Test Yamaha Tyros5: Doppelspitze

Die Arranger-Workstation Yamaha Tyros5 gibt es in zwei Versionen: mit 61 oder 76 Tasten. Das Duo soll die Spitzenposition in der Keyboard-Topklasse verteidigen. Wir haben den Praxistest gemacht und zeigen, mit welchen neuen Features der Hersteller die Lust aufs Keyboard-Spielen weckt.

Schon vor 20 Jahren propagierte die Deutsche Post: Fünf ist Trümpf. Dass sich japanische Entwickler davon beeindrucken ließen, darf zwar bezweifelt werden, dennoch soll die neue fünfte Ausgabe der Arranger-Workstation Yamaha Tyros mehr sein als ein Ass im Ärmel. Sie soll der Trumpf sein, der alle anderen sticht. Ob das gelingt, wie das Keyboard-Flaggschiff also klingt und wie es sich in der Praxis schlägt, konnten wir im Umfeld der Händler-Seminare zur Markeinführung bereits ausprobieren.

Auffallendste Neuerung: Das Keyboard ist in zwei Versionen erhältlich: mit 61 und mit 76 Tasten. Gewissermaßen erhält nach über 12 Jahren das Yamaha 9000pro damit sein Nachfolgemodell. Dieser professionelle Anspruch wird zusätzlich durch erweiterte Anschlussmöglichkeiten unterstrichen: Neben den beiden Haupt-Line-Ausgängen (Klinke, L/R) führen jetzt bis zu vier Sub-Ausgänge Signale zum Mischpult. Eine kleine, aber enorm praktische Änderung: Demo-Knopf und Vocal-Harmony-Schalter sind jetzt sehr weit voneinander entfernt, so dass man beim Auftritt nicht mehr aus Versehen mal so schnell das Werks-Demo ein-, statt den Begleitchor ausschaltet.

Doch nicht nur Profis sollen angesprochen werden: Vom anspruchsvollen Hobbyspieler, über den Entertainer und den Band-Keyboarder bis zum Organisten und Singer-Songwriter will der Hersteller viele Zielgruppen adressieren. Auch Arrangeure und Produzenten im Studio hat man im Blick. Und alle sollen sich am Instrument wohl fühlen. Damit das gelingen kann, steckt das Keyboard voll zahlloser Funktionen, und die zentrale Frage für diesen ersten Test lautet: Findet man sich in dieser Funktionsfülle zurecht? Immer von Interesse ist natürlich auch: Welche Neuerungen gibt es gegenüber der Vorgängerversion? Und: Wie klingt das neue Flaggschiff eigentlich?

 

Yamaha Tyros5 Draufsicht
Das bei Yamaha etablierte Angebot an Erweiterungspaketen ist bereits auch in Versionen für Tyros5 verfügbar und soll noch weiter ausgebaut werden. Wer schon ein Expansion-Pack für seinen Tyros4 gekauft hat, kann über sein Kundenkonto die neue 5er-Version direkt herunterladen. Weil das Angebot an Erweiterungen inzwischen sehr groß ist, gibt die Software „Yamaha Expansion Manager“, mit der man sich aus seinen gekauften Erweiterungspaketen seine Lieblings-Sounds und -Styles zusammenstellen kann, um Speicher im Keyboard zu sparen. (Foto: Yamaha)

Outfit

Die Form erscheint vertraut: Nur sanft wurde das Design von Tyros4 zu Tyros5 weiterentwickelt. Gewissermaßen erscheint die Form des neuen Modells wie eine Synthese aus Tyros2, Tyros3 und Tyros4: runde Formen mit schrägen Flächen kombiniert. Das Gehäuseoberteil fällt beim 5er-Modell jedoch etwas dunkler aus. Der Hersteller spricht von einem Titanium-Finish. Dabei handelt es sich um einen dunkleren Silber-/Grauton, der mehr Wertigkeit ausstrahlen soll. Es steht auch zu erwarten, dass der dunklere Farbton unvermeidliche Gebrauchsspuren länger verbergen kann als helles Silber.

