Notensatzprogramm Steinberg Dorico im Test: Herausforderer

Mit seinem Notensatzprogramm Dorico schickt sich Steinberg an, neue Zielgruppen zu erschließen. An Programmversion 1.0 haben wir nun ausprobiert, wo die Unterschiede zu etablierter Notationssoftware liegen, und ob sich die Konkurrenz warm anziehen muss.

Valerio Dorico war im 16. Jahrhundert ein Buchdrucker in Rom, der auch Noten publizierte. Bei ihm erschienen unter anderem die Noten von Giovanni Pierluigi da Palestrina und anderen maßgeblichen Komponisten der Zeit. Wenn Steinberg sein erstes Notensatzprogramm nun ebenfalls Dorico nennt, stellt man sich in eine große Tradition und weckt natürlich Erwartungen. Ob und wie diese erfüllt werden, haben wir anhand der Dorico-Version 1.0 ausprobiert.

Um Dorico zu installieren, benötigt man einen Computer, auf dem Windows 10 (64-Bit-Version), Mac OS X 10.11 oder Mac OS 12 läuft. Der Arbeitsspeicher sollte vier, besser aber acht Gigabyte umfassen. Die Festplatte braucht noch mindestens 12 GB freien Speicherplatz, denn Dorico kommt inklusive einer großen Bibliothek an Samples. Für die Display-Auflösung gilt ein Minimum von 1366 x 768 Pixel, eine Full-HD-Auflösung von 1920 x 1280 Pixel wird empfohlen. Dorico ist in neun Sprachen verfügbar, doch weist die getestete deutsche Version noch einige Übersetzungslücken auf, die bald in einem kostenlosen Update geschlossen werden sollen.

Interface

Dorico ist nach dem Single-Window-Konzept gebaut und bringt alle Funktionen und Werkzeuge in einer Display-Ansicht unter. Deshalb ist auch eine möglichst hohe Display-Auflösung ratsam. Weil man aber nicht immer alle Werkzeuge sehen muss, lassen sich diese zuklappen – und zwar am linken, rechten und unteren Display-Rand separat. Das Design ist unverkennbar von Steinberg und schafft die optische Klammer zu anderen Produkten des Herstellers – z.B. Cubase. Wer die Farbe zu düster findet, kann auch ein helles Interface-Design auswählen. Auf dem Testrechner wurden nach dem Start von Dorico die Werkzeug-Symbole immer mal wieder in falscher Größe – und damit abgeschnitten – dargestellt. Nachdem in den Einstellungen das Fenster-Design gewechselt, Dorico komplett beendet und neu gestartet wurde, stimmte aber wieder alles. An der Behebung solcher Kinderkrankheiten arbeitet das Entwickler-Team bereits auf Hochtouren.

Dorico unterteilt die Arbeit an einem Notenprojekt klar in fünf Modi, die über Reiter erreichbar sind: Einrichtung, Schreiben, Notenstich, Wiedergabe und Drucken. Je nach Modus sind um das zentrale Arbeitsfeld in der Display-Mitte die passenden Werkzeuge gruppiert. Diese kann man mit der Maus auswählen, besser aber man erarbeitet sich die Tastaturkürzel. Und solche Shortcuts gibt es viele in Dorico, denn die Entwickler wollen ein Programm anbieten, mit dem man auf einer Laptop-Tastatur (ohne Ziffernblock) alles erledigen kann. Eine Übersicht der Tastenkürzel gibt es im gelungenen Hilfesystem. Die Shortcuts orientieren sich an den englischen Fachbegriffen des Notensatzes und liegen leider nur auf englischen Tastatur-Layouts immer ideal zusammen. Hier sollte man selbst Hand anlegen, denn man kann alle Shortcuts ändern.

Schon beim Einrichten eines Projekts fällt auf, dass Dorico einen neuen Ansatz verfolgt: Während Notensatzprogramme traditionell davon ausgehen, dass in einer Datei ein Musikstück gespeichert wird, ist ein Dorico-Projekt freier. Es kann beliebig viele Stücke enthalten. Steinberg spricht hier von Partien (flows in der englischen Version). Partien können Abschnitte (z.B. Sätze) eines einzelnen Musikstücks genauso sein, wie unterschiedliche Musikstücke, die zusammen auf einer oder mehreren Notenseiten stehen sollen.

