Stefan Kortner von Pianowave im Interview: Wie der Flügel in den Rechner kommt

Stefan Kortner, studierter Maschinenbauer und ambitionierter Pianist, will sich und dem breiten Publikum den Sound von Edel-Flügeln zugänglich machen. Über die eingesetzten Techniken und die ungewöhnlichen Ergebnisse sprach er mit tastenwelt-Autor Hans-Joachim Schäfer.

Stefan Kortner

Herr Kortner, wie kam es zu Ihrer Leidenschaft für Flügel?

Als kleines Kind bin ich immer auf den Kla­­vier­hocker meiner Mutter geklettert und habe mit Begeisterung auf den Tasten rumgedrückt. Mit fünf haben mich meine Eltern dann zum Klavierunterricht geschickt. In dieser Zeit legten sie sich einen kleinen Yamaha-Flügel zu, der für mich sehr angenehm zu spielen war und dessen Tastatur ich bis heute liebe. In der Schulzeit hat mir dann meine Musiklehrerin Professor Bücker, den emeritierten Leiter der Dortmunder Musik­hochschule vermittelt, von dem ich bis zum Abitur Unterricht bekam. Erschlossen hat sich mir das Klavierspielen allerdings erst 10 Jahre später, als ich anfing zu experimentieren und dabei merkte, wie viele Aus­drucks­möglichkeiten und Nuancen dieses Instrument zu bieten hat. Das Klavier ist wie ein erwei­terter Kör­perteil, mit dem man lernt umzugehen und kreativ zu hantieren.

Was brachte Sie dann auf die Idee, Flügel zu sampeln?

Da Flügel, die mich zufrieden stellen würden, für den Normalsterblichen – so auch für mich – unerschwinglich sind, habe ich mir vor acht Jahren das Yamaha P80 Stagepiano geleistet, bei dem mir in Erinnerung an den kleinen Yamaha-Flügel meiner Eltern vor allem die Tastatur gut gefällt. Bereits damals habe ich mir gewünscht, über diese Tastatur und zu einem erschwinglichen Preis die Klän­­ge erstklassiger Flügel spielen zu können. Voller Erwartung habe ich mir das Giga­studio von Nemesys mit einigen teuren Piano­samp­les gekauft – und war von den Samp­les erst mal bodenlos enttäuscht.

Was hat nicht gepasst?

Die Demo-Songs auf den Homepages klangen toll, die Samples spielten sich aber miserabel. Für mein Empfinden muss sich eine chromatische Tonleiter so gleichmäßig wie auf einer Kette aufgereihte Perlen anhören. Die Töne der gekauften Samples waren jedoch unterschiedlich laut und hatten unterschiedliche Klangfarben. Daraufhin habe ich mir den Aufbau der Samples angeschaut und versuchte, sie zu editieren.

Und das hat nicht funktioniert.

Nein. Ich musste feststellen, dass bereits die Aufnahmen nichts taugten. Wenn man die Töne eines Pianos der Reihe nach von Hand einspielt, wird es einem kaum gelingen, die Tasten mit definierter und reproduzierbarer Stärke anzuschlagen. Man bekommt zwangsläufig für jede Taste eine andere Laut­stärke und – schlimmer noch – eine andere Klangfarbe. Das kann man auch mit Editieren nicht ausbügeln. Da habe ich den Entschluss gefasst, es besser zu machen.

Und wie?

Das Problem war: Wie kann man eine Piano­tastatur mit einer frei einstellbaren und reproduzierbaren­ Stärke anschlagen? Zunächst habe ich einen schweren, mit Schaum­gummi gepufferten Messingstab aus unter­schied­lichen Höhen auf die Tasten meines P80 fallen lassen. Dabei waren jedoch Mehr­fach­auslösungen nicht zu vermeiden. Erst als ich in das Rohr einen viskos gedämpften Kern einbaute, lag die Wiederholgenauigkeit in einem akzeptablen Rahmen von ±10 Velocity-Werten.

Hat das Aufprallgeräusch nicht gestört?

Doch, dieses „Plopp“ war nicht zu vermeiden und hat die Aufnahme verdorben.

Was war die Lösung?

Eines Tages fragte mich mein Vater, was ich da mache und wozu das gut sein soll. Als Elektrotechniker hatte er sofort eine Lösung parat, die der eines Maschinenbauers überlegen war: einen von einem Elektromagneten bewegten Stößel, der wie ein elektrischer Finger eine Taste mit definierter Stärke drückt und hält. Er kramte einen alten Magneten aus seiner Bastelkiste und baute eine Schaltung, mit der ich über die angelegte Spannung die Anschlagstärke sehr genau dosieren und vor allem exakt reproduzieren konnte.

Konnten Sie selbst auch etwas dazu beitragen?

Ja, ich baute dazu die Mechanik: ein Stahlschienen­gestell, das quer über eine Flügeltastatur gelegt und an der der Magnet von Taste zu Taste geschoben werden kann. Ich habe die Konstruktion dann so verfeinert, dass sie völlig lautlos arbeitet. Beim Sampeln stelle ich lediglich die Spannung und damit die Velocity ein und drücke einen Schalter – das ist alles. Probeaufnahmen an meinem P80 und diversen anderen Pianos haben mir bestätigt, dass die Wiederholgenauigkeit verblüffend gut ist.

Wie viele Velocity-Layer verwenden Sie?

Bei Versuchen habe ich festgestellt, dass vier bis fünf Ebenen ausreichen, um die Dynamik eines Pianos oder eines Flügels nahezu perfekt abzubilden.

