Workshop Akkordlehre (1): Vom Ton zum Akkord

In dieser Workshop-Folge geht es um die Grundlagen. Sie lernen die Regeln kennen, nach denen einfache Akkorde gebildet werden.

Workshop Akkordlehre
Melodien und Begleitakkorde: Das sind die Zutaten, aus denen Songs gemacht werden. Doch welche Akkorde gibt es überhaupt? Wie werden sie gebildet und was bedeuten die allgegenwärtigen Akkordsymbole? Diese und weitere Fragen werden wir Ihnen in dieser Workshop-Reihe beantworten. (Foto: Shutterstock)

Eigentlich ganz einfach: Wenn mindestens drei Töne gleichzeitig gespielt werden, entsteht ein Akkord („Zusammenklang“). Schon seit etwa dem 13. Jahrhundert entstand in der Kirchenmusik die Mehrstimmigkeit, bei der mehrere Töne gleichzeitig gespielt wurden. Diese Akkorde waren allerdings eher ein Nebenprodukt der polyfonen Satzweise, bei der jede Stimme selbständig geführt werden sollte. Außerdem wurden überwiegend reine Intervalle wie Prime, Quarte, Quinte und Oktave verwendet; die Terz galt damals noch als Dissonanz.

In der Renaissance wandelte sich das Klangempfinden: Die Terz galt nun als Konsonanz, als gut zusammenklingendes Intervall. Seit dieser Zeit gründet die westeuropäische Musik auf dem Aufbau von Akkorden. In ihrer elementarsten Form bestehen diese aus zwei übereinander angeordneten Terzen. Je nachdem, ob große oder kleine Terzen verwendet werden, ergeben sich dabei unterschiedliche Dreiklänge, also Akkorde aus drei Tönen.

Damals wurde es auch üblich, eine Melodie mit Akkorden zu begleiten, insbesondere in der damals entstehenden Oper, die vor allem Emotionen auf musikalische Weise ausdrücken wollte. Das geschah vor allem durch die Melodie. Das bedeutete auch, dass die Begleitstimmen sich nun der Melodie unterordneten und nicht mehr die selbe Eigenständigkeit besaßen wie vorher. Schon damals entwickelte sich auch eine Art der Akkordbezifferung, die den heutigen Akkordsymbolen sehr ähnlich ist – der Generalbass.

Leitereigene Dreiklänge in Dur

Das Tonmaterial eines Musikstücks lässt sich in einer Tonleiter darstellen. Am bekanntesten sind die Dur- und die Moll-Tonleiter. Daneben gibt es aber auch viele weitere Tonleitern oder Skalen, die teils aus der Zeit der Gregorianik stammen (bzw. aus der Antike) sowie aus dem außereuropäischen Raum.

Aus den Tönen einer Tonleiter lassen sich sogenannte tonleitereigene Dreiklänge bilden. Dies lässt sich gut veranschaulichen, indem man jeden Ton der Tonleiter als eine Stufe oder Sprosse dieser Leiter betrachtet und ihn mit einer entsprechenden Ordnungszahl benennt. Der Grundton der Tonleiter entspricht dabei der 1. Wenn man nun über jedem Ton der Tonleiter einen Akkord mit den Tönen der Ausgangstonleiter bildet, erhält man die tonleiter­eigenen Dreiklänge.

Im Notenbeispiel 1 bauen die Dreiklänge auf einer C-Dur-Tonleiter auf, es werden also ausschließlich die Töne von C-Dur verwendet. Dabei ergeben sich folgende Dreiklänge:

  • Über dem 1., 4. und 5. Ton: Dur. Diese Tonstufen werden auch als die Hauptdreiklänge einer Tonleiter bezeichnet, aus denen auch die oben erwähnten Kadenzen gebildet werden. Die I. Stufe heißt in der klassischen Harmonielehre Tonika, die IV. Stufe Subdominante und die V. Stufe Dominante.
  • Über dem 2., 3., und 6. Ton: Moll. Der Akkord auf dem siebten Ton besteht aus zwei Terzen, ist also gewissermaßen „Doppel-Moll“, was man gemeinhin als vermindert bezeichnet.

