders das Rhodes, Strings und ein wenig Brass. Über den integrierten 12-Kanal-Mixer mische ich alles und rufe live die verschiedenen Mixturen über von mir vorprogrammierte Patches ab.

Und woher kommen die fetten Lead-Synth-Sounds?

Von einen Korg Triton Studio, irgendwie erinnert er mich an den Arp Odyssey, den ich Anfang der 80er gespielt habe.

Arbeiten Sie auf der Bühne auch mit Expandern oder Sounds vom Computer?

Nein. Früher habe ich wie alle Kollegen jede Menge Equipment auf die Bühne geschleppt, heut­zutage mag ich es einfach, z.B. auf dem Motif nur vier bis fünf Patches zu verwenden, zwischen denen ich hin und her schalte.

Wie kamen Sie zum Klavier?

Alle im Haus spielten auf einem Bechstein-Klavier, mein Vater z.B. Jazz-Standards nach Gehör, ich liebte diese Art von Musik. Meine Mutter und meine Schwester spielten klassisch nach Noten. Mit sieben Jahren bekam ich den ersten Unterricht.

Und wann Ihr erstes elektrisches Tasteninstrument?

Mein allererstes E-Piano war ein Fender Rhodes Stage 73. Ich arbeitete nach meinem Musikstudium sechs Jahre lang bei der BBC als Toningenieur. Nebenbei spielte ich mit geliehenem Equipment in verschiedenen Bands. Von meinen Einnahmen sparte ich jeden Monat etwas an, bis ich mir Ende der 70er-Jahre endlich mein erstes Trauminstrument kaufen konnte. Mein erster Synthesizer
wurde dann der ARP Odyssey, an dem ich viele Nächte verbracht habe, um ihn bedienen zu
können. Ich habe ihn bei Rod Argent in seinem Musikgeschäft in London gekauft. Rod war selbst Musiker und mit den Zombies und danach mit Argent sehr erfolgreich.

Keith Emerson hat Sie in Ihrer Jugend besonders beeindruckt. Wie haben Sie sich ihm genähert – durch Hören und Nachspielen?

Ich hörte damals Beatles, Genesis und die vielen Progressive-Rock-Bands. Nice mit Keith Emerson und später ELP haben mich dann umgehauen. Ich war so beeindruckt, dass ich alles von ihnen nachspielte. Die rechte Hand von Keith war so „jazzy“, beim Nachspielen an unserem Klavier half mir dabei die frühe Gehörschule meines Vaters.

Und Ihr Zugang zu Jazz und Fusion?

Ein Freund spielte mir Chick Coreas Album „Hymn Of The Seventh Galaxy“ vor. Dadurch bekam ich auch Zugang zu Herbie Hancock und dessen amerikanischer Art, Jazz, Funk und Fusion zu verbinden. Es war für mich eine völlig neue Stilistik auf dem Fender Rhodes; dieses Instrument musste ich einfach eines Tages besitzen.

Mit der Gründung von Shakatak 1980 schufen Sie einen neuen Musikstil und machten das Jazz-Piano im Pop salonfähig? Wie kam es dazu?

Ich beschäftigte mich zu der Zeit ständig mit der Jazz/Funk/Fusion-Musik, analysierte z.B. die Musik von George Benson. Als wir die Band gründeten, schrieb ich viele Songs, und wir kamen auf die Idee, das akustische Klavier als Teil unseres Sounds einzusetzen. Mit dem gigantischen Erfolg unseres Albums „Nightbirds“ wurde die Vision bestätigt, und wir hatten das erste Mal das Gefühl, nach Shakatak zu klingen.

Shakatak
Shakatak auf der aktuellen Tour: Bill Sharpe an den Keyboards, Jill Saward als Lead-Sängerin und Percussionistin, George Anderson am Bass sowie Roger Odell (Drums), Alan Wormand (Gitarre) und Debby Bracknell (Background-Gesang und Percussion). (Foto: Shakatak)

Laut Wikipedia spielen Sie derzeit mit zwei Keyboardern. Stimmt das?

Nein. Nigel Wright gehörte zu den Gründungsmitgliedern von Shakatak, die sich aus ursprünglich zwei Bands zusammenfanden. Zu diesem Musiker-Pool gehörte auch Trevor Horn am Bass. Nigel war mitverantwortlich, dass wir unseren eigenen Stil finden konnten, und wurde dann bei den ersten Alben unser Producer.

Konnten Sie damals ahnen, dass Ihr Stil Key­boarder und Pianisten in der ganzen Welt bis heute inspirieren würde?

Nein, wir waren nur fokussiert auf das, was wir taten. Als später Yamaha in Japan begann, unsere Songs als Demos in ihre Electone-Orgeln zu programmieren, war ich schon sehr stolz.

Jede „Contemporary-Style-Bank“ eines modernen Keyboards mit Begleitautomatik ist voll von Shakatak-inspirierten Grooves. Ist Ihnen das bewusst?