Die Bedienoberfläche lässt sich grob in vier Re­gionen einteilen: Ganz links außen findet man die Regler für angeschlossene Mikrofone, die Master-Lautstärkeregelung und Spielhilfen wie Pitchbend- und Modulationsrad, Artikulationstaster und Schalter für die Oktavlage. Im Zentrum des Instruments findet man das altbekannte, ausklappbare TFT-Display mit einer Auflösung von 640 mal 480 Pixeln (hier hätte man sich eine Erweiterung vorstellen können) und rundherum angeordneten Funktionstastern, darunter findet man die Fader und Up-/Down-Taster für Mixer- und andere Funktionen sowie ein Datenrad. Links des Displays sind die Style-Sektion sowie MIDI- und Audio-Recorder angeordnet. Auffällige Neuerung: Es gibt einen Crossfader, um zwischen MIDI-Sequencer und Audio-Recorder/Player überblenden zu können. Da die Multipads styleähnliche Aufgaben übernehmen können, sind auch sie auf dieser Instrumentenseite zu finden. Rechts des Displays findet man alle Elemente, die mit Soundauswahl und Registrierung zu tun haben. Insofern folgt auch Tyrus5 tradierten Konzepten und erleichtert damit den Umstieg von Vorgängermodellen auf den Neuen. Auf der anderen Seite wird man immer auch Stimmen finden, die den einen oder anderen Schalter gerne an einer anderen Stelle gehabt hätten. Insgesamt kann man den Ingenieuren aber bescheinigen, dass sie eine klare Linie ins Bedienkonzept gebracht haben und auch Neueinsteiger sich nach kurzer Einarbeitung rasch zurechtfinden können.

Die Tastatur vermittelt ebenfalls ein vertrautes Spielgefühl, sie ist leicht gewichtet und setzt neben der obligatorischen Anschlagdynamik (einstellbar) auch Druckdynamik (Aftertouch) um. 61er- und 76er-Modell unterscheiden sich lediglich im Umfang. Subjektiv könnte die Gewichtung etwas straffer ausfallen, aber in dieser Frage wird sich unter Musikern kaum Einigkeit erzielen lassen, denn es hängt auch stark davon ab, ob man zum Beispiel vom Klavier kommt und gewohnt ist, größere Massen zu bewegen. In Sachen musikalischer Ausdruck sollte sich mit der Tyros-Tastatur jedenfalls ganz ordentlich arbeiten lassen.

Yamaha Tyros5 Anschlüsse
Vertraut und neu zugleich: Das Anschlussfeld der Tyros5-Modelle ist gegenüber früheren Instrumenten leicht verändert. Neben den beiden Main-out-Anschlüssen (L/R) gibt es beispielsweise vier Sub-Ausgänge, um Signale
getrennt zum Mischpult zu leiten. (Foto: Yamaha)

Die meisten Anschlüsse findet man an der Rückseite: Neben den Main-Ausgängen (L/R) gibt es vier Sub-Ausgänge, von denen Nummer 3 und 4 auch als Aux-Ausgänge (Umgehung der internen DSP-Sektion) dienen können. Im Vorgänger gab es je zwei Sub- und Aux-Ausgänge. Die neue Lösung ist in der Praxis um einiges flexibler. Externe Signale kann man über Aux-in (L/R) im Line-Pegel oder als Mikrofonsignal über eine Kombibuchse ins Instrument einschleusen. Fein am Gain-Regler eingestellt lässt sich hier auch mal eine Gitarre direkt anschlie­ßen, um sie zum Beispiel mit dem Audio-Recorder aufzunehmen. Für Kondensatormikrofone braucht man immer noch eine externe Stromquelle, da sich Yamaha noch nicht zum Einbau einer Phantomspeisung im Tyros5 durchringen konnte. Für Fußschalter, Pedale und Schweller stehen drei Anschlüs­se bereit, außerdem gibt es zwei MIDI-Duos – jeweils Ein- und Ausgang A und B. Externe Displays kann man über typische VGA-Stecker am RGB-Ausgang anschließen. Fehlt noch die USB-Anbindung: Eine Buchse für USB-Sticks findet man an der Geräteoberseite rechts, eine weitere an der Rückseite. Direkt daneben die USB-to-Host-Schnittstelle für USB-MIDI- und -Datenverbindungen zum Computer. Praktisch: Tyros5 liegt ein USB-W-LAN-Adater bei, den man in die hintere USB-to-Device-Buchse einstecken und das Instrument dadurch in draht­lose Computernetze einbinden kann. Dadurch lässt sich das Keyboard zum Beispiel mit einem Apple iPad verbinden. Die Kopfhörerbuchse findet man wie immer links vorne.

