Wie Yamaha mit der KeyboardClass für Musikernachwuchs sorgen will: Roman Sterzik im Interview

Von Bläser- oder Streicherklassen in allgemein-bildenden Schulen hat mancher sicher schon gehört. Neu ist jetzt das Konzept der KeyboardClass, mit dem Yamaha für weiteren Musikernachwuchs sorgen will. Wir haben uns das Konzept von den Autoren Roman Sterzik und Sven Stagge (eigenes Interview) erklären lassen.

Roman Sterzik
Roman Sterzik: „Am Anfang sollte immer eine musikalisch-praktische Erfahrung stehen“ (Foto: Yamaha)

Wie steht es um den musikalischen Nachwuchs an den Tasten in unserem Land?

Die Nachfrage nach Instrumentalunterricht insgesamt nimmt zwar laut Statistik derzeit etwas ab, jedoch wirken Bläser-, Streicher- und Chorklassen dieser Entwicklung entgegen. Sie bringen den Musikschulen in der „Nachversorgung“ viele neue zusätzliche Schülerinnen und Schüler. Eine Klassenmusiziermethode für Instrumentalunterricht mit Keyboards gab es in diesem Sinne bislang nicht.

Was steht dem Instrumentalunterricht entgegen?

Durch die Zunahme der Ganztagsschulen nimmt die Freizeit von Kindern und Jugendlichen nachmittags ab. Um weiterhin eine Instrumentalaus­bildung von Schülern zu ermöglichen, sollten Instrumentallehrkräfte und Musikschulen im Sinne einer qualitativen Ausbildung in den Ganztags­betrieb eingebunden werden.

Und die neue Yamaha KeyboardClass soll nun helfen, das Ruder herumzureißen?

Yamaha stellt ein neues Klassenmusizierkonzept für Keyboards vor. Das Keyboard wird dabei einerseits als methodisches Werkzeug, anderseits aber auch als vollwertiges eigenständiges Musikinstrument eingebunden, z. B. als Solo- und vor allem als Ensembleinstrument in einer Band oder in einer sinfonischen Bläserbesetzung.

Wie funktioniert so eine Keyboard-Klasse?

Die Schüler musizieren im allgemein bildenden Musikunterricht im Klassenensemble attraktive Arrangements. Parallel dazu erhalten sie Keyboard-Instrumentalunterricht in Kleingruppen, in denen das beidhändige Spiel trainiert und die Vorbereitung für das Klassenensemble geleistet werden. Wichtig für das Gelingen des Konzepts ist die konsequente Zusammenarbeit von Schulmusik- und Instrumentalunterricht bzw. Musikschule.

Wie läuft der Klassenunterricht ab?

Im Klassenraum stehen ca. 15 Keyboards. Zwei Lernende sitzen an einem Instrument. Diese Duo-Besetzung bietet viele Möglichkeiten, z. B. als Jazzduo: Rechter Spieler spielt Melodie mit Vibrafon, linker Spieler Bassstimme mit gezupftem Kontrabass. Die im Musikunterricht geforderten Kenntnisse werden ganz nebenbei beim Keyboardspiel und in motivierenden Workshops erworben.

Musiktheorie wird also praktisch erfahren, statt nur auswendig gelernt.

Entscheidend für das musikalische Verständnis ist, dass am Anfang eine musikalisch-praktische Erfahrung steht. Einen musiktheoretischen Begriff nur auswendig zu lernen, für die nächste Klassenarbeit ohne musikalische Erfahrung, ist wenig nachhaltig. Musiktheorie wird in der KeyboardClass als Rezept zum Musizieren verstanden.

Wie ist die Arbeit zwischen Musiklehrer und Instrumentallehrer aufgeteilt?

Beide Lehrertypen bringen aufgrund ihrer Ausbildung ganz unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten mit, die in der Gesamtheit für den Erfolg der KeyboardClass und auch bei anderen Klassenmusiziermodellen entscheidend sind. Die Schulmusiklehrkraft hat die Erfahrungen im Umgang mit großen Gruppen und mit Ensembleleitung. Sie leistet die Verknüpfung zu den curricularen Anforderungen. Der Instrumentallehrer ist der Experte für die Spieltechnik und die Bedienung des Instruments. Er bereitet die Klasse in kleineren Gruppen mit etwa sechs Lernenden vor und ist für das beidhändige Keyboardspiel verantwortlich.

Wie werden Schüler unterschiedlicher Leistungsstufen integriert? Einige haben ja vielleicht schon Klavierunterricht?