Der neue Ansatz setzt sich bei den Instrumenten fort: Hier werden nicht Instrumentenstimmen angelegt, sondern Spieler. Hintergrund: Ein Spieler kann auch mehrere Instrumente bedienen. Das klingt zunächst banal, der Ansatz macht Dorico aber ungemein flexibel beim Erstellen von Auszügen. Es ist dadurch sehr einfach, maßgeschneiderte Layouts auch für Multi-Instrumentalisten im Ensemble zu erzeugen. Die Spieler legt man im Setup-Modus in der linken Spalte an, die Layouts in der rechten.

Schreiben-Modus

Noten kann man – wie bei fast allen Notensatzprogrammen üblich – auf drei Arten in Dorico eingeben: Über die Computer-Tastatur, mit einem MIDI-Keyboard oder mit der Maus. Die Mauseingabe kann man in den Einstellungen auch deaktivieren, damit man beim Arbeiten mit der Maus nicht aus Versehen falsche Noten in seine Partitur klickt. Die Mauseingabe ist neben einer gewissen Fehleranfälligkeit auf alle Fälle die langsamste Eingabemethode. Hat man sich in die Tastaturbelegung eingearbeitet, kann man damit beachtlich schnell vorankommen. Beim Einspielen über MIDI-Keyboard muss weiterhin eine Hand an der Computer-Tastatur bleiben, um die Notenwerte festzulegen. Das Aufnehmen über MIDI in Echtzeit ist nicht vorgesehen.

Wer Musikinformationen bereits vorliegen hat, kann diese in Form von MIDI- oder besser MusicXML-Dateien importieren. Auch Cubase-Projekte sollte man als MusicXML exportieren und dann in Dorico importieren. Ein direkterer Weg scheint aktuell nicht angedacht und/oder möglich.

Die Eingabe schaltet man scharf, indem man in einem Notensystem auf die anfangs gezeigte erste Pause doppelklickt. Es erscheint oberhalb ein orangefarbenes Raster (Standard = Achtelnoten), mit dessen Hilfe man mit den Cursor-Tasten durch die Taktpositionen steppen kann. Wobei „Taktposition“ es anfangs noch nicht trifft, denn auch hier geht Dorico neue Wege: Das Metrum kann man festlegen (Tasten Shift + T) oder auch nicht. Freie Musik ist kein Problem. Die Software bezieht eine eingegebene Note nicht fix auf eine bestimmte Position in einem festgelegten Takt mit Taktmaß, sondern findet intern eine andere Repräsentation. Dadurch werden spannende Dinge möglich: einfaches Wechseln des Taktmaßes, komplexe Taktarten und der Insert-Modus. Ist das Insert-Werkzeug aktiv, kann man – wie bei einem Textverarbeitungsprogramm – Noten einfügen oder löschen und die nachfolgenden Noten werden passend verschoben – inklusive Bögen und sonstiger Zeichen. Ein Alleinstellungsmerkmal, für das man sich schnell begeistert.

Weil Dorico Notenwerte bei der Eingabe nicht absolut nimmt, kann es vorkommen, dass aus einer punktierten Viertelnote eine Viertelnote mit übergebundener Achtelnote wird – z.B. wenn es das nachträglich eingegebene Taktmaß erfordert. Sie können aber einen bestimmten Notenwert in eindeutiger Repräsentation erzwingen, indem sie vor der Eingabe den Button mit der symbolisierten Schraubzwinge aktivieren.

Bei Eingabe gibt es einen weiteren Sperrmechanismus: Das symbolische Vorhängeschloss sperrt die Notenwerte. Änderungen betreffen jetzt nur die Tonhöhe – z.B. bei der Eingabe über MIDI-Keyboard. Interessant ist das nicht nur für Komponisten, die sich über den Rhythmus einer Stimme vielleicht schon im Klaren sind, die Melodie aber noch finden müssen. Auch beim Transkribieren von Stücken kann es hilfreich sein, erst den Rhythmus, dann die Tonhöhen einzugeben. Erschwert wird das Transkribieren in Dorico allerdings durch den Umstand, dass man aus dem Notensatzprogramm heraus keine Audio-Dateien abspielen oder steuern kann.

