Test: Dexibell Combo J7 Digital Organ

Im Vergleich zu einer ausgewachsenen Hammond B3 ist die Dexibell J7 mit 10 kg ein Federgewicht – gut für Live-Musiker. Die einmanualige Stageorgel bietet hervorragende Orgelsounds und als innovative Zugabe motorisierte Zugriegel.

 

Der legendäre Sound einer Hammond-Orgel ist immer noch angesagt. Bei handgemachter Musik – sei es Blues, Rock, Pop oder Jazz – auch unerlässlich. Weniger beliebt: die Schlepperei und der dadurch fast unvermeidliche Bandscheibenvorfall, wenn man versucht, mit vier Personen eine B3 auf die Bühne zu wuchten. Aber das muss man ja auch gar nicht unbedingt: Mittlerweile gibt es zahlreiche digitale Alternativen, die dem Original klanglich doch ziemlich nahe kommen.

Im Trend sind auch Instrumente, die neben dem Tonewheel-Sound auch noch weitere, im Bühnenalltag häufig benötigte Klänge anbieten und dadurch flexibel einsetzbar sind. Der italienische Hersteller Dexibell bringt nun mit der Combo J7 Orgel ein Instrument auf den Markt, das mit seiner Klangqualität, der einfachen Bedienung und den vielseitigen Nutzungsmöglichkeiten eine ernstzunehmende Alternative zu den Produkten der etablierten Hersteller Clavia, Hammond oder Roland ist.

Outfit

Die Italiener verstehen etwas von Design, das wird auf den ersten Blick deutlich. Mutig und erfrischend neu ist die Formensprache der Combo J7 Digital Organ. Dunkle Echtholz-Seitenteile bilden einen schönen Kontrast zum weißen Metallgehäuse. Die Bedienelemente sind von einer petrol-farbigen Fläche unterlegt. Der Übergang zwischen Gehäuse und Tastatur deckt – ganz klassisch – ein roter Filzstreifen ab. Das gleiche Rot findet sich auch im Dexibell-Schriftzug wieder. Eine Augenweide!

Die Bedienoberfläche ist aufgeräumt und übersichtlich. Links liegen die neun motorisierten Zugriegel und alle Einstellmöglichkeiten für den klassischen Hammond-Sound – von Percussion über Vibrato und Chorus bis hin zur Leslie-Simulation. Zusätzlich gibt es noch einen Button für die Verzerrung und die Möglichkeit, unterschiedliche Orgeltypen auszuwählen. Neben zwei Tonewheel-Modellen, einer B3 und einer A 100, finden sich eine Farfisa, eine Vox Continental und eine Kirchenorgel-Simulation. Interesse wecken die Taster für das Tonewheel-Morphing, dazu später mehr.

Eine Abteilung weiter rechts folgen Buttons und Regler, mit denen sich Effekte, Lautstärke der unterschiedlichen Tastaturzonen, Transpose und Master-Equalizer bearbeiten lassen. Direkt im Blickfeld befinden sich das ausreichend große Display mit Menü- und Navigationsbuttons sowie ein Drehregler zum schnellen Einstellen der ausgewählten Parameter. Rechts davon liegt die Soundabteilung. Hier kann man Klänge aufrufen und auf 36 internen Speicherplätzen organisieren und abspeichern. Auf einem USB-Stick hat man unbegrenzte Speichermöglichkeiten für Presets.  Ganz links lassen sich die vier Tastaturmodi einstellen, die Masterlautstärke justieren und das Gerät einschalten.

Alle Anschlussmöglichkeiten finden sich an der Rückseite des Geräts. Das Gehäuse ist im unteren Teil nach hinten abgesetzt, so dass man die Anschlussbuchsen von oben nicht sehen kann. Um die richtige Buchse zu finden, muss man also auf jeden Fall auf die Knie und hinter das Instrument. Hier ist aber dann alles vorhanden, was bei professionellen Einsätzen benötigt wird: zwei 6,3-mm-Klinken-Outputs, das klassische MIDI-Trio, USB-Anschlüsse für Flashspeicher und die Verbindung zum Computer, drei Pedalbuchsen, zwei Kopfhörer und eine Audio-in-Buchse.

Tastatur

Da Klavierspieler auch gerne mal die weiter entfernten Lagen besuchen, verfügt die Combo J7 Organ über eine 73er-Waterfall-Tastatur. Um dem Spielgefühl einer Orgel nahe zu kommen, muss jede Taste nur wenig gedrückt werden, bis ein Ton erklingt. Alle typischen Orgelspieltechniken (Glissandi, perkussives Spiel, Squabbeltechnik) gelingen hervorragend.