Die KeyboardClass bietet mit ihren umfangreichen Klassenensembles fein nuancierte Differenzierungsmöglichkeiten. Bei jedem Ensemble gibt es sogenannte Lehrerstimmen für Fortgeschrittene und sehr leichte Stimmen, die sogar von Schülern mit Lerneinschränkungen geleistet werden können.

Welche Fertigkeiten erwerben die Schüler einer Keyboardklasse am Instrument?

In der KeyboardClass werden von Anfang an beide Hände ausgebildet, dazu gehört auch das Noten­lesen im Violin- und Bassschlüssel. Eine Besonderheit ist die Vermittlung von keyboardtypischen Spieltechniken. Beim sog. Voice Play wird auf der gesamten Tastatur ähnlich dem Klavier mit der gleichen Klangfarbe in der Spieltechnik des jeweils angewählten Sounds musiziert. Weitere Spielarten sind Style Play, das Spiel mit Akkorden mit dem Yamaha Artificial Intelligent System, und Split Play, die Aufteilung der Tastatur in zwei Spielbereiche mit unterschiedlichen Klangfarben. Auf dieser Grundlage könnte nach zwei Jahren Unterricht in der KeyboardClass das Spiel auch am Klavier oder am Yamaha CVP fortgesetzt werden. Stilistisch liegt der Schwerpunkt dem Instrument Keyboard angemessen natürlich eher bei den populären Stilen.

Was sind die übergeordneten Lernziele?

Wenn das Konzept gut umgesetzt wird, können Jugendliche nach zwei Jahren richtig gut und vielseitig Musik machen, z. B. alleine am Keyboard begeistern oder im Orchester einen musikalischen Job übernehmen. Sie sind durch Split Play und Voice Play auch auf das Spielen in einer Band vorbereitet.

Roman Sterzik im Unterricht
Der Instrumentallehrer ist der Experte für Spieltechnik und die Bedienung des Instruments. (Foto: Yamaha)

Wo stehen sie im Vergleich zu normalen Keyboard-Schülern nach zwei Jahren Unterricht?

Gegenüber Einzelschülern wird im Klassenorchester von Anfang an das Zusammenspiel im Ensemble trainiert, was die rhythmische Genauigkeit und das Aufeinanderhören fördert. Erfahrungsgemäß sind die Lernenden sogar oft Einzelunterrichtsschülern überlegen, da sie pro Woche mindestens drei Stunden Unterricht am Instrument erhalten und somit die Inhalte von verschiedenen Lehrkräften gelehrt und wiederholt werden.

Wie soll es nach der zweijährigen Keyboard-Klasse weitergehen?

Die KeyboardClass bietet Material für zwei Jahre intensiven instrumentalen Musikunterricht. In den anderen Klassenmusizierkonzepten wechseln die Schüler dann in den Unterricht der Musikschule, um individuell unterrichtet zu werden. Es gibt auf dem Markt hervorragende Instrumentalmethoden, etwa Fun Key von Yamaha oder Popkeys von Advanced Education, die die Spieltechniken systematisch weiterentwickeln. Auch der Umstieg auf andere Tasteninstrumente ist möglich. Von Autorenseite ist auch eine Weiterentwicklung der KeyboardClass eine Option, um in der gesamten Sekundarstufe mit Instrumenten weiterzuarbeiten.

Als Anreiz dient das erworbene Keyboard?

Zusätzlich zu den Instrumenten in der Schule haben Schüler für das häusliche Üben ein eigenes Instrument zur Verfügung, das innerhalb von zwei Jahren finanziert wurde. Das motiviert sicherlich zusätzlich, weiter am Instrument zu bleiben.

Als Mitautor des Konzepts und Inhaber zweier Musikschulen haben Sie doch sicher schon praktische Erfahrungen sammeln können?

Seit den 90er-Jahren unterrichte ich in verschiedenen Schulen im Raum Nürnberg Keyboard. Schon vor einigen Jahren wurde seitens der allgemein bildenden Schulen der Wunsch an mich herangetragen, ein nachhaltiges Keyboardklassen-Konzept zu erstellen. Dies motivierte mich und meinen Autorenkollegen Sven Stagge. Yamaha ist dafür ein hervorragender Partner wegen der gut klingenden und hochwertigen Instrumente. Zudem hätte ein Notenverlag nicht so umfangreiche Ressourcen in eine gründliche Entwicklung und in eine seriöse Lehrerfortbildung investieren können.

Wie haben Sie das Konzept entwickelt?

