Workshop iPad für Musiker (1): Neue Soloinstrumente

In dieser Workshop-Reihe zeigen wir Ihnen, dass im Apple iPad viel mehr steckt als ein Spielzeug. In jeder Folge stellen wir Ihnen Programme für Musiker vor, die das iPad für Musiker interessant machen. In dieser ersten Folge stellen wir Apps für kreative Solo-Einlagen vor, mit denen Sie sich neue Performance-Möglichkeiten eröffnen können.

ThumbJam
ThumbJam ist offen für Tricks. Bauen Sie ein Instrument, das Ihren Gesang als Sample verwendet: Create Instrument, aufnehmen und die Stimme per Touchsreen spielen.

Von wegen Spielzeug! Wer das Apple iPad, der stellvertretend an der Spitze des Tablet-Computer-Trends steht, überteuertes Spielzeug oder als Statussymbol für medienaffine Besserverdienen­de abtut, vergibt neue kreative Möglichkeiten. Wie Sie in der Folge dieser neuen Workshop-Reihe noch sehen werden, gibt es gerade für Live-Musiker jede Menge Apps für das iPad zu entdecken. Wir machen uns für Sie auf, die Sahnestücke aufzustöbern und zeigen in jeder Folge einige Apps und wie man sie auf der Bühne einsetzen kann. Auf unserer Home­page (www.tastenwelt.de) finden Sie Links zu Videos, die Ihnen den praktischen Einsatz des iPad mit den jeweils vorgestellten Apps verdeutlichen.

Gemessen an der Funktionalität bietet das Apple iPad viel für den Alltag eines Musikers. Gleiches gilt für das iPhone und den iPodTouch. In der Praxis werden Sie merken, dass Sie mit dem iPad besser arbeiten können, als mit dem kleinen Touchscreen eines Smartphones. Zubehör wie Apples Keyboard-Dock oder eine Tastatur brauchen Sie nicht.

Besorgen Sie sich aber einen Adapter von Stereo-Miniklinke auf zwei gewöhnliche Klinkenstecker für den Audio-Ausgang. Erst so können Sie die angespielten Sounds ins Mischpult führen. Als Besitzer eines iPod Touch bestellen Sie am besten gleich ein kleines Mikrofon mit, das nur wenige Euro kostet und Ihnen gute Dienste erweisen wird.

MorpWiz 1
Je nach Spielweise zeigt MorpWiz ein Spektakel aus Formen und Farben.

Das iPad als Musikinstrument für Solo-Darbietungen

Für Apples Wunderflunder gibt es bereits hervorragende Apps, die von Tastenspielern und auch anderen Musiker schnell verstanden und effektvoll verwendet werden können. Das liegt daran, dass das Spielfeld einer herkömmlichen Tastatur ähnelt. Die Apps lassen sich dank des berührungsempfind­lichen Bildschirms (Touchscreen) viel intuitiver spielen als jedes Keyboard. Wenn Sie beim Live-Gig durch eine besondere solistische Einlage beeindrucken möchten, mit der App „ThumbJam“ von Sonosaurus oder mit „MorphWiz“, die der Dreamtheater-Keyboarder Jordan Rudess entwickelt hat, fallen Sie garantiert mehr auf, als mit einem Orgel- oder Synthsolo.
Die App „ThumbJam“ (5,49 Euro) von Sonosaurus begeistert in der aktuellen Version 1.3 nicht allein durch das erfrischend einfache Spielkonzept, auch die über 30 Sounds auf Basis von über 150 MB an Multisamples können akustisch voll überzeugen und müssen sich nicht vor guten Presets aus dem Keyboard verstecken. Geboten werden traditionelle Klänge wie Geige, Flöte, Rhodes oder Kirchen­orgel, aber ebenso Drumkits, ein paar Synthe­sizer­sounds und zwei schöne Exemplare der Thereminvox.

Alle Presets lassen sich sehr lebendig und ausdrucksvoll spielen: Schütteln Sie das iPad, und der momentan aktive Sound wird je nach Stärke und Geschwindigkeit der Vibration moduliert – Sie hören meist Tremolo, Vibrato oder ein Panning. Das ist schon ein physisches Erlebnis, bei dem der Hörer oder ein kleineres Publikum wahrnimmt, wie Sie die Klänge formen und dass Sie tatsächlich live spielen. Im Control-Menü lassen sich Änderungen treffen, falls Sie die Klänge anders steuern möchten. Wenn Sie tüfteln möchten, können Sie sogar mit eigenen Samples Ihre eigenen Instrumente bauen.

MorpWiz 2
Das Preset „Pull Me Under“ lässt sich akkordisch und einstimmg spielen.

