Workshop Akkordlehre (2): Vielklänge

In diesem Workshop lernen Sie Akkorde aus vier und mehr Tönen kennen, nachdem Sie in der ersten Folge erfahren haben, wie Dreiklänge gebildet werden und welche Varianten es gibt.

Workshop Akkordlehre
Melodien und Begleitakkorde: Das sind die Zutaten, aus denen Songs gemacht werden. Doch welche Akkorde gibt es überhaupt? Wie werden sie gebildet und was bedeuten die allgegenwärtigen Akkordsymbole? Diese und weitere Fragen werden wir Ihnen in dieser Workshop-Reihe beantworten. (Foto: Shutterstock)

Ein Akkord besteht aus mindestens drei Tönen: dem Grundton, einer Quinte und einer Terz, die – je nachdem, ob sie groß oder klein ist – den Akkord zu einem Dur- oder Moll-Akkord macht. Die Quinte kann oft auch weggelassen werden. Sie verleiht dem Akkord klangliche Fülle, ist allerdings für die harmonische Wahrnehmung nicht zwingend erforderlich.

Akkorde lassen sich nun aber auch bilden, indem man Vierklänge benutzt, die dann nicht mehr aus zwei, sondern aus drei übereinander liegenden Terzen bestehen. Wie schon die Dreiklänge im ersten Teil des Workshops werden auch diese Vierklänge auf den verschiedenen Stufen einer Tonleiter aufgebaut, in Notenbeispiel 1 (rechte Seite) ist dies C-Dur. Es entstehen leitereigene Vierklänge.

Betrachten wir zuerst die I., IV. und V. Stufe: Der C-Dur-Akkord auf der ersten Stufe wird um den Ton h erweitert, der eine große Terz bzw. vier Halbtonschritte über dem g liegt. Damit besitzt dieser Akkord den Aufbau +3, -3, +3 (große Terz, kleine Terz, große Terz). Charakteristisch ist der Abstand vom untersten zum höchsten Ton: Dieser entspricht nämlich dem Intervall einer großen Septime (11 Halbtonschritte). Es handelt sich also um einen Dur-Akkord mit großer Septime, im angloamerikanischen Sprachgebrauch „major7“ genannt. Der Akkord auf der IV. Stufe ist ebenfalls ein Dur-Akkord mit hinzugefügter großer Septime, wird in diesem Fall also Fmajor7 genannt. Das Adjektiv „major“ bezieht sich auf die Septime.

Der Akkord auf der V. Stufe weist zwischen dem untersten und höchsten Ton eine kleine Septime mit 10 Halbtonschritten auf. Da die V. Stufe auch Dominante genannt wird, nennt man diesen Akkord auch Dominantseptakkord. In der Leadsheet-Notation wird also mit „7“ grundsätzlich die kleine Septim bezeichnet.

Betrachten wir nun die so genannten Nebendreiklänge, bei denen es sich, wie Sie in der ersten Workshop-Folge gesehen haben, überwiegend um Moll-Dreiklänge handelt: Auf der II., III. und VI. Stufe ergeben sich Moll-Dreiklänge mit kleiner Septime, also Dm7, Em7 und Am7. Die VII. Stufe stellt wieder einen Sonderfall dar: Zu den zwei kleinen Terzen gesellt sich jetzt nämlich noch eine große Terz. Man nennt Akkorde mit dieser Struktur halbverminderte Akkorde. In der Leadsheet-Notation werden sie auch oft beziffert als Moll-Akkord mit verminderter Quinte, z.B. Bm7b5.

Um Sie davon zu überzeugen, dass diese Vierklänge keine Erfindung esoterischer Musikwissenschaftler sind, sehen Sie in Notenbeispiel 2 eine Quintfallkadenz: Hier hören Sie alle Vierklänge aus C-Dur mit der Besonderheit, dass der folgende Akkord jeweils eine Quinte tiefer steht als der vorherige. Schon Komponisten des Barock wie Vivaldi, Bach oder Händel haben in ihren Werken solche Akkordverbindungen mit Vierklängen verwendet.

Natürlich können auch Vierklänge mit Vorhalten kombiniert werden. Fans von Supertramp oder Cool & The Gang wird die Akkordverbindung aus Notenbeispiel 3 sicher vertraut vorkommen. Hier handelt es sich um einen G7-Akkord, dessen Terz aber im ersten Takt durch einen Quartvorhalt ersetzt wird.

Akkorde mit Optionstönen

Bis hierher haben Sie Drei- und Vierklänge kennengelernt, deren Tonmaterial maximal eine Septime vom Grundton entfernt ist. Schichtet man nun weitere Terzen übereinander, überschreitet man die Oktavgrenze und erreicht die Sphäre der so genannten Optionstöne. Diese Töne gehören nicht zum Basisakkord, sondern stellen mögliche Zusatztöne dar. Im amerikanischen Sprachgebrauch werden dafür auch die Begriffe extensions (Erweiterungen) oder tensions (Spannungsnoten) verwendet. Man kann den Sachverhalt auch mit einem Kochrezept vergleichen, bei dem ein Basisrezept mit Gewürzen individuell verfeinert wird. Im Gegensatz zur klassischen Akkordlehre werden die Vierklänge in Pop, Rock und Jazz üblicherweise zum Basisakkord gezählt.

