So finden Sie das passende Klavier

Wir zeigen Ihnen, wie Sie das passende Klavier für sich finden. Wenn man es sich leisten kann, sollte man ein neues Klavier kaufen. Aber nicht alle Klaviere derselben Preislage sind gleich. Sogar zwischen zwei anscheinend identischen Instrumenten gibt es Unterschiede. Unsere Tipps fürs Probespielen helfen bei der Auswahl.

Umfragen belegen: Viele Menschen träumen davon, Klavier spielen zu können und ein eigenes Klavier zu haben. Selbst obwohl es inzwischen viele hervorragende Digitalpianos gibt, sind akustische Klaviere und Flügel immer noch der Maßstab. Die Preise für neue Klaviere sind in der letzten Zeit gefallen. Dank steigender Einkommen können sich jetzt in vielen Ländern mehr Menschen als je zuvor ein neues Klavier leisten. Mit dieser Kaufberatung bieten wir Ihnen eine Hilfestellung, wie Sie aus der Masse an Instrumenten das für sich passende herausfinden können.

Die gute Nachricht zuerst: Es werden heutzutage keine wirklich schlechten Klaviere mehr hergestellt. Die Wahrscheinlichkeit, einen faulen Apfel wie 

etwa das bis 1975 gebaute, wirklich grauenvolle Lindner-Piano aus Irland zu erwischen, ist extrem gering. Wenn man heute ein neues Klavier kauft, ist es so gut wie garantiert, dass es allen modernen Ansprüchen genügt und man jahrelangen hervor­ragenden Service hat.

Dies bedeutet nun aber nicht, dass man sich gar keine Gedanken mehr machen muss und dass alle neuen Klaviere gleich gut sind. Auch hier gilt: Man kriegt das, was man bezahlt.

In der Einsteigerklasse ist die Qualität zwar bereits recht hoch, doch auf einer Art Standardniveau ohne große Unterschiede. Darüber wird die Auswahl riesig: Je mehr man auszugeben bereit ist, desto eher bekommt man das, was man möchte. Doch auch innerhalb eines festen Preisrahmens gibt es zahlreiche Möglichkeiten. Wie trifft man nun die richtige Entscheidung?

Probespielen ist der Schlüssel

Ohne mehrere Instrumente auszuprobieren und anzuhören, kann man keine vernünftige Entscheidung treffen. Wer selber spielen kann, sollte beim Händler eine Auswahl von Klavieren spielen, bis er spürt, welches zu ihm passt.

Wer (noch) nicht spielen kann, sollte jemanden mitnehmen, der es kann. Gegen Bezahlung vielleicht sogar einen Profi oder einen Musikstudenten. Das muss nicht unbedingt teuer sein – Studenten brauchen immer Geld und während der Ladenöffnungszeiten gibt es wenig andere Auftrittsmöglichkeiten. Ein guter Händler wird nicht zu einer Entscheidung drängen, auch nicht beim zweiten oder dritten Mal, man sollte sich also wirklich Zeit lassen.

Es kann auch eine gute Idee sein, einen Klaviertechniker zu bitten, mitzukommen, um die end­gültige Entscheidung zu treffen. Ein mechanischer Apparat wie ein Klavier erzeugt viele Nebengeräusche, die man normalerweise kaum wahrnimmt. So ist es nur von Vorteil, von jemandem beraten zu werden, der wirklich alle, auch die „unmusikalischen“ Töne beurteilen kann, die aus dem Klavier kommen.

Ist es tatsächlich nötig, ein fabrikneues Klavier so eingehend zu prüfen? Zugegebenermaßen kann man auch so Glück haben, doch ist es kein übertriebener Aufwand. Denn auch wenn die Klaviere bei der industriellen Produktion einer ständigen Qualitätskontrolle unterliegen, handelt es sich doch weitgehend um Handarbeit und um natürliche Materialien; Abweichungen und Unterschiede sind daher unvermeidlich. Das bedeutet nicht, dass es gute und schlechte neue Klaviere gibt. Aber es bedeutet zum einen, dass hier und da eine Kleinigkeit korrigiert werden muss, und zum anderen, dass jedes Klavier aufgrund dieser natürlichen Unterschiede seinen ganz eigenen Ton hat. Ein Klaviertechniker kann helfen, dies im wahrsten Sinn zu „begreifen“ und das passende Klavier zu finden.