Im Vergleich zum Vorgänger weggefallen sind die Multipin- und Klinkenanschlüsse für das optionale Soundsystem. Das TRS-MS05, das für Tyros5 angeboten wird, wird jetzt über die Standard-Klinkenausgänge versorgt und hat die Frequenzweiche im Subwoofer eingebaut (früher ins Instrument integriert). Dadurch kann man auf Standardkabel zurückgreifen. Das frühere Multipin-Kabel erwies sich bei regelmäßigem Ein- und Ausstecken wohl als nicht langlebig genug. Für die Anwender verspricht die neue Lösung unkomplizierter und dauerhaft güns­tiger zu sein. Weiterer Vorteil: Das Speaker-System lässt sich auch mit anderen Keyboards einsetzen – zum Beispiel den PSR-S-Modellen, einem Synthesizer oder auch Instrumenten anderer Hersteller.

Sound

Beim „Keyboard-Quartett“ im Freundeskreis können Besitzer eines Tyros5 mit beeindruckenden Zahlen auftrumpfen: 1.279 Panel-Voices (direkt über die Bedienoberfläche erreichbar) stecken im Instrument, über 300 sind laut Hersteller neu dazugekommen oder zumindest neu gestaltet worden. Dazu kommen 480 XG-Voices, die man überwiegend für die Wiedergabe von MIDI-Files einsetzen wird. Außerdem 37 Drum- und Effekt-Kits. Die Polyfonie bietet mit maximal 128 Stimmen den aktuellen Standard. Gern verglichen werden auch die Soundfamilien, die bei Yamaha üblich sind. Hinter verschiedenen Namen verstecken sich Klassen von unterschiedlich aufwändig gestalteten Klängen, die zum Teil auch noch mit Nebengeräuschen und Artikulationseffekten angereichert sind. In den Panel-Voices des Tyros5 findet man: 37 Sweet!-Voices, 81 Cool!-Voices, 138 Live!-Voices, 54 Mega-Voices (für authentische Instrumental-Parts in Styles), 288 Super-Articulation-Voices und 44 Super-Articulation-2-Voices (mit steuerbaren Artikulationseffekten). Neu gestaltet ist die „Organ World“ (ersetzt die alten „Organ Flutes“) mit 40 Presets. Völlig neu sind die Ensemble-Voices mit 55 Presets.

Die Ensemble-Voice gehört sicher zu den herausragenden Neuerungen im Tyros5, die für die Musiker echte Fortschritte beim Spielen bringt. Denn was nutzten bisher die schönsten Artikulationseffekte, wenn beim mehrstimmigen Spiel mit mehreren Instrumentalklängen immer ein unrealistischer Klang entstand. Beispiel: Spielen zwei echte Blasmusiker zusammen, hört man nie mehr als zwei Töne gleichzeitig, bei vier Musikern vier. Am Keyboard hörte man bei einem Arrangement aus Trompete, Posaune und Saxofon bei einem dreistimmigen Akkord in Wahrheit aber immer neun Töne (drei Akkordtöne mal drei Instrumentenlänge). Die neue Ensemble-Voice im Tyros5 macht Schluss damit.

