Tasten-Zauberer Jordan Rudess im Intzerview: Progressive-Metal mit Pianistenhänden und nach Noten

Der New Yorker Jordan Rudess gilt als einer der besten Keyboarder unserer Zeit. Kultstatus erlangte er ab 1999 als festes Bandmitglied der Progressive-Metal-Formation „Dream Theater“; Fans verliehen ihm ehrfurchtsvoll den Beinamen „The Wiz“ (Zauberer).

Jordan Rudess
Jordan Rudess: „Ich bin von klein an daran gewohnt, nach Noten zu spielen“ (Foto: Paul Undersinger)

Sie beschreiben auf Ihrer Internetseite die klassische Ausbildung in Klavier und Komposition als Grundlage Ihrer Karriere. Warum?

Meine Eltern bekamen einen Hinweis auf mein Talent von meiner ersten Klassenlehrerin. Sie kauften mir daraufhin einen kleinen weißen Estey Baby Grand Flügel. 1965, mit 9 Jahren, wurde ich dann am renommierten Juilliard-Institut in New York in die „Preparatory Division“ aufgenommen. Ich bekam zunächst Unterricht in Klavier und Komposition und begann später dort auch mein Musikstudium. Meine Mutter war sehr kulturinteressiert. Ich übte täglich mehrere Stunden am Instrument, zum Leidwesen meiner beiden Brüder, die oft völlig genervt ihre Zimmertüren zuknallen ließen.

Haben Sie Ihr Studium am „Juilliard“ mit einem Examen abgeschlossen?

Nein. Meine Klavierlehrerin war der legendären Rosina Lhévinne unterstellt, und ich hoffte, über sie Unterricht bei Rosina zu bekommen. Im zweiten Jahr des Studiums gab sie mir die G-Moll-Ballade von Chopin, ein etwa 30 Seiten langes Werk. Ich spielte die ersten Seiten beim nächsten Unterricht vor. Plötzlich nahm sie mir die Noten weg und meinte, um weiterhin von ihr unterrichtet werden zu können, müsste ich das Werk auswendig spielen. Ich packte meine Sachen, eine Woche später habe ich das Studium beendet, das war nicht mehr mein Ding.

Was war denn zu der Zeit „Ihr Ding“?

Ich hatte Anfang der 1970er-Jahre den Progres­sive Rock der Engländer gehört. Bei Keith Emerson faszinierte mich die bis dahin noch nie gehörte Power auf einem Tasteninstrument, bei Rick Wakeman die geniale Kombination von Klassik und Rock, und bei beiden ihre Virtuosität. Ich liebte das. Und dann hörte ich Patrick Moraz, den Nachfolger von Rick bei YES, und seine Soli auf einem Minimoog. Das Instrument musste ich mir einfach kaufen.

Was faszinierte Sie am Minimoog?

Es war dieser neue Sound und besonders das Pitchbending. Ich habe die Technik des Pitchbendings monatelang in allen erdenklichen Variationen trainiert und versucht zu perfektionieren.

40 Jahre später sind Sie mit Ihrer Band Dream Theater in diesem Sommer in Europa auf Tour. Welches Keyboard-Equipment werden Sie 2015 spielen?

Wir spielen auf Festivals. Das Equipment aller Bandmitglieder ist dabei darauf ausgelegt, möglichst schnell am Auftrittsort spielfähig zu sein. Wir haben kaum Zeit für unseren Aufbau, es spielen ja noch andere Bands vor oder nach uns, daher wird sich mein Equipment im Wesentlichen auf meinen neuen Korg Kronos mit 88 Tasten und mein Haken Continuum beschränken.

Und ist alles dabei, was Sie benötigen?

Ja, ich habe schon vor langer Zeit damit begonnen, meine Lieblingssounds aus Vintage-Instrumenten zu samplen. Mit dem großen Sample-Speicher des Kronos X habe ich alles an Bord und kann sie mit den internen Sounds komfortabel layern, splitten und über meine Combinations während des Auftritts in chrono­logischer Reihenfolge abrufen. Besonders liebe ich es, mit meinem Fußschalter bereits die nächste Sound-Einstellung anzuwählen, ohne dass der vorherige Sound abrupt stoppt, solange ich noch Tasten während des Umschaltvorgangs gedrückt halte. Auch die Suche nach einem Sound über ein Textcontent-Fenster ist sehr komfortabel, und ich kann über ein Textfenster Kommentare zu den Combinations schreiben, wie z.B. „Hole tief Luft!“ oder „Lächeln!“.