Drei wichtige Regeln für das Probespielen haben wir im Tipp-Kasten für Sie zusammengefasst. Um die Auswahl dabei einzugrenzen, sollte man sich einige neuralgische Stellen genauer ansehen. Ihre Beachtung kann helfen, das perfekte Klavier zu finden, oder realistischer betrachtet, das beste Klavier für das Geld, das man auszugeben bereit ist, zu bekommen – eines, auf dem man gerne spielt.

Worauf Sie achten sollten

Alle neuen Klaviere haben Kreuzbesaitung. Die Kreuzungsstelle ist dabei eine konstruktive Schwachstelle. Ist beim Spielen in diesem Bereich eine Klangveränderung hörbar? Wenn man diese Stelle beim bloßen Hören wahrnimmt (also ohne hinein zu sehen), hat irgendwer, Konstrukteur oder Klavierbauer, nicht gut gearbeitet. Auch die Dämpfer sind an dieser Stelle kürzer. Klingen staccato gespielte Töne hier länger? Wenn man dies jetzt schon bemerkt, wird man sich später noch mehr drüber ärgern.

An der Kreuzungsstelle ändern sich oftmals auch die Saiten. Kann man diese Stellen wieder nur durch Hören herausfinden? Wenn ja, handelt es sich um ein Klavier von fragwürdiger Qualität. Typischerweise gibt es bei jedem Klavier zwei kritische Stellen beim Saitenwechsel: von der Dreichörigkeit (drei Saiten pro Ton) zur Zweichörigkeit (zwei Saiten pro Ton) und von den Blanksaiten zu den umsponnenen Saiten.

Der dritte Wechsel, von der Zweichörigkeit zur Einchörigkeit im Bass, ist bei den meisten Klavieren gut wahrnehmbar und führt oftmals auch zu einer Klangverbesserung (manchen Klavieren würden mehr einchörige Basssaiten gut tun!). Die tieferen Basssaiten sind zudem doppelt umsponnen. Ergründen Sie beim Probespielen, ob dieser Wechsel auch hörbar ist!

Klingen alle Töne gut?

Ein weiterer Gradmesser für die Qualität eines Klaviers sind die nicht brauchbaren Töne im Diskant und im Bass. Selbst bei den besten Konzertflügeln gibt es Basstöne, die derartig grummeln, dass sie kaum benutzt werden können. Genauso im Diskant, so dass man beim Improvisieren gerne mal die Oktave wechselt.

Auch wenn man zum Zeitpunkt des Kaufs noch nicht den ganzen Umfang (alle Töne) des Klaviers nutzt, so wird sich das in Zukunft ändern. Alle Töne des Klaviers von oben bis unten müssen tadellos funktionieren. Wenn das tiefe „C“ schlecht klingt, ist es das falsche Klavier. (Einige Bösendorfer-Flügel haben anstelle des Backenklotzes im Bass unter einer Klappe zusätzliche Tasten, bis zum tiefen F. Unvergesslich, wie Oscar Peterson in einer Fernseh-Show demonstrierte, dass diese Töne nur dann einigermaßen brauchbar sind, wenn sie gleichzeitig schnell und mit der oberen Oktave zusammen gespielt werden).