Hier findet man Presets von Instrumentalquartetten (Blechbläser, Holzbläser, Streicher), mit denen man entweder live vierstimmige Sätze spielen kann. Oder man bedient sich der Harmony-Funktion, bei der abhängig von gegriffenen Akkorden der passende Satz ergänzt wird. Was ist neu dabei? Intelligente Algorithmen verteilen die gespielten Töne auf die einzelnen Instrumente im Ensemble, so wie das ein reales Quartett umsetzen würde. Nun hört man beim einem vierstimmigen Akkord tatsächlich nur vier Töne. Dies bringt eine enorme Steigerung des Klangrealismus im Live-Spiel, wie dies bislang nur durch das Programmieren von MIDI-Spuren erreicht werden konnte. Die Funktion ist ein starker Appell an alle Keyboarder, sich wieder ganz neu dem echten Spielen zu widmen, anstatt auf Programmierung zu vertrauen.

Unterstützt wird die neue Lust am Live-Spiel sicher auch durch die Organ World: Dahinter verbirgt sich nicht die alte Zugriegelsimualtion, hier wurde kräftig renoviert und erweitert. Ganze fünf unterschiedliche Orgelsektionen sind nun zu finden – alle im Detail registrierbar: eine Zugriegelorgel à la Hammond, eine à la Wersi, eine Heimorgelsimula­tion mit virtuellen Kipptastern, eine Konzert- beziehungsweise Kirchenorgel und eine Theaterorgel. Renoviert wurden nicht nur die Displayseiten, die jetzt grafisch für das echte Orgel-Feeling sorgen, auch neue Samples und Effekte schaffen authentischen Klang und Spielspaß. Die Hammond-Sounds mit dedizierten Klonen zu messen, ist nicht ganz gerechtfertigt, bei der Kirchenorgel könnte man sich aber zu der Aussage hinreißen lassen, dass man zu Hause günstiger und besser wegkommt, wenn man in einen Tyros5 plus externes MIDI-Bass­pedal investiert, anstatt in eine kleine digitale Kirchenorgel.

Bei der gebotenen Klangfülle ist es kaum möglich, eine Einzelkritik vorzunehmen. Unbedingt anspielen sollte man aber neben dem neuen Konzertflügel (mit Resonanzeffekten) auch das Upright Piano. Deutliche Klangfortschritte möchte man auch den E-Pianos attestieren. Weit vorne sind auch die neue Flamenco-Gitarre (härterer Sound als früher) und eine exzellente „SteelAcoustic“. Hier kann man die Anmaßung, ein Saiteninstrument am Keyboard zu spielen, nicht nur verzeihen, hier kann man wirkliche Musik machen. Neben generell verbesserten Streicher- und Bläsersounds machen besonders die „ClassicalFlute“, das „TenorSax“ und die „Trumpet“ Spaß, bei der kein so exzessives Vibrato zu hören ist, das sonstige Keyboard-Trompeten oft so unrealistisch macht. Freunde der elektronischen Musik dürfen auch gerne die Pad- und Synth-Kategorien genauer erkunden. Hier hat sich im Detail auch einiges getan, so dass nicht mehr nur vordergründig der Schlagerfreund glücklich wird. Auch aktuelle Dance-Titel lassen sich stilecht interpretieren.