Welche Mikrofone benutzen Sie für die Aufnahmen?

Ich ging zu einem großen Münchener Musikgeschäft und habe denen erzählt, dass ich vor hätte, einen Flügel zu sampeln. Schallendes Gelächter! Sie haben mir vorgerechnet, dass ich dafür schon alleine Mikrofone für 3000 Euro pro Stück brauche. Als ich selbstbewusst meinte, ich hätte eher an 300 Euro pro Stück gedacht, brach erneut schallendes Gelächter aus. Nach intensiven Nachforschungen und einigen Tests habe ich mich für vier Mikrofone Røde NT-1000 im angepeilten Preisrahmen ent­schie­den. Ihr exzellenter Rausch­abstand ist für mich wichtig, da ich die Klän­ge aufzeichne, bis sie völlig ausgeklungen sind. Das einzige, was man noch hört, wenn man nachts um vier Uhr im absolut stillen Tonstudio beim Sampeln sitzt und der Flügelklang nach 30 Sekunden schon fast nicht mehr wahrnehmbar ist, ist das Magenknurren. Dann hilft nur: alles nochmal.

Wie positionieren Sie die Mikrofone?

Meinen ersten Flügel, den Bösendorfer, habe ich in den Münchener Down-Town-Studios aufgenommen. Außer dem Flügel durfte ich auch die vorhan­denen Neumann-Mikrofone benutzen, die mir vom Studiopersonal in der üblichen Positionierung installiert wurden. Damit war ich nicht ganz zufrieden. Ich möchte mit meinen Samples einen flächigen Klang erzeugen, bei dem die hohen Lagen im Stereopanorama leicht rechts, die tiefen Lagen leicht links liegen. Vor allem beim Hören über Kopfhörer klingt dies äußerst realistisch. Das war mit dem Bösendorfer-Material nicht zu machen. Dafür klingt dieses Sample über Lautsprecher hervorragend.

Was haben Sie geändert?

In der Folge habe ich dann – unter anderem an einem Steinway-D – mit verschiedenen Mikro-Stellungen und Velocity-Abstufungen experimentiert. Für die Kopfhörerwiedergabe erzielte ich optimale Ergebnisse, wenn meine vier Røde-Mikros von links nach rechts direkt über der Dämpferleiste möglichst nah an den Saiten aufgereiht waren. Unter Fachleuten ist eine solche Positionierung verpönt. Man erfasst damit aber zum Beispiel auch das Filz-Anschlaggeräusch und schließt störende räumliche Einflüsse weitgehend aus. Um den Stereoeindruck zu gewinnen, habe ich bei der Mischung die vier Mikros so im Stereo-Panorama platziert, wie sie im Flügel positioniert waren.

Mit welchem Equipment zeichnen Sie auf?

Ich habe mir ein Motu 8pre (Firewire Audio-Interface mit hochwertigen Mikrofoneingängen, Anm. d. Red.) zugelegt und sample damit direkt in den Computer. Der arbeitet natürlich ohne Lüfter und damit völlig lautlos.

Wie viele Einzel-Samples benötigen Sie pro Sound?

Es wird jede Note einzeln in vier oder fünf Velocity-Stufen aufgezeichnet. Zusätzlich sample ich für jede Taste ein Pedal-Layer, indem ich das Pedal drücke und damit alle Saiten schwingen lasse. Die angeschlagene Saite dämpfe ich mit dem Finger ab. So lässt sich dieses Sample optimal zumischen, auch wenn man das Pedal drückt, nachdem eine Taste angeschlagen wurde. Bei vielen Digitalpianos wird dieses Sample nur benutzt, wenn das Pedal beim Tastenanschlag bereits gedrückt ist, was nicht der normalen Spielpraxis entspricht. Beim Kawai-Flügel habe ich zusätzlich das Geräusch der Hämmerchen aufgenommen, das entsteht, wenn eine Taste losgelassen wird. Dies erhöht den Realitätsgrad nochmals deutlich.

Wie aufwändig ist die Nachbearbeitung?

Hier zahlt sich die hohe Wiederholgenauigkeit meines „elektrischen Fingers“ aus. Da innerhalb eines Layers so gut wie keine unerwünschten Klangunter­schiede auftreten, kann ich ein komplettes Layer mit einem Filter belegen und muss nicht einzelne Noten individuell anpassen. Um die Filtereinstellung optimieren zu können, habe ich mir unter „Kontakt 2“ (Sample-Software von Native Instruments, Anm. d. Red.) ein kleines Hilfsprogramm geschrieben, das beim Drücken einer Keyboard-Taste zwei benachbarte Layer abwechselnd anspielt. Auf diese Weise kann man das Filter so einstellen, dass keine Über­gänge zwischen den Velocity-Layers hörbar sind. Zum manuellen Schneiden der Samples verwende ich GoldWave, einen 30-Dollar-Wave-Editor. Ich schneide die Attack-Phase so knapp wie möglich, um die Reaktionszeit so kurz wie möglich zu halten. Danach wird im Batch-Betrieb ein Fade-in über zwei bis drei Samples berechnet. Für die automatische Erstellung der Loops habe ich mir ein eigenes kleines Programm unter Visual Basic geschrieben.

Welcher Flügel ist ihr Favorit?

Die Klangfarbe des Steinway-B, den ich im Wohnzimmer eines Freundes sampeln durfte, hat mir schon sehr gut gefallen.