Auch alle E-Piano- und Synthsounds lassen sich gut spielen. Nur bei den Pianosounds muss man auf das typische Klavierfeeling verzichten, da ist eine Waterfall-Tastatur natürlich immer ein Kompromiss. Um den Klavierpart in einer Band zu spielen, reicht die Tastatur aber allemal aus.

Sound

Im Mittelpunkt des Interesses stehen bei diesem Instrument natürlich die Orgelklänge, und die machen wirklich Freude. Die beiden Hammond-Simulationen sind absolut gelungen und klingen sehr authentisch. Sehr gut, und vom Original kaum zu unterscheiden, sind auch die klassischen Orgeleffekte wie Percussion, Chorus und Vibrato.

Die Percussion-Effekte lassen sich wie beim Original mit vier Tastern einstellen; um Chorus/Vibrato Effekt auszuwählen, gelangt man über einen Button direkt in das entsprechende Menü. Die eingebaute Leslie-Simulation ist eine der besten, die ich bisher gehört habe. Sehr realistisch ist das Anlaufgeräusch des Rotors im Fast-Modus. Geschwindigkeit und Anlaufzeit der Rotoren können selbstverständlich eingestellt werden. Auch weitere wichtige Klangbestandteile des klassischen Tonewheel-Sounds, wie zum Beispiel das Übersprechen zwischen den Transistoren (Leakage), das typische Surren der Tonräder und natürlich der Key-Click, können den persönlichen Vorlieben angepasst werden. Der eingebaute Verzerrer klingt für eine digitale Variante erstaunlich warm und nicht so scharf. Er lässt sich auf Werte zwischen 0 und 100 einstellen. Angenehm „Crunchy“ klingt es bei 10, darüber wird es dann relativ bald sehr schmutzig.

Bemerkenswert sind die motorisierten Zugriegel. Dadurch hat man beim Abrufen von Presets immer die aktuelle Zugriegelposition vor Augen und zerschießt sich durch weitere Registrierung nicht mehr den Sound. Die Motorzugriegel arbeiten schnell und präzise und sind natürlich ein echter Hingucker. Dexibell stattet die J7 zusätzlich mit einer Morph-Funktion aus. Ausgangs- und Endregistrierung werden eingestellt, und durch Betätigung des Dämpferpedals wandern die Zugriegel wie von Geisterhand in die neue Position. Nutzt man hierzu das Dämpferpedal, geht das flott über die Bühne, die Funktion lässt sich aber auch über ein Expressionpedal steuern, hier kann man die Klangveränderung dann langsam ausführen. Bei Verwendung eines Yamaha-Expressionpedals FC-7 fällt allerdings auf, dass die Zugriegel nicht ganz exakt die voreingestellte Endposition erreichen. Laut Hersteller funktioniert das Morphing z.B. mit einem Roland EV-5 Pedal aber einwandfrei.

Wünschenswert wäre ein zweiter Zugriegelsatz. Teilt man die Tastatur auf, um ein Untermanual für den Bass zu haben, muss man bei Umregistrierungen darauf achten, für welchen Part die Zugriegel gerade aktiv sind.

Neben Tonewheel- und Kirchenorgel-Sounds stellt das J7 noch 105 weitere Klänge zur Verfügung. Ein weiteres Highlight sind die E-Piano-Sounds. Liebhaber des glockigen Klangs dürfen sich über neun gelungene Imitationen von Fender- und Wurlitzer-Pianos freuen, die alle charakteristischen Klangmerkmale und typischen Spielgeräusche der kultigen Instrumente detailliert wiedergeben.

Auch die angebotenen Clavinets klingen sehr gut und runden das vielseitige Einsatzspektrum des Instruments ab. Die Klaviersounds sind in der Substanz hervorragend, nur das typische Spielgefühl will sich auf der Waterfall-Tastatur nicht einstellen, aber das geht leider nicht anders. Das übrige Soundangebot der J7 kann dieses qualitativ hohe Niveau halten und verspricht viel Abwechslung und Spielspaß. Die zahlreichen Streicher-, Pad-, Brass- und Synthsounds machen die J7 zu einem wirklichen Allrounder im Bandalltag.

„True to Life“ (T2L) heißt die Klangerzeugung, die in allen Dexibell-Modellen zum Einsatz kommt. Bemerkenswert ist die unbegrenzte Polyphonie der Klänge, die durch 320 Oszillatoren gewährleistet wird. Bei den tiefen Tönen kommen so genannte „XXL-Samples“ mit bis zu 15 Sekunden Länge zum Einsatz. Alle Sounds werden mit einer Qualität von 24 Bit/48 KHz wiedergegeben.

Die dafür nötige Rechenleistung stellt ein neu entwickelter High-Speed-Quad-Core-Prozessor zur Verfügung. Die „T2L- Klangerzeugung ist eine Kombination aus Sampling und Modelling. Der Grundsound wurde gesampelt, sämtliche Resonanzen und Interferenzen der klangerzeugenden Elemente werden virtuell berechnet.