Jordan Rudess live
Neben einer Korg Work­station, früher Oasys (Foto), heute Kronos, ist das Haken Continuum (links) ein Markenzeichen des Meisters. (Foto: Petra Schramböhmer)

Sie benutzen auf der Bühne keine Synthesizer-Tastatur, warum?

Durch meine klassische Klavierausbildung habe ich sehr viel Kraft in den Fingern, ich kann ohne Probleme jede Synthesizer-Phrase auf einer Hammermechanik-Tastatur spielen. Da der Kronos X auch über ein Pitchbend-Rad und Aftertouch verfügt, habe ich auf dem Keyboard alles, was ich brauche. Früher habe ich darauf nicht so viel Wert gelegt, aber seitdem sich die Tastaturen in Richtung Klavier deutlich verbessert haben, benutze ich ausschließlich eine gewichtete Tastatur.

Wie stehen Sie zur Renaissance der Analog-Synthesizer, die gerade auf der NAMM-Show gefeiert wurde?

Natürlich freue ich mich für meine Freunde, die eine ganze Musik-Epoche mit geprägt haben: Dave Smith, Tom Oberheim, Bob Moog, sie alle haben Geniales geleistet. Ich persönlich interessiere mich mehr für das Neue und für die Zukunft, weniger für Vergangenes. Für alle Musiker, die das Drehen an Knöpfen von Synthesizern bislang nur von der Maus ihres Computers kennen, kann das allerdings sehr interessant und auch lehrreich sein, also – warum nicht.

Wie wurde die Firma Korg auf Sie aufmerksam?

Seit 1988 arbeite ich für die Firma als Produktspezialist, zunächst nur in den USA, später dann weltweit. Durch die Arbeit z.B. als Vorführer auf Messen lernte ich viele Menschen kennen, die mir im weiteren Verlauf meiner Karriere behilflich waren, wie z.B. Jan Hammer. Der nahm mich mit auf eine kleine Tour, um die Basis-Keyboard-Arbeit zu übernehmen und ihn für sein Solo-Lead-Spiel an einer Korg Wavestation einzuweisen. Korg ist für mich zu einer Familie geworden.

Wie kamen Sie zu den Dixie Dregs mit Steve Morse?

1994 wurde ich zum ersten Mal von Dream Theater angefragt; sie waren noch unbekannt, es schien, als ob ich noch „Geld mitbringen müsste“. Zeitgleich gab es die Anfrage der in den USA sehr erfolgreichen Dixie Dregs, und da ich meine Familie ernähren musste, hab ich dort zugesagt. Es folgte eine Tour, und ich hatte in Steve Morse einen fantastischen Mentor für diese Art von Musik.

Wie kam es zu Liquid Tension Experiment?

John und Mike von Dream Theater hatten Mitte der 1990er-Jahre die Idee zu einer Art „Super-Group“ abseits ihres Bandprojekts. Sie fragten Tony Levin (Peter Gabriel) an und erinnerten sich an mich. Daraus ergab sich diese Band-Konstellation. Der Großteil der Konzerte bestand aus Improvisationen; einige Titel, wie z.B. „Acid Rain“, waren allerdings durchkomponiert. Der Song-Name stammt übrigens von John Petrucci, der zu der Zeit gerade ein Science-Fiction-Buch las, das ihn spontan dazu inspirierte.

2002 spielten Sie die Keyboards auf David Bowies Album „Heathen“. Erzählen Sie davon.

Tony Visconti rief mich an und buchte mich als Keyboarder für das neue Album von David Bowie. Ich wurde mitsamt meinem kompletten Equipment in ein schlossähnliches Studio mitten auf einem Berg in der Nähe von Woodstock gefahren. In den nächsten Tagen folgten Aufnahmesessions, in denen ich gefühlt alles Mögliche spielen musste, nur nicht mein eigenes Equipment. David war ausgesprochen nett, ich wurde für meine Arbeit fürstlich entlohnt. Auf dem Weg nach Hause aber fiel mir auf, dass er sich nicht einmal für mich als Person interessiert hatte. So landete diese Episode in meiner Ablage: kuriose Geschichten.

Wie entsteht ein neuer Dream-Theater-Song?

Als ich 1999 in die Band einstieg, brachte ich gleich Aufnahmen von mir als Song-Vorschläge mit. Damit fuhr ich allerdings komplett gegen die Wand, denn die „Dream-Theater-Polizei“ erklärte mir, dass in der Band alle Songs gemeinsam erarbeitet werden – für mich eine neue Arbeitsweise, an die ich mich erst gewöhnen musste. Mittler­weile hat sich das aber entspannt.

Jordan Rudess Studio
Alle Sounds an Bord: Bereits früh hat Rudess damit begonnen, seine Vintage-Lieblingssounds zu samplen.