Im Bassbereich jeden Ton genau prüfen. Erfahrungsgemäß ist bei einem von vier Klavieren, auch bei neuen, mindestens bei einer Basssaite die Kupferumwicklung lose. Dies äußert sich in einem metallischen Klirren. Obwohl es gar nicht so selten auftritt, achtet man meist nicht darauf – am wenigsten im Laden. Wenn man irgendetwas klirren hört, sollte man das sofort reklamieren und auf die Reaktion achtgeben. Weil dies so selten geschieht, tun viele Verkäufer dies als kleines Problem ab, das beim Stimmen behoben werden kann. Das ist falsch, hier hilft auch noch so viel Stimmen nichts. Diese falsche Behauptung sorgt oft für Ärger, wenn der Stimmer einige Zeit nach dem Kauf des neuen Klaviers zur inkludierten Garantiestimmung ins Haus kommt.

In Kapitel 7 des Buchs „Piano. Mythos & Technik“ wird erklärt, wie man mit einer scheppernden Saite umgeht. Es ist aber am Besten, so etwas von vornherein zu vermeiden. Wenn der Verkäufer einen hier schlecht berät, sollte man entweder klar machen, dass man zumindest in diesem Punkt mehr von der Sache versteht, oder gleich das Geschäft verlassen.

Auch im Diskant kann es Probleme geben. Die hohen Noten verklingen zu schnell und die oberen ein, zwei Oktaven sind zu leise. Aufgrund der geringen Saitenlängen ist die Lautstärke manchmal so gering, dass die Anschlagsgeräusche lauter sind als  der produzierte Ton, das Klavier gibt bei den oberen Noten nur ein dumpfes Klack-Geräusch von sich (wenn man es hört, erkennt man es sofort). Das Problem rührt von kleinsten Ungenauigkeiten im Stegdruck (das ist der Winkel, in dem die Saiten über den Steg geführt sind). Schon kleinste Abweichungen machen sich im Klang bemerkbar, vor allem im Diskant.

Der Stegdruck kann auch bei baugleichen Klavieren verschieden sein. Wenn das probegespielte Klavier einen annehmbaren Klang im Diskant hat (und auch in den anderen genannten Punkten „stimmt“), sollte man sicherstellen, dass man genau dieses bekommt. Oder dass man ein anderes vor dem Kauf ebenso eingehend testen kann.

Der Stegdruck kann nur korrigiert werden, wenn das ganze Klavier zerlegt wird. Klingt der Diskant dünn und blass: Finger weg von diesem Instrument – auch wenn noch so oft behauptet wird, das wäre der natürliche Klang der hohen Noten. Das trifft vielleicht auf einige Klaviere zu, die im Diskant kaum zu stimmen sind, aber es gibt genügend andere, die auch in der Höhe wunderschön klingen.

Bei den meisten Klavieren sind die Saiten über einen Eisensteg geführt und werden durch den Druckstab gehalten, im Bass sind die Saiten zusätzlich um einen Stift herumgeführt. Einige Klaviere haben stattdessen eine Reihe von Agraffen – einzelne Brücken für jede Saite. Diese Bauweise gilt als technisch überlegen. Sie ist aber auch teurer, da der Einbau mehr Zeit und Können verlangt als die Verwendung von Steg und Druckstab. Gleichwohl kommen aus Osteuropa immer wieder Klaviere mit Agraffen, etwa von Petroff. Wenn man also ein preisgünstiges Klavier mit Agraffen entdeckt, sollte man ausprobieren, ob man den viel beschworenen „runderen“ Klang ebenfalls hören kann. Wenn ja, könnte dies die Kaufentscheidung beeinflussen.

Manchmal passt alles, nur der Klang ist zu grell oder schrill. Hier kann man den Händler bitten, das Klavier neu zu intonieren (die Hämmer „stechen“). Obwohl eine Routinearbeit, so sollte diese lieber von einem erfahren Klaviertechniker als von einem Stimmer übernommen werden, sonst könnten die Töne von Hammer zu Hammer ungleich klingen.

Aus dem Gesagten sollte klar geworden sein, warum es ratsam ist, ein Klavier vor dem Kauf Probe zu spielen. Keine zwei Klaviere sind gleich, man sollte genau dasjenige kaufen, das einen beim Ausprobieren überzeugt hat. Und nicht ein anderes, „originalverpacktes“, das nach Händleraussage völlig identisch ist.