Steinway Spirio: Wie von Zauberhand

Der Steinway Spirio ist ein Flügel mit Selbstspielmechanik. Mittels iPad-App bringt er das Spiel großer Pianisten aufs heimische Instrument, eigene Auf­nahmen kann der Spieler damit aber nicht machen.

Steinway & Sons – der Name steht für Flügel und Klaviere höchster Qualität und exquisiter Klangkultur. In der Konzertsaison 2014/2015 wählten rund 96,5 Prozent der Konzertsolisten einen Steinway als ihr Instrument. Seit etwa 140 Jahren werden Steinway Flügel nach dem „Steinway System“, für das über 125 Patente vorliegen, nahezu unverändert gebaut. Da könnte man meinen, dass das auch in den nächsten 100 Jahren alles so bleiben würde. Doch 2015 hat Steinway die nach eigenen Angaben „größte Produktinnovation der letzten 70 Jahre“ angekündigt – einen Flügel mit Selbstspielsystem, wie man es auch von Yamaha (Dis­klavier) oder PianoDisc kennt. Allerdings kann ein Steinway Spirio nur alleine spielen, das eigene Spiel aufzeichnen ist mit diesem System nicht möglich. Seit März 2016 sind ausgewählte Flügelmodelle mit dieser Technik auch in Deutschland erhältlich.

Technik

Um die Selbstspielmechanik einzubauen, müs­sen laut Steinway kleine Veränderungen am Instrument vorgenommen werden. Eigentlich sind nur wenige Fräsungen notwendig, damit die elektromagnetisch gesteuerten Stößel die Hämmer bewegen können. Die Klaviermechanik an sich bleibt unverändert. Die vollkommen berührungsfrei und dadurch auch verschleißfrei arbeitenden Stößel sind in der Lage, die Hämmer mit 1020 dynamischen Abstufungen zu steuern. Die Pedalerie wird beim Spirio-System nicht mitbewegt. Um eine größtmögliche Präzision zu erreichen, wird nur der obere Teil der Dämpfermechanik durch Servomotoren gesteuert. Mit diesen Motoren lassen sich 256 Dämpferpositionen, die 100-mal pro Sekunde aufgezeichnet werden, wiedergeben.

Trotz der nur minimalen baulichen Veränderung am Instrument, kann man ältere Flügel jedoch nicht mit dem Spirio-System nachrüsten. Die dafür erforderliche Präzision ist laut Steinway nur bei einem Einbau ab Werk zu erreichen. Entwickelt hat Steinway den Spirio-Flügel in Zusammenarbeit mit Wayne Stahnke, der seit Jahrzehnten als einer der führenden Köpfe auf diesem Gebiet gilt. Nach eigener Auskunft entwickelt er Selbstspielsysteme seit den 1970er-Jahren. Rein äußerlich ist ein Spirio-Flügel nur an dem nötigen Netzkabel und an einem dezenten Schrif­tzug zu erkennen. Spielt man das Instrument selbst, bemerkt man keinerlei Beeinträchtigungen bezüglich Klang und Anschlagverhalten.

Steuerung

Bedient wird der Steinway Spirio bequem über eine App auf einem mitgelieferten Apple iPad, das sich über Bluetooth kabellos mit dem Selbstspielsystem verbindet. Eine prall gefüllte Musikbibliothek mit ausgewählten Titeln aller Stilistiken, aufgenommen von über 1700 Steinway-Künstlern, sorgt für optimale Nutzungsmöglichkeiten des Systems. Die Wiedergabe eines Stücks von einem Spirio-Flügel vermittelt die Illusion eines Live-Konzerts. Schließt man die Augen, hat man das Gefühl, Lang Lang spiele im eigenen Wohnzimmer.

Ein besonderes Schmankerl ist die Aufbereitung alter Aufnahmen schon verstorbener Künstler. Mit einer aufwändigen Software werden alle Tastenanschläge der alten Einspielungen analysiert. Lautstärke und Toncharakter jedes einzelnen Anschlags ermöglichen es, die dafür nötige Hammergeschwindigkeit zu errechnen. Eine weitere manuelle Bearbeitung der Analyse-Ergebnisse sorgt dann für ein perfektes Klangerlebnis auf einem Spirio. Das Ergebnis ist nach unserem Hörtest beeindruckend: L egendäre Aufnahmen von George Gershwin, Sergei Rachmaninow, Thelonious Monk und Arthur Schnabel werden im eigenen Wohnzimmer wieder lebendig. Die Aufnahmen aktueller Steinway-Künstler wie Lang Lang, Yuja Wang oder Olga Scheps werden übrigens in einem Studio in New York an zwei Spirio-Flügeln gemacht, die auch aufzeichnen können.

Erhältlich ist das Spirio-System für die Steinway-Modelle B 211 und O 180. Mit Preisen um die 100.000 Euro ist dieser musikalische Genuss allerdings nur für Liebhaber mit gut gefüllter Portokasse erschwinglich.