Das Konzept wurde von einem Schulmusiker, zusammen mit einem Instrumentallehrer nach langjähriger Erfahrung im Unterricht mit Keyboards und auch mit anderen Klassenmusi­zierkonzepten entwickelt. Die KeyboardClass verknüpft die beiden Unterrichtsperspektiven, allgemein bildende Schule und Musikschule, in einem Unterrichtsmaterial.

Welche Elemente waren Ihnen besonders wichtig?

Auf dem Markt sind inzwischen zahlreiche Keyboardsysteme für Musikschulen, die jedoch bezüglich der Variabilität im Klassenunterricht nur eingeschränkt verwendbar sind. Uns war wichtig, dass das Material vom Umfang und vom Schwierigkeitsgrad her skalierbar ist (umfangreiche Klassenarrangements), um es in unterschiedlichen Schul- und Organisationsformen einsetzen zu können.

Welche Rolle spielen die erarbeiteten Musikstücke?

Die Attraktivität der Titel ist ein wichtiges Kriterium für die Motivation und letztlich den Erfolg. Daher haben wir uns für überwiegend sehr bekannte und beliebte Songs und Kompositionen entschieden. Die Copyrights zu bekommen war nicht einfach und nebenbei bemerkt auch nicht ganz günstig, aber wir wollen die Schüler wirklich mit Freude musizieren lassen. Das Konzept hat schließlich alle überzeugt: die Inhaber der Rechte und Yamaha, die das ja finanzieren müssen.

Woher stammen die Arrangements?

Die Stücke wurden überwiegend von uns Autoren arrangiert. Einige bewährte Stücke wurden dem Yamaha-Spielmaterial TeamPlay entnommen. Um nun das Zusammenspiel mit der BläserKlasse zu ermöglichen, wurden Stücke der Bläserklassenschule Essential Elements (De Haske/Hal Leonard Verlag) übernommen. Aber auch diese Titel wurden von uns erweitert und arrangiert, um beim Zusammenspiel mit Keyboards einen echten musikalischen Mehrwert zu bieten.

Und die Begleit-CD?

Die Begleit-CD spielt eine sehr wichtige methodische Rolle. Die Arrangements wurden überwiegend live von Original-Instrumenten eingespielt, um eine klangliche Vorstellung zu bekommen. Ein Keyboarder muss vielleicht noch stärker als andere Instrumentalisten auditiv arbeiten können, um musikalisches Material und Spielarten reproduzieren zu können.

Das klingt, als könnte vielen Musiklehrern das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Wir hoffen, dass wir mit der KeyboardClass ein attraktives Werk geschaffen haben, das übrigens über den Notenhandel zu beziehen ist. Der Schülerband ist ab sofort erhältlich, der Lehrerband folgt im Herbst. Band 2, wieder mit Audio-CD, und das dazugehörige Lehrerhandbuch erscheinen rechtzeitig im kommenden Jahr.

Elektronische Instrumente veralten im Vergleich zu Naturinstrumenten recht schnell. Die Schulen stehen also alle paar Jahre vor Neuanschaffungen. Wie sehen Sie das?

Die mehrjährigen Modellzyklen lassen genug Zeit für eine Finanzierung der Instrumente. Im Vergleich zu anderen Instrumenten wie Tuba, Horn oder auch Flöte kosten gute Keyboards nur einen Bruchteil. Eine große Hilfe sind Keyboards mit USB-Anschluss, z. B. das PSR-E443. Die Methode wurde auf die aktuellen Instrumente bezogen. Mögliche Nachfolger werden im Wesentlichen die bisherigen sowie einige neue Funktionen bringen, so dass man dort alles wiederfindet, was man für die KeyboardClass benötigt. Die KeyboardClass wird neue Entwicklungen zukünftig mit einbeziehen, z.B. bei den Spielhilfen oder auch bei der Integration von mobilen Endgeräten wie Smart Phones oder Tablets.

Wie will man sicherstellen, dass die Kenntnisse der Musiklehrer mit der Keyboard-Entwicklung Schritt halten? „Produktspezialist“ gehört ja nicht zum Berufsbild.

Die Yamaha Schulmusik bietet regelmäßig Fort­bildungen zur KeyboardClass an, die neben einer gründlichen methodischen Ausbildung auch die Bedienung beinhalten. Man muss beispiels­weise am Computer Textverarbeitung einmal verstanden haben, dann ist der Wechsel von „Word“ zu einem anderen Textverarbeitungs­programm kein Problem mehr. Die Lehrkräfte müssen das Bedienkonzept eines Yamaha Keyboards einmal verstanden haben, dann sind Abweichungen und Weiterentwicklungen keine große Herausforderung mehr.