Yamaha Tyros4 zeigt sich im Test als Top-Performer

Vollgepackt mit zeitgemäßer Technik schickt sich Yamahas Arranger-Flaggschiff Tyros4 an, die Messlatte in der Keyboard-Oberklasse nochmals ein Stück höher zu legen. Der Test zeigt, dass sich die Anstrengungen wieder einmal gelohnt haben – vor allem gefällt der druckvolle, livetaugliche Sound.

Nicht täuschen lassen: Außer dem Aufdruck und der blauen Beleuchtung hat sich noch einiges mehr beim neuen Yamaha-Top-Keyboard Tyros4 verändert – das meiste jedoch unter der Haube, und auf die inneren Werte kommt es schließlich an. Das Gehäusedesign entspricht dem des Vorgängers Tyros 3, und wenn die Gerüchte stimmen, wird sogar dieselbe Spritzgussform für die  Herstellung verwendet. f

Outfit

Das silbergraue Tyros-Gehäuse wird im Zentrum dominiert von einem 10 Zoll großen Farb-TFT-Display, das im Neigungswinkel verstellt werden kann und das links und rechts von Funktionstasten flankiert wird. Der Kontrast der Darstellung ist sehr gut, und auch der Blickwinkel, aus dem noch ein scharfes Bild zu erkennen ist, sucht seinesgleichen. In Gadgets verliebte Anwender werden einen Touchscreen vermissen, beim Hersteller sieht man das aber entspannt. Schließlich ist das nicht nur eine Kostenfrage, man erntet wohl auch viel Lob von sehbehinderten Musikern, die mit Touchscreens ihre liebe Not hätten.

Unterhalb des Displays befinden sich zweimal acht Up-/Down-Taster samt Schieberegler für die Werteeingabe in verschiedenen Menüs. Ein neunter Schieberegler ist frei zuweisbar; alle neun zusammen übernehmen auch die Funktion von Zugriegeln, um die so genannten „Organ Flutes“ zu registrieren. Ein großes Datenrad samt Eingabe-Button für vielfältige Werteanpassungen darf natürlich nicht fehlen.

Ganz Yamaha typisch befinden sich rechts des Displays die Bedienelemente, die im Zusammenhang mit Voices und Registrierungen stehen, außerdem die Bedienelemente des Harddisk-Recorders und noch ergänzende Menü- und Funktions-Buttons. Links des Displays findet man die Begleit-Sektion mit den Bedienelementen für das Style-Spiel, den Buttons des Sequencers/MIDI-File-Players sowie die Steuerung für ein angeschlossenes Mikrofon. Vor allem der leicht versenkte, gut zu steuernde Gain-Regler für das Mikrofon und die Aussteuerungsanzeige im Main-Display können auf Anhieb gut gefallen.

Ins Auge sticht auch die geänderte Beleuchtung der Buttons: was früher grün war, leuchtet heute blau. Die Begründung zeigt, wie Yamaha auf Kundenwünsche eingeht: Menschen mit Rot-Grün-Sehschwäche konnten den Statusunterschied der rot bzw. grün beleuchteten Buttons nicht sehen.

Links der Klaviatur findet man Pitchbend- und Modulationsrad – beide angenehm griffig – und die seit Tyros 3 eingeführten Articulation-Taster, mit denen sich Artikulationseffekte von Super-Articulation-2-Voices steuern lassen. Rechts der Klaviatur komplettiert ein USB-to-Device-Anschluss für Speichersticks die Elemente der Keyboard-Oberseite.

Anschlüsse

Überwiegend Bewährtes auf gewohnt professionellem Niveau hält Tyros4 bei den Anschlüssen bereit. Insgesamt vier Line-Ausgänge, Aux-send und -return, zweimal MIDI-in/out, RGB-out und Video-out, drei Anschlüsse für Fußpedale, Netzwerk-Anschluss für die Internetdirektverbindung, USB-to-Host für MIDI-Verbindungen und die Kommunikation mit der mitgelieferten Editor-Software, dazu noch ein zweiter USB-to-Device-Anschluss an der Geräterückseite.

Verändert hat sich gegenüber den Vorgängermodellen der Anschluss für ein Mikrofon. Hier findet man jetzt löblicherweise eine symmetrisch beschaltete Kombibuchse für Klinken- und XLR-Stecker. Phantomspannung ist nach wie vor nicht vorgesehen. Der Kopfhöreranschluss findet sich wie gehabt links, schräg unterhalb der Tastatur.

