Volker Bartels (Sennheiser) im Interview: Schon bald Funkstille?

Als Geschäftsführer Produktion und Logistik bei Sennheiser muss sich Volker Bartels auch mit der Neuverteilung der Frequenzen für Funksysteme beschäftigen. Im Interview erläutert er die Konsequenzen.

Die Politik hat beschlossen, UHF-Frequenzen, in denen Drahtlosanlagen bisher arbeiteten, für drahtlose Internetversorgung zu verwenden. Stichwort: digitale Dividende. Was sind die Gründe für diese Neuregelung?

Hier geht es um den Frequenzbereich von 790 bis 862 MHz, den Musiker bislang frei nutzen können. Dieses Frequenzband wird nun von Mobilfunkanbietern beansprucht, die vor allem in ländlichen Gebieten drahtlose Internetdienste anbieten wollen. Nach dem Bundestag hat nun der Bundesrat beschlossen, diese Frequenzen neu zu verteilen, die so genannte „Frequenzzuweisungsplanverordnung“ zu ändern.

Von welchem Zeitrahmen muss man bei der Umsetzung ausgehen?

Wir rechnen damit, dass ab Ende 2011 in den ersten ländlichen Gebieten drahtloses Internet auf Sendung gehen wird. Ab dann muss der Musiker in betroffenen Gebieten auf Störungen durch Internetsender gefasst sein und ihnen ausweichen. Der Betrieb seiner Mikrofonanlagen ist aber nach wie vor erlaubt. Erst Ende 2015 läuft die momentan gültige Allgemeinverfügung 91/2005 aus, die Funkmikrofone im Frequenzbereich 790 bis 862 MHz zulässt. Danach ist dieser Frequenzbereich für Funkmikrofone verboten.

Bedeutet dies, dass der Zeitraum zwischen 2011 und 2016 eine „Grauzone“ für den Gebrauch von Drahtlosanlagen in diesem Frequenzbereich darstellt?

Laut Allgemeinverfügung 91/2005 dürfen bis 31.12.2015 Drahtlosanlagen als Sekundärnutzer betrieben werden. Primärnutzer ist momentan der Rundfunk. Sobald der Frequenzbereich verkauft ist, wird die Primärnutzung auf die Mobilfunkanbieter übergehen, die Sekundärnutzung ist aber nach wie vor erlaubt. Allerdings muss man dann vor allem auf dem Lande mit Störungen rechnen – zum Beispiel beim Schützenfest auf dem Dorf.

Gibt es schon einen Ausblick auf alternative Frequenzen?

Zur freien Nutzung werden zwei neue Bänder diskutiert, das L-Band bei 1452 bis 1477,5 MHz und das ENG-Band 1785 bis 1805 MHz. Für diese Bänder werden zur Zeit bei Sennheiser Produkte entwickelt, die schon bald in den Feldtest gehen können. Ein Nachteil dieser Frequenzbereiche: die Ausbreitungsbedingungen sind deutlich schlechter als in den bisherigen Frequenzbereichen.

Gibt es weitere Ausweichmöglichkeiten?

Diskutiert wird auch die Verwendung der „Mittenlücke“. Dabei handelt es sich um die Frequenzlücke zwischen Uplink und Downlink des kommenden drahtlosen Internetdienstes. Dort liegt ein hoffentlich breites freies Band, das wir gegebenenfalls für Drahtlosanlagen nutzen können. Die Lücke wird wahrscheinlich bei 822 bis 832 MHz liegen. Dies ist jedoch erst in der Diskussion und noch nicht verabschiedet. Der Frequenzbereich 470 bis 790 MHz steht heute schon für Einzelzulassungen zur Verfügung. Man kann dort inklusive Zusage auf Störungsfreiheit für einen begrenzten Zeitraum und für ein begrenztes Gebiet Frequenzen gegen Gebühr mieten. Interessant ist das vor allem für Großveranstaltungen, hier werden auch weiterhin Einzelzulassungen möglich sein.

Setzt sich die Industrie dafür ein, dass die kommenden Frequenzen ebenso unbürokratisch zu nutzen sein werden wie das jetzt genutzte Spektrum?

Ja, das machen wir natürlich. Wir haben diesbezüglich bislang eine sehr zufriedenstellende Allgemeinverfügung, die nun leider Ende 2015 ausläuft. Bereits bei dieser Verfügung haben ausländische Anwender mit viel Applaus und oft auch neidisch auf die deutsche Regelung geblickt. Eine entsprechende Neuregelung werden wir von Herstellerseite aus natürlich auch weiterhin betreiben und unterstützen. Der Bundesratsbeschluss beinhaltet ja auch die Zusage an die Musikalienindustrie, dass ein „gleichwertiges Ersatzspektrum“ zugesagt wird. Dies schließt natürlich auch einen gleichwertigen Zugang ein. Hier bleiben wir als Hersteller selbstverständlich am Ball.

Werden sich die alten Geräte vielleicht auf eine neue Frequenz umrüsten lassen? Und wird sich das preislich lohnen?