Ich habe ein paar Freunde, die Styles für die Tyros-Serie von Yamaha programmieren, vielleicht hat sie unsere Musik inspiriert.

Sie spielten in vielen Jahren von Shakatak auf der Bühne auch ein Yamaha CP-70. Warum?

Als wir Anfang der 80er begannen Konzerte zu spielen, brauchte ich ein transportables Instrument, das unseren Klaviersound imitieren konnte, denn nicht immer stand ein Klavier auf der Bühne. Ich habe den CP-70 viele Jahre gespielt, er klingt nicht wirklich wie ein Flügel, aber er war einfach zu verstärken und hatte echte Saiten. Auf unseren Alben spiele ich immer einen echten Konzert-Flügel.

Wie arbeitet die Band? Wie entsteht ein typischer Shakatak-Song?

In der Regel stammt die Basis-Komposition von mir, die Band-Mitglieder bekommen Demos davon. Danach treffen wir uns, alle bringen ihre Ideen ein, und wir entwickeln gemeinsam das Endresultat. In welchem Studio wir dann das Album aufnehmen, hängt auch von der Qualität des dort stehenden Flügels ab. Um die Vorauswahl kümmert sich ein Freund von mir, der die verfügbaren Studios aufsucht und den Flügel überprüft.

Die Liste Ihrer erschienenen Alben und Compilations scheint endlos. Haben Sie einen Überblick, wie viele Titel Sie bis heute in etwa komponiert haben?

Nicht genau, aber es dürften über 300 Titel sein.

Hatten Sie auch in den USA Chart-Erfolge mit Shakatak?

Ja, allerdings nicht den Erfolg wie in anderen Ländern. Mein Freund Don Grusin half mir, 1997 mein zweites Solo-Album in Los Angeles mit fantastischen Musikern aufzunehmen. Sie spielten grandios, und es war für mich eine Ehre. Trotzdem kann es sein, dass Shakatak als englische Band mit amerikanischem Sound in den USA von Anfang an mit Skepsis betrachtet wurde, und es daher dort nie richtig losging.

Don Grusin, der Bruder von Dave Grusin? Wie kamen Sie in Kontakt?

Ich traf Don 1996 in Japan. Der damalige Keyboard-Hersteller Technics hatte uns auf Empfehlung eines Freundes eingeladen, an der Entwicklung des ersten professionellen Technics-Synthesizers mitzuarbeiten, des WSA. Wir flogen mehrere Male in das Werk und wurden durch unsere Arbeit Freunde. Leider wurde der WSA durch Marketing-Fehler kein großer Erfolg.

Gab es in der Vergangenheit auch Kritik aus der „Pure-Jazz-Fraktion“ für den Shakatak-Style?

Wir haben uns nie als Jazz-Band gesehen, aber natürlich gab es Kritik aus der Jazz-Szene. Kein Wunder, wenn eine Band wie wir auch noch großen kommerziellen Erfolg hat.

Einige Ihrer Kompositionen, allen voran „Nightbirds“, gehören heute zu den All-Time-Jazz-Standards. Sind Ihnen bemerkenswerte Cover-Versionen Ihrer Titel durch andere Musiker/Bands bekannt?

Ein Gitarrist namens Jerome Rico hat bei Youtube vor kurzem eine für mich außergewöhnliche Ver­sion von „Nightbirds“ veröffentlicht, die ist sehr interessant.

Gehört das klassische Pianospiel noch zum Repertoire von Bill Sharpe?

Ich hatte von Anfang an eine fundierte Klavier­ausbildung. Heute noch spiele ich mindestens eine Stunde technische Übungen. Sie sind wichtig für jede Art von Musik, die man spielen möchte.

Sie sind mit Shakatak in diesem Jahr auf der Frankfurter Musikmesse für Yamaha aufgetreten. Wie kam es dazu?

Wir wurden von Yamaha angefragt, im Rahmen einer Abend-Show für Fachhändler in der Festhalle Frankfurt zu spielen. Anlass war die Vorstellung der neuen Clavinova-CLP-Serie mit dem integrierten Bösendorfer-Flügel-Sample. Wir haben nur 20 Minuten gespielt, aber ich war angenehm überrascht von dem warmen Sound dieser Nachbildung.

Ich habe von einer lustigen Begebenheit unmittelbar vor Ihrer Show gehört. Was war passiert?

Wir wollten gerade unsere Show mit dem Titel „Nightbirds“ beginnen, als sich vor meinen Augen das CLP von selbst ausschaltete. Man hatte wohl vergessen, den neuen „Power-off-Modus“ zum Stromsparen auszuschalten.

Was machen Sie, wenn Sie nicht Musik machen?

Kaum zu glauben, aber ich höre zur Entspannung gern Musik. Und ich habe Golf für mich entdeckt. Wir hatten letzte Woche einen lustigen Tag auf dem Platz mit Mark King und den Freunden von Level 42.

Sie arbeiten seit fast 35 Jahren mit den gleichen Musikern zusammen? Wie funktioniert das?

Wir sind einfach gute Freunde und machen die Musik, die uns Spaß macht.