Yamaha Tyros5 mit Ständer und Soundsystem
Das Lautsprechersystem TRS-MS05 wird direkt an den Main-Ausgang angeschlossen. Die Signalverteilung übernimmt ein extra Verbindungskabel. So lässt sich das System auch an anderen Keyboards nutzen und am Tyros5 kann man sich die Spezialbuchsen früherer Modelle sparen. (Foto: Yamaha)

Styles

Keine Weltneuheit, aber immer noch eine junge Entwicklung bei Yamaha sind die Audio-Styles, die man in der neuen Tyros-Generation findet. 40 dieser Styles sind an Bord, neben den klassischen Arrangement-Spuren im MIDI-Format verfügen diese Styles über Drum- und Percussion-Spuren im Audio-Format. Anders als Hersteller Ketron, der bei seinem Modell Audya Vorreiter in Sachen Audio-Spuren in Styles war, verzichtet Yamaha auf Melodieninstrumenten-Loops in Styles. Die Drum-Parts wurden von namhaften Studiomusikern live eingespielt. Die so gewonnenen Loops werden von der Begleitautomatik zu den MIDI-Parts synchronisiert. Das Ergebnis sind lebendigere und dynamischere Drum-Grooves, als dies mit MIDI-Mitteln bisher möglich war.

Insgesamt verfügt die Begleitsektion des Tyros5 über 539 Styles, die jeweils aus drei Intros vier Variationen, vier Fill-ins, Break und drei Endings bestehen. Als Style-Format kommt die so genannte Guitar Edition von Yamaha zum Einsatz, die sich dadurch auszeichnet, dass programmierte Gitarren-Parts bei Akkordwechseln authentisch klingen. Wie bei echten Gitarristen werden die Grifflagen sinnvoll gewechselt und nicht einfach „auf der Tastatur nach links oder rechts verschoben“. Wie auch bei Yamaha üblich, verfügt jeder Style außerdem über vier One-Touch-Settings (OTS) mit zum Style-Typ passenden Registriervorschlägen. Möchte man diese editieren, erstellt man aus dem Werks-Style einen User-Style und speichert ihn auf der Festplatte des Instruments. Manko: Audio-Styles lassen sich nicht editieren. Hier greift man auf die ohnehin mächtigere Registrations-Funktion zurück, um zu seinem Titel die passenden Klangzusammenstellungen zu speichern.

Weil Musiker ständig auf neue Inhalte angewiesen sind, ist es selbstverständlich, dass die Style-Sektion des Tyros5 erweiterbar ist. Einerseits kann man wie angesprochen selbst vorhandene Styles editieren oder mit dem integrierten Style-Creator völlig neue Begleitmuster erstellen. Andererseits bietet Yamaha selbst über seinen Downloadshop (www.yamahamusicsoft.com) extra Material an. Wer will kauft einzelne MIDI-Files oder Styles, oder man greift zu so genannten Voice- and Style-Expansion- oder den Premium-Packs und -Voices. Hierin findet man Sammlungen von zusätzlichen Sounds, Styles, Multipads und Registrationen. Gute Nachricht für alle, die schon solche Packs für ihren Tyros4 gekauft haben. Da der Kauf mit Ihrem Kundenkonto verknüpft ist, können Sie sich ihre Pakete für den Tyros5 einfach und bequem im neuen Format herunterladen und installieren. Achtung: Das nötige Flash-Board gehört beim Tyros5 noch nicht zum Lieferumfang.

Effekte

Zu einer Oberklasse-Workstation gehört eine standesgemäße Ausstattung an Effekten, mit denen sich der Sound veredeln lässt. Klotzen, nicht kleckern, scheint in diesem Punkt die Devise der Yamaha-Ingenieure gewesen zu sein. Im Tyros5 stecken­ – wie bereits in den Vorgängern – neun DSP-Einheiten sowie einige Mastering-Tools für einen druckvollen Gesamtsound. Deutlich erweitert wurde nicht nur die Anzahl der verfügbaren Effekt-Presets, vor allem an der Qualitätsschraube wurde gedreht. Tyros5 kann jetzt auf so genannte VCM-Effekte zugreifen. VCM bedeutet Virtual Circuitry Modeling und beschreibt eine Technik, mit der Yamaha das Verhalten analoger Schaltungen simuliert. Effekte, die auf dieser Technologie basieren, fand man bislang lediglich in den Digitalmischpulten des Herstellers.