Klangbearbeitung

Zur individuellen Klangbearbeitung stehen neben einem 3-Band-Master-Equalizer mit parametrischen Mitten und einem Hallprozessor mit 24 Programmen weitere 14 Effekte zur Verfügung. Neben Tremolo, Delay, Flanger und Chorus kann man mit einer Röhrenamp-Simulation die E-Pianos etwas schmutziger oder die Orgeln mit einem Leslie-Effekt noch authentischer klingen lassen. Alle Effekte lassen sich unabhängig für alle Keyboard-Zonen (Upper, Lower, Pedal, Layer) einstellen.

Die T2L-Modelling-Klangerzeugung bietet neben den DSP-Effekten noch weitere Möglichkeiten insbesondere die Klänge der Tasteninstrumente zu bearbeiten. Für die akustischen Flügel- und Klavierklänge kann man das Hammergeräusch beim Anschlagen und Loslassen der Taste, das Dämpfergeräusch und die Saitenresonanzen sehr detailliert auf Werte zwischen -64 und +63 einstellen.

Für die E-Piano-Sounds stehen die Parameter Gehäuse-Resonanz, Bell und Growl zur Verfügung. Key-Click und Percussion sorgen für einen authentischen Vintage-Orgel-Klang. Der Parameter Off-Noise ist für Clavinet-, Cembalo- und Kirchenorgel-Klänge gedacht, um das charakteristische Geräusch, das bei diesen Instrumenten beim Loslassen der Taste entsteht, einzustellen.

 Bedienung

 Die Bedienung des J7 ist intuitiv und selbsterklärend, die übersichtliche Bedienungsanleitung muss man nur selten in die Hand nehmen. Alle wichtigen Funktionen und Effekte für die Orgelsounds lassen sich direkt über Taster anwählen und einstellen. Die Menüs, um Effekte, Lautstärken der Tastaturzonen und Klangparameter zu bearbeiten, erreicht man durch etwas längeres Halten des jeweiligen Tasters.

Alle weiteren Einstellmöglichkeiten erreicht man über den Menü- oder die drei Function-Buttons direkt unter dem fünfzeiligen OLED-Display. Die Navigation durch die Menüs und die Einstellung der Werte erfolgen mit vier Cursor-Buttons. Auf 36 internen Speicherplätzen können die vorgenommenen Veränderungen abgespeichert werden.

Neben den üblichen Features wie Split- und Layermodus bietet das J7 noch einen Audioplayer für verschiedene Dateiformate (wav, aiff, mp3). Mit der Aufnahmefunktion kann man sein Spiel im WAV-Format direkt auf den USB-Stick aufzeichnen. Eine Bluetooth-Schnittstelle ermöglicht Audiostreaming.

Fazit

Die Combo J7 Digital Organ von Dexibell bietet eine hervorragende Orgelsimulation mit allen typischen Effekten. Ein klares Alleinstellungsmerkmal sind die motorisierten Zugriegel; sie erleichtern die Registrierungsarbeit doch erheblich. Wünschenswert wäre aber noch ein zweiter Zugriegelsatz. Das üppige und hochwertige Soundangebot macht die J7 zu einem Allrounder, mit reinrassigen Orgelgenen.

 

Dexibell J7 Stageorgel

+ Sehr gute Orgelsounds

+ Motorzugriegel

+ Reichhaltiges Soundangebot

+ Gute Verarbeitung, hochwertige Materialien

- Nur ein Zugriegelsatz

 

PREIS 2.390 € UVP

TASTEN 73 Tasten, Waterfall

POLYFONIE unbegrenzt

SOUNDS 2x Tonewheel, 1x Farfisa, 1x Vox, 1x Pfeifenorgel-Simulation, 105 weitere Klänge

EFFEKTE Hall (24), Master-EQ, 6 unabhängige DSP-Effekte, Dämpfergeräusch, Key-off-Effekt, Saitenresonanz, Hammergeräusch, Anschlag0dynamik (5, off), Cabinet Reso, Bell, Click, Crowl, Off Noise, Percussion, Attack, Hold, Sustain, Release

EXTRAS Diverse Modi: Coupled, Lower/Upper, Pedal, Bluethooth

INTERNER RECORDER Audiorecorder (wav)

ANSCHLÜSSE  2x Kopfhörer, USB-to-Host, USB-Flashspeicher, Stereo-out L/R, Line-in, Dämpferpedal, Expression- und Controlpedal

ABMESSUNGEN/GEWICHT 1058 x 338 x 112 mm, 10 kg

INFO http://www.dexibell.com