Test Capella Software Tonica fugata 12: Praktische Hilfe

Tonica fugata von Capella Software unterstützt Musiker beim Komponieren, Arrangieren und Analysieren. In der aktuellen Version kommen zu den klassischen Algorithmen auch welche zur Popmusik. Wir haben sie ausprobiert.

Fuge, Kanon und Generalbass gehören für Musikstudenten zu den elementaren Grundlagen – egal, ob man sie nur verstehen oder auch selbst komponieren will. Mit der Software Tonica fugata gibt es von Capella Software ein Hilfsmittel, mit dem man auf vielfältige Weise in diesen Tonsatzdisziplinen arbeiten kann. Ausgehend von Bachs Fugenstil hat sich das Programm über die vielen Jahre stetig weiterentwickelt und beinhaltet in der aktuellen Programmversion 12 nun auch Funktionen für die Harmonisierung von Popmusik, zum Erzeugen von Begleitmustern mit und ohne Melodievorgabe. Dadurch wird das Programm für weitere Anwenderkreise attraktiv. Wer sich nur auf die Popmusik stürzen will, findet mit dem Programm Tonica Pop sogar einen eigenen, deutlich günstigeren Ableger. Für den Test haben wir uns das allerdings große Tonica fugata 12 vorgenommen.

Grundlagen

Tonica fugata 12 läuft auf Windows-Computern ab Windows Vista. Das Programm ist als Download- und als CD-Version in der Box erhältlich. Eine adäquate Soundkarte ist Pflicht, ein MIDI-Keyboard erleichtert die Noteneingabe. Wer hier einigermaßen sicher ist, kommt am schnellsten zum Ziel. Auch noch flott von der Hand geht es über die Computertastatur: Hier drückt man die Tonbuchstaben; die Tondauer wird über Buttons oder Ziffern festgelegt. Schließlich gibt es die Möglichkeit, die Noten mit der Computermaus einzugeben. Das Look & Feel der Eingabemethoden ähnelt denen des Notensatzprogramms Capella des Herstellers. Außerdem gibt es die Möglichkeit, Noten im Capella-Format und MIDI-Files zu Importieren. Das MusicXML-Format steht nur für den Export zur Verfügung.

Unterschiedliche Vorgehensweisen bieten sich an, je nachdem, zu was man Tonica gerade einsetzen möchte: Man kann z.B. in einer der vier Stimmen eine Melodie notieren und sich vom Programm dabei helfen lassen, daraus eine Fuge oder einen Kanon zu konstruieren. Man kann sich die Melodie auch einfach nur harmonisieren lassen. Verschiedene Stile von Bach, über Scheidt und Reger bis zu Jazz und Pop stehen zur Verfügung. Sucht man einfach ein Begleitarrangement, reicht es schon, in einer Stimme Pausen zu notieren und darunter Akkorde bzw. Dynamikstufen zu schreiben. Diese können auch gerne komplizierter ausfallen. Aus den Vorgaben kann Tonica dann eine ausnotierte Begleitung machen. Zu guter Letzt unterstützt das Programm bei der Analyse eines vierstimmigen Satzes: Hierzu kann man die Stimmen eingeben und automatisch eine harmonische Analyse erstellen lassen. Bei der Tonsatzüberprüfung werden echte oder verdeckte Parallelen in der Stimmführung angezeigt.

Praxis

Die Arten der Noteneingabe hat man schnell verstanden und kommt bei einfachen Melodiestrukturen schnell zum Ziel. Weil Tonica aber kein Notensatzprogramm, sondern ein Kompositionswerkzeug ist, sollte man sich schnell frei machen von der Eingabe von Taktstrichen oder anderen vermeintlichen Nebensächlichkeiten. Die halten nur auf. Überbindungen und dergleichen ergeben sich später, erst einmal zählt die reine Länge einer Note. Das ist schön, macht die Musik aber auch unübersichtlich – je nach eigener Arbeitsweise und je nachdem, wie viel des musikalischen Satzes man eingibt.

Ist eine Melodie in einer der vier Stimmen (Sopran, Alt, Tenor oder Bass) eingegeben, kann man sich für einen Harmonisierungsstil (Bach I & II, Scheidt, Reger, Jazz oder Pop) entscheiden und einen vierstimmigen Satz erstellen lassen. Im Optionsmenü lassen sich der Harmonisierungsrhythmus, der Abstand für harmonische Analysen und andere Parameter einstellen. Neben dem Kennzeichnen von Abschnittsenden durch das Setzen von Fermaten ist das Einstellen des Harmonisierungsrhythmus besonders wichtig für gute Ergebnisse.

Die Einarbeitung und erste Kompositionsexperimente erleichtert das gut und verständlich geschriebene Handbuch. Man sollte die dort gegebenen Tipps sorgfältig durcharbeiten, um die Funktionen zu verstehen, denn allzu schnell erhält man sonst sinnlose oder zumindest sehr schräge Klangergebnisse. Besonders der neue Popstil führte beim Testen des Programms immer wieder zu seltsamen harmonischen Wendungen. Für einfache Melodien ist der klassische Scheidt-Harmonisierungsstil die bessere Lösung. Nicht nur dieser Aspekt spricht dafür, anstatt der günstigeren Programmversion Tonica Pop das größere Tonica fugata zu kaufen.

Individualisierung

Ein starkes Feature für fortgeschrittene Anwender ist das Erstellen eigener Harmonisierungsstile. Man benötigt dazu einen möglichst umfangreichen Satz von typischen Beispielen im Tonica-Dateiformat. Gegebenenfalls muss man die Abschnitte eben importieren (z.B. aus Capella oder über MIDI-Files) und als Tonica-Dokumente abspeichern.

Ein Stilassistent führt durch den Prozess, in dem das künstliche neuronale Netz der Software lernt, was den Stil der eingepflegten Beispiele ausmacht. Die Qualität der Beispiele bestimmt die Qualität des selbst erstellten Stils. Es empfiehlt sich, im Vorfeld bereits die Funktionen zur automatischen Harmonie-Analyse zu verwenden und das Ergebnis kritisch zu überprüfen. Denn schon hier kann man sehen, ob das Programm etwas falsch interpretiert, was später zu schlechteren Ergebnissen führen wird.

Eine ebenso starke Individualisierungsmöglichkeit wünscht man sich für die Begleitmuster-Funktion. Diese erstellt zu Akkordschemata oder zu Melodielinien typische Begleitmuster. Die Stile sind vorgegeben: Walzer, Slowfox, Tango, Rock’n’Roll, Rock I & II und Salsa. Hier schlummern interessante Möglichkeiten für Schüler, die auch einiges über Modulationen lernen könnte.

Fazit

Tonica fugata 12 von Capella Software ist ein starkes Kompositionsprogramm, das den Anwender bei der harmonischen Analyse von Tonsätzen, beim Finden von Begleitstimmen, beim Schaffen eines drei- oder vierstimmigen Satzes, beim Komponieren eines Kanons oder einer Fuge unterstützt. Zwar ersetzt Software kein Genie, aber man bekommt ein wertvolles Hilfsmittel, mit dem man viel über Musik lernen kann und das einen im kreativen Prozess unterstützt. Manko oder doch eher Trost: Durch die Software wird man nicht zum neuen Bach, Beethoven oder Wagner.

Wertung

+ Großer Funktionsumfang

+ Eigene Stile möglich

+ Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis

- Pop-Stil liefert durchwachsene Ergebnisse

- Keine eigenen Begleitmuster möglich