Wie wichtig ist Ihnen das Monitoring bei Dream Theater?

Wir haben bei jedem Auftritt unseren eigenen Monitor-Mann dabei. Ohne perfekt abgestimmten Monitor-Sound über In-Ear-Kopfhörer könnten wir aufgrund der unterschiedlichsten akustischen Gegebenheiten auf der Bühne nicht derart komplex zusammen Musik machen. Mein Keyboard-Techniker macht mir zusätzlich noch einen ganz persön­lichen Monitor-Mix. Die Kopfhörer sind übrigens von 1964ears.

Sie sind in der Band der Einzige, der sich beim Konzert auf einem iPad Noten anzeigen lässt. Warum ist das so?

Zum einen bin ich von klein auf gewohnt, nach Noten zu spielen. Noch wichtiger sind allerdings meine Einträge zu Soundwechseln und Splitzonen. Mein Soundmanagement bei Dream Theater ist sehr komplex, und ich brauche diese Hinweise, damit ich nicht durcheinander komme.

Sie haben sehr viele Solo-CDs veröffentlicht. Woher nehmen Sie die Inspiration dafür?

Die Solo-Produktionen spiegeln mein musikalisches Spektrum wieder, von Synth-Kompositionen über ein Klavier-Album bis zu Orchestermusik. Mir ist wichtig, auch andere Seiten als nur den Progressive-Metal-Keyboarder darzustellen.

Was steckt hinter Ihrer Firma wizdommusic.com ?

Ich war von Anfang an fasziniert von „Touchscreens“, ob auf einem Smartphone oder einem Tablet, und der Verbindung der Bereiche Audio und Video. Daher gründete ich diese Firma, um musikalischen Kontext und neue Technologien miteinander zu verknüpfen. Als Ergebnis habe ich mit Kevin Chartier mittlerweile eine ganze Reihe von Apps wie z.B. Morphwiz oder Geo Synthesizer veröffentlicht.

Sie haben vor einigen Jahren im Internet ein „Online Conservatory“ ins Leben gerufen.Was verbirgt sich dahinter?

Ich durfte während meiner musikalischen Ausbildung erfahren, wie wichtig gute Musiklehrer sind, damit man für sich selbst eine Basis und Struktur für das Musikmachen entwickeln kann. Es ist mir sehr wichtig, diese Erfahrungen z.B. über das „Online Conservatory“ an nachwachsende Künstlergenerationen weiterzugeben.

Ihr neuestes Projekt ohne Band?

Seit kurzer Zeit arbeite ich mit der Londoner Firma Roli Labs an der Entwicklung des Seaboard. Die Anordnung der Tasten ist traditionell; diese bestehen jedoch aus Silikon, und das Material nimmt jede Nuance des Fingers in jeder Position auf und verwandelt sie in Töne. Das Ergebnis ist faszinierend, und die Technologie könnte auch Konstrukteuren einer E-Piano-Tastatur zu neuem Denken verhelfen.

Haben Sie sich schon mal am Akkordeon versucht?

Ja, einmal, aber ich hatte niemanden, der mir das Instrument richtig erklären konnte, daher habe ich es gleich wieder weggelegt. Vielleicht beschäftige ich mich auf der Musikmesse in Frankfurt mal näher damit; die Tonkontrolle über den Balg ist sehr interessant.

Was dürfen wir als Nächstes von Jordan Rudesserwarten?

Eines meiner neuen Projekte ist die Band OrKey­stra, ein kleines Ensemble mit drei Keyboardern und einem Drummer. Wir haben am Stand von Korg auf der NAMM-Show unsere ersten Shows gespielt. Neben mir sind drei unglaublich talentierte Jungs dabei, zu allen habe ich eine ganz persönliche Beziehung, und sie könnten eigentlich meine Söhne sein. Dann werde ich für Korg auf der Musikmesse im April in Frankfurt am Messe-Stand Shows spielen.

Und die Zukunft mit Dream Theater?

Wir planen gerade das größte Projekt in der Geschichte der Band. Leider darf ich dazu noch nicht mehr verraten.

Was rät Jordan Rudess jungen Menschen, die Musik machen wollen?

Musik ist mein Leben, ich kann auch nichts anderes. Als Hobby ist es wunderschön, aber wer daraus einen Beruf machen und eine Familie ernähren möchte, dem sei gesagt: Im Zuge von Musik-Streaming, illegalen Downloads und freiem Kopieren von geschützten Kompositionen wird es selbst für eine Band wie Dream Theater immer schwieriger, Geld zu verdienen. Die Entscheidung muss jeder letztendlich selbst treffen.