Typische Abfolgen von tonleitereigenen Dreiklängen, die wieder in die Ausgangstonart zurück führen, werden als Kadenzen bezeichnet. Die authentische Kadenz besteht aus der Stufenfolge I V I. Die plagale Kadenz verwendet die Stufenreihenfolge I IV I (ausnotiert in Notenbeispiel 2).

Natürlich können diese Kadenzen auch erweitert werden, indem z.B. einzelne Stufen durch verwandte Stufen ersetzt werden. Verwandte Stufen stehen im Terzabstand, üblicherweise eine kleine Terz tiefer. Verwandt sind also I und IV (C-Dur und A-Moll), IV und II (F-Dur und D-Moll) sowie V und III (G-Dur und E-Moll), wie in Notenbeispiel 3 zu sehen. Verwandte Tonarten werden auch als Paralleltonarten bezeichnet. Typischerweise werden die Hauptdreiklänge in Dur durch ihre parallelen Molltonarten ersetzt. Daraus ergeben sich viele Kombinationsmöglichkeiten: So wird beispielsweise aus der typischen Kadenzfolge I V I IV die so genannte „Popformel“ I V III IV (Notenbeispiel 4).

Leitereigene Dreiklänge in Moll

Geht man von einer Moll-Tonleiter aus, so ergeben sich andere Akkordstrukturen, da die Tonabstände der Moll-Tonleiter sich von der Dur-Tonleiter unterscheiden. Wie Ihnen nun schon bekannt ist, sind bestimmte Dur- und Moll-Tonarten terzverwandt: Sie sind aus dem selben Tonmaterial aufgebaut, allerdings um eine kleine Terz verschoben. Dies kann man sich gut am Beispiel von C-Dur und A-Moll (Notenbeispiel 3) vergegenwärtigen. Baut man die Dreiklänge auf der sogenannten harmonischen Moll-Tonleiter (Notenbeispiel 5) auf, so ergeben sich folgende Akkorde:

  • Stufe I: Moll
  • Stufe II: vermindert
  • Stufe III: übermäßig (zwei großen Terzen)
  • Stufe IV: Moll
  • Stufe V: Dur
  • Stufe VI: Dur
  • Stufe VII: vermindert

Zusammengefasst: Aus den leitereigenen Dreiklängen der Dur- und Moll-Tonleitern ergeben sich die Akkordtypen: Dur, Moll, vermindert und übermäßig. Die tonleitereigenen Dreiklänge der Durtonleiter sind Bestandteile fast aller Volkslieder, Folksongs, Schlager und anderer harmonisch eher einfach strukturierter Musik.

Vorhalt-Akkorde

Abwechslung und Leben ins Klanggefüge bringen weitere Akkordtypen. Bei Vorhalt-Akkorden werden bestimmte Töne des Originaldreiklangs ersetzt, in der Regel die Terz. Die Vorhalt-Akkorde werden im englischen Sprachgebrauch sus-Akkorde genannt, (engl. „suspended“ = aufgehoben). Die gebräuchlichsten Akkorde sind sus2 und sus4, also der Sekund- und der Quartvorhalt (Notenbeispiel 6).

Beim sus2-Akkord wird die Terz des Akkords durch die Sekunde ersetzt, beim sus4-Akkord durch die Quarte. Aus der Kirchenmusik kennt man die typische Wendung mit Quart- und Sekundvorhalt (Ende des Notenbeispiels 6). Oft werden Vorhalt-Akkorde in den Dreiklang mit Terz aufgelöst, sie können aber auch als eigenständige Klangfarben ohne Auflösung verwendet werden. Insbesondere in amerikanischer Popmusik sind solche Akkorde wegen ihres „offenen“, terzlosen Klangs beliebt.

Beim Neapolitanischen Sextakkord („Neapolitaner“) wird die Quinte der Mollsubdominante durch die kleine Sexte ersetzt, woher sich auch der Name ableitet. Dieser Akkord wird in Leadsheet-Notation z.B. als C6 bezeichnet. Er ist vom Akkordaufbau her identisch mit der ersten Umkehrung der parallelen Molltonart. Im Notenbeispiel 7 entsprechen die Töne des Neapolitaners von B-Dur denen der parallelen Molltonleiter G-Moll: g, b und d.

Der Neapolitaner kann auch in der Moll-Kadenz verwendet werden. Die Akkordstruktur gleicht dann der eines verminderten Dreiklangs – im Notenbeispiel 8: g-b-des.

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