An insgesamt vier Buchsen findet das neue optionale Boxensystem TRS-MS04 Anschluss ans Keyboard. Das Innenleben der Boxen wurde neu gestaltet, um den Sound des Keyboards zu transportieren, und dem ersten Höreindruck nach sind die Bestrebungen gelungen. Zusammen mit den entsprechenden Master-Presets der Effektsektion bekommt man druckvollen Sound geboten. Der Subwoofer lässt sich in seinem Anteil am Gesamtsound separat regeln, so dass man wenn nötig auf die Nerven der Nachbarschaft Rücksicht nehmen kann.

Sound

Den Wave-ROM, aus dem die Klangerzeugung schöpft, hat Yamaha beim Tyros4 auf 512 MB physisch verdoppelt, was zum einen der Klangqualität, zum anderen der Klangfülle zugute kommt. Die Fülle an Vocal- und Choir-Sounds, die der Tyros4 bietet, wäre ohne die Speicherverdopplung so wohl undenkbar. Neuer, großer Content will auch adäquat verwaltet und verarbeitet werden: Hierzu kommt ein neuer Prozessor (CPU) zum Einsatz, der insgesamt dafür sorgt, dass man noch flüssiger mit dem Instrument arbeiten kann.

993 Voices hat Tyros4 ab Werk im Fundus; dazu gesellen sich 30 Orgel-Flute-Presets, 44 Drum-/SFX-Kits, die obligatorischen 480 XG-Voices und die 256 GM2-Voices, welche die Kompatibilität von MIDI-Files unterschiedlichster Provenienz gewährleisten. Neue Technologien à la Super Articulation (SA, Tyros 2) oder Super Articulation 2 (SA2, Tyros 3) werden mit dem Tyros4 nicht eingeführt, dafür das Potenzial der vorhandenen Technologien weiter entfaltet: 15 SA2-Voices ermöglichen ausdrucksstarkes Spiel und stehen auch für Styles (Intros und Endings) zur Verfügung. Die Zahl der SA-Voices ist im Tyros4 auf 164 angewachsen, eine Vielzahl davon entfällt auf die Vocal- und Choir-Voices. Aber auch bei den länger etablierten Sound-Typen von Mega-, über Live-, Cool- und Sweet-Voices hat sich einiges getan, und Tyros4 hat von allem eine Schippe mehr abbekommen.

Zu den herausragenden Soundneuheiten gehören sicher die Pianos (jetzt als SA-Voices) und die „RealStrings“ (ebenfalls SA). Die „JazzViolin“ (SA2) schafft es zum ersten Mal, eine Solo-Violine am Keyboard überzeugend darzustellen. In der Bläser-Sektion fallen besonders die neuen Hörner positiv aus, die durch zusätzliche Dynamikstufen ein sehr expressives Spiel erlauben. Gewonnen haben auch die Percussion-Instrumente, mit rund klingendem Vibrafon, Xylofon, Glockenspiel und Marimba. Abgerundet wurden die Sax-Sektion durch zwei SA2-Sopran-Saxofone und die Gitarren durch schöne Varianten einer gezupften E-Gitarre.

Für neuen Druck sorgen „RealDrums“ und „RealBrushes“ in der Schlagzeugabteilung. Verwechseln Sie diese Voices nicht mit den Audio-Loops, die man bei der Konkurrenz unter diesem Namen findet, es handelt sich beim Tyros4 um klassische Drumsounds. Und wer sein Traumschlagzeug immer noch vermisst, kann sich bei Tyros4 sein eigenes Drum-Kit zusammenstellen. Im „Assembly“-Menü, das man über die Voice-Creator-Taste erreicht, findet man ein Werkzeug, um aus Drum-Kits die favorisierten Elemente zu einer neuen Voice zu vereinen.

  • wersi

    Ein Wersi-Sample treibt die Organ Flute „Euro“ an. wersi

  • Die Lieblingselemente aller Drum-Kits lassen sich ...

  • ... zu einem eigenen, neuen User-Drum-Kit zusammenstellen.

  • Der Music Finder arbeitet jetzt mit realen Songnamen.

  • Wer schnell was aufnehmen möchte, wählt „Simple“.

  • Das Vocal-Harmony-Menü ist gut gelungen.