Aus Notenbeispiel 4 kann man ableiten, dass einem C-Dur-Dreiklang neben der großen Septime noch weitere Töne hinzugefügt werden können. Dazu gehören der Terzschichtung folgend die (große) None (9), die Undezim (11) und die Tredezim (13). Die 11 scheidet aber aus, denn hier handelt es sich im Grunde um eine Quarte, die eine Oktave nach oben transponiert wurde. Das würde klanglich zu einer unschönen Reibung zwischen der Terz e und der Quarte f führen. Die 9 hingegen passt gut zu fast jedem Akkord, ebenso die 13 – eine um eine Oktave nach oben transponierte Sexte. Durch Optionstöne entstehen viele interessante Akkordvarianten. Häufig anzutreffende Varianten haben wir in Notenbeispiel 5 zusammengestellt.

Acht Regeln der Akkordschreibweise

Leider ist die Schreibweise von Akkordsymbolen im Allgemeinen und mit Optionstönen im Besonderen nicht hundertprozentig standardisiert. Am weitesten verbreitet ist das System des Berklee College of Music, einer der renommiertesten Kaderschmieden von Rock-, Pop- und Jazzmusikern. Deshalb haben wir uns auch in diesem Workshop weitgehend daran orientiert. Die folgenden Grundregeln sollen Ihnen das Verständnis dieses Konzepts erleichtern:

1) Dur-Dreiklänge werden durch den Grundton als Großbuchstaben gekennzeichnet.

2) Moll-Akkorde werden durch den Grundton als Großbuchstaben gekennzeichnet, gefolgt von einem Suffix für moll. Gebräuchliche Schreibweisen sind z.B. Cm, Cmi oder C-.

3) Erweiterungen des Dreiklangs werden hochgestellt geschrieben. Manchmal wird die Septim aber auch auf der Grundlinie dargestellt, z.B. in Songbooks.

4) Wird nur eine Option angegeben, können alle darunter liegenden Optionstöne auch gespielt werden. Ein G9-Akkord enthält also große Septim und None, ein G13-Akkord zusätzlich auch noch die Tredezim/Sexte.

5) Soll nur eine bestimmte Option gespielt werden, wird sie üblicherweise mit dem Zusatz „add“ gekennzeichnet. G7add13 ist ein Dominantseptakkord auf G, bei dem auch noch die 13 als Option gespielt werden soll, nicht jedoch die 9. Ausnotierte Beispiele finden Sie in Notenbeispiel 6.

6) Akkorde mit großer Septim werden durch das Suffix „maj“ gekennzeichnet, die Zahl 7 kann dabei auch weggelassen werden. Auch hier können alle darunter liegenden Optionstöne gespielt werden, mit Ausnahme der 11: Cmaj9 bezeichnet also C-Dur mit großer Septim und None. Cmaj13 kann die Töne d und a als Optionen verwenden, aber nicht f. Der Grund hierfür wurde oben schon beschrieben.

7) Anstelle der großen Septim wird manchmal die große Sexte zusätzlich zum Dreiklang gespielt. Dann ist sie keine Option, sondern gehört zum Basis-Vierklang, als hinzugefügte Sexte. In der klassischen Harmonielehre wird das „sixte ajoutée“, genannt, in Pop, Rock und Jazz geht damit aber nicht wie in der Klassik zwingend eine Subdominantische Funktion des Akkords einher. Weitere Akkordoptionen werden zusätzlich gekennzeichnet. Der Akkord C6 besteht also aus den Tönen c, e, g und a; bei C6/9 kommt noch die None d hinzu.

8) Um Optionstöne als große oder reine Intervalle darzustellen, werden ihnen Vorzeichen vorangestellt: b9 bezeichnet die kleine None, b13 die kleine Tredezim/Sexte, #11 die übermäßige Quarte. Anschaulich dargestellt wird dies in den Varianten des Notenbeispiels 7.

Grundsätzlich zeigen Akkordsymbole aber immer nur an, welche Töne in einem Akkord gespielt werden können. Die Umkehrung ist nicht festgelegt und niemand zwingt Sie dazu, Akkorde mit allen verfügbaren Optionen zuzukleistern. Weniger ist hier oft mehr, wie ganz aktuell viele Songs von Ed Sheeran oder aus dem New Country Genre beweisen, die mit dezent eingesetzen Optionen selbst millionenfach gespielten Akkordfolgen ganz neues Leben einhauchen können.

Notenbeispiele als PDF-Download