Unterhalb der Noten kann man einen Eigenschaften-Dialog einblenden. Hier kann man Balkengruppen steuern oder die Halsrichtung steuern. Besonders praktisch ist hier die Funktion zum Starten oder Beenden einer Stimme. Dorico ist nicht auf vier Stimmen pro Notensystem beschränkt, wie die meisten seiner Konkurrenzprodukte. Solche Stimmen werden oft dazu benötigt, komplexe Melodieführungen mit gleichzeitig liegenden Tönen darstellen zu können. Bei den anderen Programmen hat man es dann mit vielen Pausen zu tun, die man ausblenden muss, um das Notenbild übersichtlich zu halten. Nicht so bei Dorico: Eine Stimme kann jederzeit beginnen und jederzeit enden, und es können quasi beliebig viele Stimmen gleichzeitig in einem System vorkommen. Dadurch lassen sich schon mit den Standardeinstellungen Problemstellen wie die ausnotierten Arpeggien im dritten Satz von Beethovens Mondschein-Sonate (Op. 27, Nr. 2, ab Takt 164) bewältigen, wo bei anderen Programmen kreative Lösungen mit viel Handarbeit gefragt sind.

Wo Licht ist, ist aber auch noch einiges an Schatten: Dorico kann in Version 1.0 noch keine Akkordsymbole darstellen. Leadsheets gelingen aktuell noch nicht. Wenn man Noten auswählt und ändert, gibt’s kein akustisches Feedback. Bei Percussion-Notation und Tabulaturen muss man ebenfalls auf die nächsten Updates hoffen. Dass noch keine Volta-Klammern (Haus 1/2 bei Wiederholungen) implementiert sind, ist vielleicht das aktuell dringendste Problem, denn ein großer Teil der Musik kann so nicht mit Dorico umgesetzt werden. Fingersätze stehen genauso auf der Wunschliste wie eine Transponier-Funktion, mit der Stimmen in einem Rutsch z.B. um eine Terz versetzt werden können. Viele dieser Features sind angelegt aber nicht sichtbar/aktiv, weil sie wohl noch nicht so arbeiten, wie die Entwickler sich das vorstellen. Beim Launch wurde angekündigt, dass Dorico 1 aus diesen Gründen mindestens in den nächsten sieben Monaten mit kostenlosen Updates versorgt werden soll.

Notenstich-Modus

Der Notenstich-Modus von Dorico ist eine Layout-Funktion. Hier können Formate und Ränder eingestellt, aber auch komplexe Layouts entworfen werden. Dazu ist ein Rahmen-Konzept vorhanden, wie man es von DTP-Software wie Adobe InDesign oder Quark XPress kennt. Es gibt Rahmen mit Musik, Rahmen mit Text und Rahmen mit Grafiken. Dadurch lassen sich auch aufwändige Noten-Produktionen bis zur Druckvorstufe vollständig in Dorico abwickeln. Besonders Musiklehrer werden die Möglichkeiten zu schätzen wissen, abwechslungsreiche Arbeitsblätter gestalten zu können. Selbst wenn eine Seite mal mehr Text und Bilder als Noten enthält, kann man in Dorico schneller zum Ziel kommen, als wenn man die Beispiele separat erstellt, als Grafik exportiert und in ein Layout-Programm einfügt.

Im Notenstich-Modus werden natürlich auch die Standardaufgaben erledigt, wie die manuelle Änderung von Systemuümbrüchen oder das Anpassen von Bögen, falls man mit den in den meisten Fällen schon sehr guten Lösungen von Dorico nicht einverstanden ist. Nach welchen Regeln das Notensatzprogramm vorgeht, lässt sich übrigens sehr detailliert in den Notensatzregeln definieren. Hier haben die Entwickler besonders viel Mühe darauf verwendet, nicht nur Formulare für Zahlenwerte anzubieten, sondern sie liefern oft auch schon Beispiele, wie sich eine Einstellung in der Praxis auswirkt. Damit man nicht jede Seite von neuem gestalten muss, kennt Dorico außerdem das Konzept von Master-Seiten. Alles was man hier festlegt, wird dann auf die konkreten Unterseiten angewendet.