Optisch ansprechend umgesetzt, findet man die VCM-Technologie unter anderem in den diversen Gitarren-Amp-Simulationen. Durch die grafische Anlehnung an das Design der modellierten Verstärker fällt es leicht, die Parameter der Amp-Effekte sinnvoll einzustellen – eine große Verbesserung gegenüber früheren Keyboards. Der Sound der Amp-Simulationen kann durchweg überzeugen – vom clean-warmen Sound bis hin zur brachialen Verzerrung. Dabei profitieren nicht nur die verschiedenen Gitarrensounds im Tyros5, auch E-Pianos, Clavinets und Orgelsounds lassen sich aufpeppen. Oder man schafft neue Klangwelten, indem man Naturinstrumente verfremdet oder Synthesizer-Klänge mit Verstärker-Schmutz noch durchsetzungsfähiger macht. Gut, dass man auch die Effekteinstellungen schnell im Registrationsspeicher ablegen und jederzeit wiederherstellen kann.

Einen großen Schritt macht Tyros5 auch durch seinen neuen Hall-Effekt. Am deutlichsten wird dies durch den direkten Vergleich: Stellt man bei einem alten Modell einen „Large-Hall“-Effekt ein und spielt einen Klaviersound (gerne mit Pedaleinsatz) wird der Sound nicht nur matschig, es kommt auch zu unangenehmem Sound in den Obertönen. Nicht so beim Tyros5! Neue Algorithmen sorgen dafür, dass hier ein angenehmer, „großer“ Raumklang entsteht. Davon profitieren natürlich auch alle kleineren Hallräume.

Natürlich hat auch Tyros5 wieder einen Vocal-Harmonizer an Bord. Es handelt sich um Yamahas Vocal Harmony 2, den man schon aus dem Vorgängermodell kennt. Ausstattung und Funktionsumfang sind gleich geblieben, die produzierten Chorstimmen können sich noch immer gut hören lassen. Geboten werden bis zu drei zum Mikrofonsignal addierte Stimmen, außerdem stehen Kompressor, Equalizer, Hall und Delay für die Gesangsstimme bereit. Wer’s exotischer mag, kann die Stimme durch einen Synth-Vocoder verfremden. Wie immer gilt dabei: Die Dosierung bestimmt, wie man beim Publikum ankommt.

USB-W-LAN-Adapter
Tyros5 liegt ein USB-W-LAN-Adapter bei, mit dem das Keyboard in Drahtlosnetze eingebunden werden kann, z.B. für den Zugriff über ein Apple iPad. Hinweise zu Apps finden Sie im Kasten auf der rechten Seite. (Foto: Yamaha)

Praxis

Für die Praxis interessant ist die Arbeit mit den Multipads. Schon immer werden hier Drum- oder Instrumentalphrasen auf MIDI-Basis geboten, die einfach abgespielt oder als Loop wiedergegeben werden. Wollte man früher eigene Geräusche einbinden, musste man aus seinen Aufnahmen erst eine Custom-Voice erstellen, die man dann in eine selbst erstellte MIDI-Phrase einbinden und einem Multipad zuweisen konnte. Tyros5 verfügt nun über eine Audio-Link-Funktion, die es erlaubt, Audio-Dateien direkt einem Multipad zuzuweisen und bei Bedarf synchron zum Style zu starten.

