Singer-Songwriter Gordon November im Porträt: Gutes Entertainment Gutes Entertainment

Chansonnier oder Rocksänger? Gordon November kombiniert anspruchsvolle Texte mit brillantem Instrumentalspiel und stilistischer Vielfalt.

Gordon November kann vieles – und er tut es auch. Wer seine Musik hört, kann sich nicht entscheiden, in welche Schublade er den musikalischen Newcomer stecken soll. Muss man auch gar nicht, denn gerade hier liegt das Besondere seiner Musik: Gekonnt bedient sich der 29-jährige Pianist auf seiner neuen CD „XI“ bei den unterschiedlichsten Stilrichtungen: von Jazz über Salsa, afrikanischen Elementen und balladesken Arrangements bis hin zur kernigen Rockmusik. Gordon November sieht sich selbst vor allem als Entertainer, der seine Gäste gut unterhalten will: „Ich mag es nicht, wenn das Publikum gelangweilt ist.“ Dieser Fall dürfte allerdings eher selten bis nie eintreten, glaubt man der bislang durchweg begeisterten Presse nach seinen Konzerten.

Vorliebe für Tasteninstrumente

Aufgewachsen ist Gordon November in Puttlingen irgendwo zwischen Bodensee und Schwarzwald. In seiner Familie werden eher Blasinstrumente gespielt, doch mit sechs Jahren entdeckt er das Klavier für sich und hat in der Folge 13 Jahre lang Unterricht – zunächst in klassischem Klavierspiel, später auch in Jazzpiano. Daneben interessieren ihn so gut wie alle Tasteninstrumente: Mit 13 Jahren wird er Organist in einer Kirchengemeinde, dazu kommt ein Jahr lang Akkordeonunterricht. Das Akkordeon setzt er noch heute effektvoll bei seinen Konzerten ein: „Manchmal komme ich am Ende des Abends von hinten durchs Publikum mit dem Akkordeon und spiele Volksmusik“, schmunzelt der Entertainer, „das ruft dann zuerst nicht bei jedem Begeisterung hervor.“ Doch Stilbrüche gehören zum Konzept – das macht eben den Reiz eines Konzerts oder einer CD von Gordon November aus.

Zwischen Anspruch und Unterhaltung

Nicht weniger wichtig sind seine Texte, die sich durch jede Menge Ironie und Augenzwinkern, aber auch durch Ernsthaftigkeit und Nachdenklichkeit auszeichnen. November schreibt sie genauso selbst wie seine Musik. Er sieht sich als typischen Vertreter der Generation „Y“: „Ich bin in den 1990er-Jahren aufgewachsen und wurde später konfrontiert mit den Herausforderungen unserer modernen Gesellschaft wie Arbeitslosigkeit bzw. immer mehr befristeten Arbeitsverträgen, einem instabiler werdenden familiären Umfeld, Burnout, Finanzkrisen und vielem mehr.“ Und so sind auch seine Songs geprägt von komplexen Themen. Diese verpackt der Entertainer allerdings so kurzweilig, dass der Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung mühelos gelingt.

Sein Publikum weiß dies zu schätzen: „Die meisten Konzertbesucher sind an aussagekräftigen Texten interessiert, die musikalisch gut verpackt sind“, weiß der Puttlinger. Und so ist auch die Altersstruktur des Publikums außerordentlich breit angelegt: „Zwischen 15 und 70 ist alles dabei.“ Das kennt man sonst nur von Udo Jürgens. A propos: Oft wird November mit dem Altmeister verglichen, doch der noch junge Künstler gibt sich bescheiden: „Noch bin ich nicht größenwahnsinnig. Diese Lücke kann keiner ausfüllen. Ich reiße lieber eine neue – nämlich meine eigene.“

Einmal kam Udo Jürgens tatsächlich nach einem Konzert zu November ans Klavier und sagte ihm, wie toll er seine Musik fände. Nur beim Klavierspiel hätte er ja ein paar Mal daneben gelangt. „Udo Jürgens wusste offensichtlich nicht, dass kurz vor meinem Auftritt jemand einen massiven Kerzenständer ins Klavier geschmissen hatte und fast ein Drittel aller Tasten nicht funktionierte“, erinnert sich November, „und ich musste um diese Tasten herumspielen. Dass er am Ende dachte, das Klavier wäre in Ordnung, fühlte sich für mich an, als hätte ich gerade einen Grammy gekriegt.“

Pianist und Songwriter

Als Pianist komponiert November am Klavier. Früher begann er mit der Melodie und probierte dann herum, bis der Text passte – suboptimal. Später versuchte er es umgekehrt: „Das ging gar nicht.“ Doch längst hat der Künstler seinen Weg gefunden: „Ich suche nach einem guten Refrain, auf den die Melodie von Anfang an passt, sonst wandert der Song gleich in den Mülleimer.“ Die Strategie scheint sich zu bewähren, dann sein neues Album wimmelt von eingängigen Hooklines, attraktiven Grooves und einem überzeugenden Text-Musik-Gemisch. Und auch einige Preise, die November in den vergangenen Jahren gewinnen konnte, zeigen, dass er als Songwriter einfach richtig liegt. Mit dabei waren der Potsdamer Musikpreis sowie der Deutsch-Französische Liedermacherpreis.

Auf der Bühne spielte der langjährige tastenwelt-Leser zunächst ein Roland RD-150, später schaffte er sich ein RD-700 an: „Das Instrument war zuverlässig, die Sounds gut, aber es konnte sich auf der Bühne nicht gut durchsetzen.“ Heute spielt er ein Nord Stage 2, mit dem er rundum zufrieden ist.

Und warum November?

Bleibt noch die Frage, warum sich ein vor kreativer Energie sprühender Künstler ausgerechnet den düstersten aller Monate als Künstlernamen zulegt? Auch hier weiß Gordon November auf typisch-augenzwinkernde Weise zu antworten: „Nichts gegen den November, für uns Künstler ist das ein toller Monat. Es ist wieder länger dunkel, kälter und es steht eine längere emotionale Durststrecke an“. In Novembers Kalkül werden die Menschen dann schleichend depressiv und suchen schließlich Zuflucht in Konzerten: „Dann herrscht Konjunktur, wir leisten emotionale Aufbauarbeit, und wenn wir Glück haben, dann können wir danach endlich unsere letzten Monatsmieten nachzahlen“. Für alle, die eine Extradosis Energie benötigen, ist Gordon November allemal die ideale Adresse.