Freunde der Wersi-Orgel werden sich freuen, ein authentisches Sample als zusätzliche Ausgangsbasis in den „Organ Flutes“ zu finden. Diese Zugriegelorgelsimulation bietet jetzt drei Varianten zur Wahl: Die Hammond-Klone „Sine“ und „Vintage“ und das Wersi-Sample „Euro“. Wer bei der Hammond-Orgel den Biss vermisst, kann sie durch Einschleifen eines Röhren-Preamps veredeln. Dazu wird das Signal über den Aux-Ausgang ohne Effekte aus dem Keyboard geleitet, im externen Preamp oder Effektgerät bearbeitet und über Aux-return wieder ins Keyboard geführt. Es durchläuft alle weiteren (Effekt-)Stufen im Keyboard, passt sich so sehr gut wieder ins Arrangement ein und gelangt dann über den Main-Ausgang zum Mischpult oder zur PA. Ein ähnliches Prozedere verhilft auch den E-Pianos zu zusätzlichem Vintage-Charme.

Nicht mehr wieder zu erkennen ist beim Tyros4 die Sektion der Vocal-Voices: War diese bislang eher stiefmütterlich behandelt, fand hier geradezu eine Revolution statt. In aufwändigen Sample-Sessions wurden international Chöre gesampelt – und zwar nicht nur mit den Aah- und Ooh-Phrasen. Auch poptaugliche DooBeeDoos oder Gospel-Grooves fanden Einzug. Die Vocal- und Choir-Sektion verlangt mit ihrer Soundfülle einige Einarbeitung, um die passenden Soundvarianten zu finden. Durch die Super-Articulation-Technologie verändern viele Sounds ihr Klangbild im Spielverlauf. Für den Bühneneinsatz empfiehlt sich eine wohl überlegte Dosierung, um den Effekt nicht zu überreizen.

Etliche der 500 integrierten Styles setzen auf die neuen Choir-Sounds und sorgen so für einen neuen Eindruck. Wer auf der Bühne also den Arranger und nicht nur MIDI-Files einsetzt, kann neue Klangakzente setzen und sich für einige Zeit vom Sound der Musikerkonkurrenz absetzen. Weitere Akzente setzen in der Style-Sektion einige Begleitmuster, die in Intros und Endings SA2-Voices verwenden. So kommt noch mehr Authentizität ins Spiel, und das Keyboard klingt noch mehr nach Live-Musik. Dieser Eindruck wird durch den neuen Mix verstärkt, dem alle Styles unterzogen wurden, und „Live-Eindruck“ stand dabei im Fokus der Entwickler.

Audio-Demos zum Yamaha Tyros4

Effekte

Neun DSP-Prozessoren stehen zur Verfügung, um den Klangbestandteilen im Tyros4 den letzten Schliff zu verleihen. Im Vergleich zum Tyros 3 sind einige neue Effektypen hinzugekommen, der Klangeindruck ist durchweg gut. Falls in dieser Abteilung in ferner Zukunft eine Änderung angedacht wird, sollte man eine ausgewachsene Amp-Simulation in Betracht ziehen. Mit der könnte man sich das externe „Anschmutzen“ von Orgeln und E-Pianos sparen.

Wer singt, wird im Tyros4 einen sehr guten Partner finden, mit dem externes Equipment fast schon überflüssig wird – abgesehen von einem Phantomspeiseadapter vielleicht. Der ins Keyboard integrierte Vocal-Harmonizer wurde überarbeitet, ein eigener DSP-Chip sorgt für Hall, Delay etc. Der Vocal Harmony 2 genannte Choreffekt kann bis zu drei Stimmen zum Mikrofonsignal erzeugen, er klingt sehr gut und liefert erstaunlich gute Ergebnisse. Ein neues System zur Tonhöhenerkennung und -stabilisierung macht’s möglich. 44 Preset-Einstellungen machen den Praxis-Einsatz des Harmonizers kinderleicht, wer selbst das Optimum aus seinem Mikro und seiner Stimme heraus holen will, findet im neu gestalteten „Harmony Voice Mixer“ das ideale Werkzeug. Und wer gar nicht genug bekommt, der kann mit dem neuen Synth-Vocoder spielen, der aus der Motif-Workstation Einzug gehalten hat.

 

Extras

Tyros-4-Spieler können jetzt das, was Käufer von Mittelklasse-Keyboards (ab PSR-S900) längst können: Record-Knopf drücken und eben mal schnell eine saubere Audio-Aufnahme anfertigen. Zwar haben die Tyros-Modelle mit ihrem Harddisk-Recorder ein viel mächtigeres Werkzeug an der Hand, aber manchmal sind die einfachen Lösungen die besseren. Beim Tyros4 kann sich der Anwender vor dem Start der Aufnahme entscheiden, ob es der schnelle Mitschnitt („Simple“) oder die aufwändige Mehrspuraufnahme („Multi“) werden soll. Außerdem kann die Player-Sektion des Harddisk-Recorders im Tyros4 jetzt auch MP3-Dateien wiedergeben. Verwalten lassen sich die Audio-Dateien in Playlisten, zudem kann man sie mit MIDI-Files und Registrierungen im Music Finder organisieren.