Zwei Aufnahme- und Wiedergabesysteme stecken im Tyros5: ein 16-Spur-MIDI-Sequencer und ein Audio-Harddisk-Recorder. Im Prinzip kennt man das auch schon vom Vorgänger. Neu ist, dass zwischen beiden Systemen nun ein Crossfader zu finden ist, um in DJ-Manier zwischen beiden überzublenden. Wer zwei aufeinander abgestimmte Playbacks (1 x MIDI, 1 x Audio) lädt und mit geübtem Griff beide Player gleichzeitig startet, kann auch flexibel die Lautstärkeverhältnisse live mit dem Crossfader mischen. Was noch fehlt, ist die Möglichkeit, beide Player über einen einzelnen Knopfdruck zu starten. Vorhanden ist dafür inzwischen eine Vocal-Cancel-Funktion, die bei Audio-Playbacks in der Stereomitte platzierte Gesangsstimmen ausblendet. Daneben sind Tonhöhen und Tempokorrekturen von Audio-Files möglich, die im Bereich ± 10–15 Prozent sehr gute Ergebnisse liefern. Tipp: Der Synchro-Start eines Audio-Playbacks lässt sich über die Audio-Link-Funktion der Multipads realisieren. Man kann hier nicht nur kurze Phrasen, sondern auch ganze Songs einbinden.

Ein nützliches kleines Extra hat mit dem Style-Recommender jetzt auch ins Arranger-Flaggschiff Einzug gehalten. Ruft man die Funktion auf, kann man Rhthmen einspielen, die vom Keyboard analysiert werden. Anschließend werden dazu passende Styles vorgeschlagen. Interessant ist das zum Beispiel, wenn man zu Hause kreativ ist und einen Rhythmus oder eine rhythmische Melodie im Kopf hat. Mit dem passenden Style – gefunden durch den Style Recommender – entsteht dann schnell ein erstes Song-Gerüst.

Neue Möglichkeiten für Live-Spieler ergeben sich durch die überarbeitete Split-Funktion: Bislang war es nur möglich, die Akkorde in der Left-Zone oder über die gesamte Tastatur erkennen zu lassen. Jetzt als Steigerung können die Split-Punkte für Left-Voice und Akkorderkennung unterschiedlich gesetzt sein – und die Akkorderkennung kann auch der Right-Zone zugewiesen werden. Dadurch wird Manualbassspiel möglich, eine Bass-Voice wird automatisch zugewiesen, kann aber auch verändert werden. Weist man die Einstellung einer Registrierung zu, kann man zum Beispiel in einem Song schnell umschalten, um einen charakteristischen Bass-Part live zu spielen, den Rest lässt man vom Style erledigen. Wieder ein Grund weniger, das Musikmachen den MIDI-Files zu überlassen.

  • Yamaha Tyros5 begeistert durch zahlreiche neue Features,

  • darunter Audio-Styles,

  • neue Split-Funktion,

  • Audio-Link bei Multipads und

  • Vocal-Cancel, Time Stretch und Pitch Shift für Audio-Playbacks.

Fazit

Mit der Arranger-Workstation Tyros5 zeigt Yamaha wieder einmal kraftvoll, was aktuelle Technik leisten kann. Nicht nur in Sachen Klangrealismus bei Naturinstrumenten kann die Spitzenposition mehr als verteidigt angesehen werden. Besonders gefällt, dass mit der Organ World, vor allem aber mit der Ensemble-Voice und der erweiterten Split- beziehungsweise Akkorderkennungsmöglichkeit Featu­res geboten werden, die das Live-Spielen am Instrument in den Fokus rücken und hier echte Forschritte bringen. Sicher werden sich mit der Zeit Veränderungswünsche am Instrument ergeben – meist abhängig vom eigenen Einsatz. So bleibt sichergestellt, dass die Entwicklung weitergeht. Für den Augenblick darf man den Yamaha-Entwicklern aber erst einmal gratulieren.

Wertung

+ Hervorragende Sounds

+ Ensemble-Voice-Funktion

+ Organ World mit vielen Möglichkeiten

+ Perfekt gemischte Styles

+ Audio-Styles mit mehr Drum-Power

+ Sehr schöner Hall-Effekt

+ VCM-Effekte mit tollen Amp-Simulationen

+ Wahlmöglichkeit: 61/76 Tasten

- Mikrofonanschluss ohne Phantomspannung

- Kein Synchro-Start von Audio- und MIDI-File