Ist alles gestaltet – Partitur oder Layouts von einzelnen Instrumenten oder Gruppen –, wechselt man in den Drucken-Modus. Hier kann man die Daten an seinen angeschlossenen Drucker senden oder Export-Dateien erstellen. Dorico unterstützt neben dem PDF-Format die Grafik-Formate SVG, PNG und TIFF. Für beste Druckergebnisse können auch Monochrom-PDFs erstellt werden. Farb-PDFs entsprechen dem RGB-Standard. Hier könnte man mittelfristig auch über CMYK nachdenken, was dem Standard der Druckvorstufe entsprechen würde.

 

Wiedergabe

In Dorico steckt Steinbergs erstklassige Audio-Engine, die auch in Cubase oder Nuendo zu finden ist. Für die Wiedergabe werden dem Notensatzprogramm die VST-Klangerzeuger HALion Sonic SE 2 und die komplette Sample Library HALion Symphonic Orchestra zur Seite gestellt. Außerdem können VST3-Plug-ins (Klangerzeuger und Effekte) eingebunden werden. Die Klangqualität ist – wie nicht anders zu erwarten – erstklassig. Allerdings haben die Dorico-Entwickler auch noch jede Menge Arbeit vor sich: Nicht nur, dass es noch keine Möglichkeit gibt, externe Audio-Dateien zu importieren, um das Transkribieren zu erleichtern. Im Test zeigte sich auch, dass nicht alle Noten abgespielt wurden. Ganz wichtig wird außerdem sein, der Musik einen menschlichen Anstrich zu geben. Aus dem mechanischen Abspielen muss eine musikalische Interpretation werden. Die über 20 Jahre Entwicklungsvorsprung von Finale und Sibelius auf diesem Feld kann man eben nicht schon in Programmversion 1.0 einholen.

Ein wichtiger und guter Schritt ist allerdings schon der Wiedergabe-Modus innerhalb von Dorico. Dessen Layout erinnert an die Ansicht innerhalb einer DAW wie Cubase – es ist schließlich die gleiche Engine aktiv. Stimmen kann man für die Wiedergabe stumm schalten, solo hören oder das Wiedergabe-Instrument ändern. Außerdem kann man eine Pianorollen-Ansicht editieren. Wichtig: Dies wirkt sich nur auf die Wiedergabe aus und wird nicht in die Notenansicht übertragen. Eine Controller-Spur – z.B. für Lautstärkeverläufe – ist aktuell nicht zu sehen. Weil die Engine das aber hergeben müsste, darf man das sicher für kommende Programm-Versionen erwarten.

Fazit

Steinberg will mit Dorico den neuen Gold-Standard bei Notensatzprogrammen liefern. Das Potenzial dazu ist im Programm angelegt. Die Art und Weise, wie Noten intern repräsentiert und verarbeitet werden, lässt eine Verkürzung des Workflows und mehr kreative Möglichkeiten erwarten. In Version 1.0 hat man es aber noch mit etlichen Kinderkrankheiten zu tun. Der Support im (englischen) Forum des Herstellers ist aber sehr gut. Vor allem dem Product Marketing Manager Daniel Spreadbury muss man hier großes Lob für sein Engagement aussprechen. Dorico 1.0 kann die Konkurrenzprogramme zwar noch nicht in den Schatten stellen, der Grundstein dazu ist jedoch gelegt.

 

Wertung

+ Sehr gutes Notenbild bereits mit Standardeinstellungen

+ Flexibler Umgang mit Musik

+ Gute Lösungen für einige Problemfälle der Notation

+ Starke Layout-Funktionen (DTP-ähnlich)

- Fehlende Programmfunktionen

- Noch viele Bugs

(Hinweis: Test und Wertung beziehen sich auf Programmversion Dorico 1.0, Stand Dezember 2016)