Man muss hier sicher zwischen professionellen und Consumer-Geräten unterscheiden. Erstere können und werden wir bei Bedarf umrüsten. Bei den Consumer-Geräten wie etwa bei Evolution Wireless wird eine Umrüstung wohl nicht wirtschaftlich sein. Es gibt allerdings auch heute schon Drahtlossysteme zu kaufen, die in der eben erwähnten Mittenlücke zwischen 822 und 832 MHz arbeiten. Falls dieses Frequenzband für Funkmikrofone freigegeben wird, können diese ohne Modifikation weiterverwendet werden.

Müssen wir gar mit einem Revival drahtgebundener Mikrofone, auch bei Großveranstaltungen, rechnen?

Dies werden wir eventuell in gewissem Umfang erleben. Kleinere Bands, die schnell drahtgebunden aufbauen können, werden dabei bleiben oder zumindest warten. Aber bereits auf einer mittelgroßen Bühne bringt drahtgebundenes Equipment – abgesehen vom künstlerischen Aspekt – einen erheblichen Mehraufwand an Auf- und Abbauzeit mit sich. Solche Gigs werden mit Sicherheit auch weiter drahtlos durchgeführt.

Macht man sich bei Sennheiser schon heute Gedanken, was man Kunden anbieten will, die ihre vor Jahren gekauften Produkte nicht mehr verwenden dürfen/können? Was geschieht mit alten Geräten?

Dieses Problem haben wir bereits in den USA erlebt, wo ebenfalls Frequenzbänder verkauft wurden. Dort bieten wir dem Kunden an, mit einem gestaffelten Rabattprogramm beim Kauf neuer Systeme die alten in Zahlung zu geben. Hier wird es in jedem Fall ein Entgegenkommen der Industrie geben.

Mit Evolution Wireless G3 hat Sennheiser gerade eine ganze Generation neuer Drahtlosanlagen vorgestellt. Macht Ihnen dieser politische Beschluss nicht das Geschäft kaputt?

Wir haben mit der G3-Serie eine neue Linie vorgestellt; sie ist mit sehr gutem Erfolg angelaufen. Wir spüren hier noch keinen Einbruch in den Verkaufszahlen. Diese Geräte sind aber auch bezüglich des Frequenzbereichs deutlich flexibler ausgelegt. Man hat mehr Ausweichmöglichkeiten. Ende dieses Jahres wird die Bundesnetzagentur den neuen Frequenzplan veröffentlichen. Dann werden wir auch sagen können, wo es langfristig hingeht und wo bereits kurzfristig Probleme zu erwarten sind.

Mit welchen Argumenten können Sie Kaufinteressierten eine Funkanlage noch schmackhaft machen?

Das sind letztendlich die Argumente der Musiker selber: Shows heutiger Machart sind ohne Drahtlossysteme undenkbar. Bewegungsfreiheit, schneller Auf- und Abbau – dies alles ist nur mit Drahtlossystemen möglich. Auch Musicals sind drahtgebunden undenkbar. Viele Musiker sagen: Besser noch eine Anlage mit Allgemeinzulassung kaufen, als mich auf der Bühne mit einem drahtgebundenen System anketten zu lassen. Für Verleiher rechnet sich auch heute noch ein herkömmliches Drahtlossystem, da es bis 2015 längst abgeschrieben ist.

Der ambitionierte Hobbymusiker wird sicherlich andere Prioritäten setzen.

Leider wissen wir beim Verkauf nicht, ob der Kunde Hobbymusiker oder Profi ist. Letztendlich muss jeder Musiker und jede Band für sich allein entscheiden, welcher Anteil der Show von der Bewegungsfreiheit und der Interaktion mit dem Publikum abhängt. Wenn der Sänger auch mal ins Publikum gehen oder die Bühne weiträumig nutzen will, kommt er um ein Funkmikro nicht herum. Gleiches gilt natürlich für Gitarristen und Bassisten.

Wie gehen andere Länder mit der so genannten digitalen Dividende um?

Für die jeweiligen Staaten ist dies eine lukrative Einnahmequelle. Denken wir nur an die Vergabe der UMTS-Lizenzen in Deutschland, die nebenbei auch für die Übertragung von Internetdiensten auf dem Lande geeignet wären. In den Vereinigten Staaten ist der Frequenzbereich von 698 bis 804 MHz für 19,5 Milliarden US$ versteigert worden. Man kann sich vorstellen, dass ein Unternehmen wie Sennheiser hier nicht unbedingt mitbieten kann! Bemerkenswerterweise ist das Sendeverbot für Drahtlossysteme in diesem Frequenzbereich momentan ausgesetzt. Altbestand darf somit weiterhin genutzt werden. Allerdings läuft man dann Gefahr, gestört zu werden. Da in Großbritannien 2012 die Olympischen Spiele stattfinden, wird dort die Vergabe der Frequenzen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Man möchte damit einem Kommunikationschaos bei der Berichterstattung aus dem Weg gehen. In Frankreich ist der Frequenzbereich von 470 bis 790 MHz für Drahtlossysteme nach wie vor frei nutzbar. In der Schweiz und in Österreich wartet man noch ab, wie sich die Situation in Deutschland und den restlichen EU-Ländern entwickelt.