Die Song- und Einstellungsdatenbank „Music Finder“ kommt im Tyros4 nicht mehr mit kryptischen Songnamen, bei denen man erst erraten muss, welcher Titel gemeint ist. Ab Werk findet man erst einmal 135 Einträge mit Titelbezeichnungen; die umfangreiche Datenbank kann man aus dem Internet nachladen. Aus Urheberrechtsgründen ist dieser Schritt notwendig, man geht ihn aber gerne, denn man erhält die korrekten Songbezeichnungen zu seinen Einstellungen. Als „Music Finder Plus“ erlaubt die Datenbank auch das Durchstöbern der riesigen Online-Datenbank bei Yamaha.

Mit so genannten Premium-Voices lässt sich schon Tyros 3 um neue Soundkreationen ergänzen; anstrengend ist bislang jedoch das Laden der Voices, da diese bei jedem Ausschalten des Instruments aus dem Sample-RAM gelöscht werden. Tyros4 ist hier einen entscheidenden Schritt weiter: Die DIMM-Bausteine des Sample-RAMs sind einem optionalen Flash-Speicher gewichen. Bis zu 1 GB Speicher lassen sich so nachrüsten; eigene Samples oder eben Premium-Voices kann man darauf ablegen. Vorteil: Die Daten bleiben nach dem Ausschalten erhalten.

Premium-Voices des Tyros 3 sind technisch nicht kompatibel mit Tyros4, wer jedoch nach einem Neukauf seine alten Voices mitnehmen will, soll von Yamaha die Möglichkeit zum Umtausch bekommen. Beim Importieren von Samples zur Gestaltung eigener Voices – egal ob im Flash-Speicher oder auf Festplatte – akzeptieren die Werkzeuge im Tyros4 Wav-Dateien, Dateien aus Sample-Bibliotheken in anderen Formaten bleiben außen vor.

Fazit

Es ist schwierig, alle Neuerungen beim Yamaha Tyros4 mit einem knappen Schlagwort zu beschreiben, denn die Entwickler haben an vielen Stellschrauben gedreht. Das olympische Motto „schneller, höher, stärker“ bringt es am besten auf den Punkt: Eine neue CPU sorgt für starke Rechenleistung unter der Haube, ein verdoppelter Wave-ROM für Klanggewalt. 6 MB interner Flash-Speicher und die Erweiterungsmöglichkeit auf 1 GB Flash-Sample-Speicher lassen Spielraum für Neues und schaffen Zukunftssicherheit. Letzteres passt auch gut zur 250 GB großen integrierten Festplatte: Diese fasst nicht nur zahllose Audio- und MIDI-Files oder Registrierungen, dank der internen Ansprache über einen USB-Bus sollte sich im Notfall auch Ersatz beschaffen lassen und dabei die Modellpalette eher größer als kleiner werden. Beim Sound haben die Yamaha-Entwickler alle Register gezogen und beim Mixing praxistaugliche Einstellungen gefunden. Die Vocal- und Choir-Sounds eröffnen neue Möglichkeiten und machen schon beim Experimentieren Spaß. Das gilt auch für die 500 Styles, bei denen schon das Ausprobieren aller Intros und Endings für Stimmung sorgen kann. Spätestens der neue Vocal-Harmonizer sollte aber für Keyboarder ein Grund sein, sich beim Händler mit dem Arranger-Topmodell von Yamaha auseinanderzusetzen.

Wertung

+ Beeindruckende Klangqualität

+ Viele Vocal/Choir-Sounds

+ Viele aufwändig gestaltete/gesampelte Sounds

+ Dynamikumfang vieler Sounds erweitert

+ Drum-Mixer

+ HDD-Recorder sinnvoll erweitert (Simple-Recording, USB-Player, MP3-Playback)

+ Neuer Vocal-Harmonizer mit Synth Vocoder

- Mic-in ohne Phantomspannung

- Organ Flutes zu brav (z.B. im Vergleich zu einigen Super-Articulation-Orgeln)

- Keine Importmöglichkeit verbreiteter Sample-Formate