Technische Hilfsmittel erleichtern den praktischen Einsatz

Das Geheimnis, dass Sie beim Gleiten Ihrer Finger auf dem Touchscreen die richtigen Töne treffen, ist schnell gelüftet: ThumbJam besticht durch eine riesige Auswahl an Skalen (Blues, Jazz, Intervalle sowie ethnische und historische Skalen), die Sie für Ihren Sound verwenden können. Wenn Sie mit dem Daumen über den Touchscreen gleiten, erzeugen Sie nur bestimmte Töne einer gewählten Skala. So gibt es keine Patzer beim Improvisieren, Sie können allerdings auch keine beliebigen Melodien spielen. Im Effekt-Menü gibt es Hall und Delay, um die Sounds abzurunden. Vor allem mit dem Feedback-Wert und der Intensität des auf Wunsch temposyn­chronen Delays sollten Sie ein wenig spie­len, um manche Sounds flüssiger spielen oder auch mal „schwimmen“ lassen zu können.
Mit ein wenig Übung können Sie nicht nur Soloparts zum Besten geben, sondern nach und nach auch ein kleines Arrangement aus mehreren Instrumenten aufbauen: Dazu bietet ThumbJam eine Loop-Funktion mit hilfreicher Quantisierung des Startpunkts. Die Funktion kann Ihnen zu amüsanten One-Man-Shows verhelfen. Noch einfacher geht es, wenn Sie eine Audio-Datei über iTunes importieren und über dieses Halb-Playback improvisieren.

MorpWiz 3
Verschiedene Wellenformen, FM und Wave Sync machen die App MorphWiz attraktiv.

Live-Experimente mit Klangfarben für kreatives Solieren beim Gig

Die zweite App in dieser Empfehlungsrunde ist „MorphWiz“ (7,99 Euro). Sie bietet im Prinzip ein ähnliches Spielfeld, wendet sich aber direkt an Key­boarder, die gerne mit elektronischen Sounds experimentieren. Genauer betrachtet, liegt der Reiz beim spontanen Modulieren von Klangfarben: Mit Morph­Wiz können Sie zwischen verschiedenen Soundcharakteren blenden beziehungsweise „morphen“, indem der Finger vertikal über den Bildschirm gleitet. Jedes Preset zeigt eine individuell gestaltete Oberfläche – auch das Auge wird dabei stimuliert. Viele der Vorlagen klingen nicht nach einem braven Moogsolo, sondern bieten sich eher für drastische Effektpassagen an.

Noch ein Wort zur Spielbarkeit: Beide Apps sind auch mit dem iPhone oder iPod Touch zu spielen – vielleicht sogar bequemer, da sie besser in der Hand liegen und sich dadurch noch leichter schütteln lassen, um die Tremolo- oder Vibratoeffekte zu erzeugen. Welche Basis Sie auch immer einsetzen: Sie gehen auf jeden Fall völlig neue und kreative Wege beim Solieren. In der nächsten Folge dieses Workshops zeigen wir Ihnen, wie Sie das iPad nicht nur als ungewöhnliches Solo-Instrument, sondern auch als Sequencer nutzen können.

Tipp: Apps finden und installieren

App Store

Im so genannten App Store, den Sie online von Ihrem iPad oder über die Software „iTunes“ für Mac und PC erreichen, finden Sie eine Masse an Anwendungen aus der Sparte Musik und natürlich viele weitere Rubriken. Die meisten Apps sind sogar gratis oder kosten nur geringe Beträge. Allerdings müssen Sie in jedem Fall einen eigenen Account einrichten, auch wenn Sie nur eine der vielen kostenfreien Apps probieren möchten. Erst dann lässt sich eine Applikation herunterladen und installieren. Bei der Anmeldung werden Sie nach Ihren Kontodaten gefragt. Keine Sorge, Sie müssen Apple weder Ihre Kreditkarte noch Bankverbindung verraten. Wählen Sie einfach „Keine“ als Zahlungsmethode aus. Tipp: Falls Sie eine kostenpflichtige App dennoch beziehen möchten, holen Sie sich einen iTunes-Gutschein im Wert von 25 Euro aus dem nächsten Supermarkt und geben den erworbenen Code ein.

Übrigens: Wer PromoCodes von Entwicklern für kostenfreie Versionen kommerzieller Apps bekommt, kann diese ausschließlich über den US-Store einlösen. Dafür müssen Sie noch einen zweiten Account unter einer anderen email-Adresse einrichten, falls Sie schon im deutschen App Store registriert sind. Laden Sie zunächst ein paar kosten­freie Imitate von Musikinstrumenten herunter, um das iPad etwas näher kennen zu lernen. Auf unserer Homepage (www.tastenwelt.de) finden Sie daneben Videos, die das iPad im Einsatz für Klaviersoli oder als Akkordeon, Steeldrums und Mellotron zeigen. Um den Download und die Installation einer App müssen Sie sich selbst nicht weiter kümmern. Liegen irgendwann einmal Updates für herunter geladene Anwendungen vor, werden Sie informiert. Es ist wirklich einfach.