Workshop iPad für Musiker (10): NanoStudio von Blip Interactive

In dieser Workshop-Folge erfahren Sie, wie mit dem Apple iPad das Westentaschen-Studio nun Realität zu werden scheint. Anhand von NanoStudio zeigen wir Ihnen, wie Sie mit einer solchen App in die Praxis starten.

Mixer
Innerhalb von NanoStudio sorgt ein Mixer samt Kompressor, Waveshaper, Chorus, Hall und Delay für eine runde druckvolle Mischung.

Vor rund 25 Jahren waren es die ersten Workstations wie die Korg M1, mit denen ein Keyboarder komplette Song-Arrangements mit nur einem Gerät erstellen konnte. Die heutigen Größen heißen Yamaha Motif XF oder Korg Kronos, und auf dem Computer laufen DAWs wie Steinberg
Cubase oder Ableton Live, mit denen Sie ihre Musik bis zum finalen Schritt produzieren können.
Es geht aber auch einfacher und auf kleinstem Raum. Immer stärker profiliert sich der Tablet-PC für die kreative Musikproduktion. Wenn Sie das iPad als klassisches Musikstudio, bestehend aus Sequencer, Klangerzeuger, Effekten und Mischer, verwenden möchten, finden Sie inzwischen vor allem diese empfehlenswerten Apps: GarageBand (3,99 Euro) ist das virtuelle Studio von Apple, das auch zur Standard-Ausstattung eines Mac gehört. Hier gibt es gute Sounds querbeet, Simulationen von Gitarren-Verstärker und -Effekten, eine Loop-Bibliothek und virtuelle Player, mit denen Sie Gitarren-Begleitungen oder Schlagzeug-Grooves erzeugen. Mit dem letzten Update ist ein großes Manko von GarageBand beseitigt: MIDI-Noten können nun anhand einer Pianorolle bearbeitet werden.

Die App Music Studio (11,99 Euro) wendet sich an traditionelle Musiker, die sich auch einmal akustische Sounds wie Akkordeon oder Dudelsack hinzukaufen möchten. Wenn Sie kreativer mit Sounds arbeiten wollen und offen sind für moderne Stile, ist NanoStudio (11,99 Euro) eine tolle Wahl. Genau diese Anwendung möchten wir Ihnen vorstellen. Das hat einen simplen Grund: Auch Musiker, die kein iOS-Gerät haben, können die App probieren. Der Entwickler Matt Borstel alias Blip Interactive bietet von seiner App kostenfreie Versionen für Mac und Windows an, die mit NanoStudio auf iPad oder iPhone identisch sind – mit Ausnahme der Bedienung: Sie müssen auf die PC-Tastatur verzichten und können NanoStudio für PC/Mac einzig über die Maus bedienen.

Sequencer
Eine typische Sequencer-Ansicht bietet sich auch dem NanoStudio-User.

Erste Schritte in die Praxis

Laden Sie zunächst NanoStudio und die Software NanoSync von der Seite www.blipinteractive.co.uk herunter. Beide Progamme müssen nicht weiter installiert, sondern können direkt gestartet werden. Möchten Sie eine MIDI-Tastatur zum Einspielen verwenden, gehen Sie auf Manage und wählen dort unter MIDI das Interface aus. Bleiben Sie im Manage-Bereich und laden Sie als Project einmal die vorhandenen fünf Demo-Songs der Reihe nach. Die Arrangements geben einen guten Eindruck, was Sie mit NanoStudio kompositorisch auf die Beine stellen können. Laden Sie JazzLounge und wechseln Sie in die Song-Ansicht. In diesem Bereich werden Sie sich hauptsächlich bewegen. Im Grunde sehen Sie ein DAW-Arrangement aus mehreren einzelnen Spuren. Allerdings verzichtet NanoStudio auf Audiospuren. Die MIDI-Noten können Sie in einer Pianorolle einzeichnen (Draw) und verändern. Gefällt Ihnen zum Beispiel die Akkordfolge des Songs, können Sie die Parts auf der Spur „Eden 2“ als MIDI-File exportieren. Einzelne Parts oder Noten lassen sich aber nicht direkt anpacken und vertikal oder horizontal verschie­ben, sondern nur mit eingeblendeten Werkzeugen.

Im Song-Fenster arbeiten Sie mit bis zu 16 MIDI-Spuren, die entweder den virtuell-analogen Synthesizer „Eden“ anspielen oder das Pad-Instrument „TRG-16“ mit 16 Pads bzw. Samples (WAV oder AIFF-Format) triggern. Weitere Hauptfenster sind der Mixer und der schon erwähnte Manage-Bereich, in dem Sie ihre Werke speichern und auch als komplettes Audio-File herausgeben können, die dann im User-Ordner „Mixdowns“ landen. Wenn Sie mit der iOS-Version arbeiten, können Sie Ihren Song über „Share“ (Manage) direkt vom iPad auf SoundCloud hochladen. Mehr über diese Online-Plattform lesen Sie in der nächsten Workshop-Folge.

Eden
Eden ist ein flexibler Synthesizer mit zwei Oszillatoren, vier LFOs und drei Hüllkurven. Statt klassischer Oszillator-Wellenformen sind Samples verwendbar.

Zwei Instrumente für alle Klänge

Schauen wir uns „Eden“ näher an: Einen solchen virtuell-analogen Synthesizer finden Sie weder bei GarageBand noch bei MusicStudio. Das Besondere ist, dass Sie die 128 Presets frei verändern und neue Sounds kreieren können. Die Verwaltung ist dabei einfach zu verstehen: Insgesamt gibt es vier Bänke à 64 Presets. In den Bänken „Global A“ und „B“ finden sich die Werksounds, in der Bank „Project“ speichern Sie alle Sounds, die Sie für das eine Songprojekt benötigen. Wenn Sie Ihre Klänge oder Presets in weiteren Projekten einsetzen möchten, kopieren Sie die Klänge auf Bank „Global C“.

Der Synthesizer Eden basiert auf zwei Oszillatoren, die sich wie bei den analogen Vorbildern synchronisieren und ringmodulieren lassen. Anstelle der klassischen Oszillator-Wellenformen kann auch je ein Sample verwendet werden. Dabei können Sie eigene Samples erstellen, in die Klangerzeugung einbinden sowie mit Filter, den vier LFOs und den Effekten nach Herzenslust bearbeiten.

TRG-16
Sämtliche Audio-Parts wie Drumloop, Soundeffekt oder Gesang liefert das Pad-Instrument TRG-16. Audio-Spuren bleiben bei Nano­Studio außen vor.

Mit dem „TRG-16“ laden und spielen Sie Drum-Kits, Loops und andere Samples. Verschiedene Sets bietet der Hersteller bereits an: Schauen Sie auf Ihrem Rechner im Dokumente-Ordner nach. Im Unterverzeichnis „User“ im Ordner „NanoStudio“ finden Sie alle Daten, die bei der Arbeit mit dem Programm anfallen. Unter „TRG Banks“ sehen Sie sämtliche Drum-Kits. Nicht nur fürs Produzieren, sondern auch für den Live-Gig ist das Pad-Instrument „TRG-16“ praktisch: Wenn Sie für den Laptop oder das iPad einen DJ-Sampler suchen, mit dem Sie kurze (Pausen-)Jingles, Sound-Effekte oder andere Samples abfeuern und noch mit individuellen Effekten bearbeiten möchten, bietet das NanoStudio eine gute und preiswerte Lösung.

Samples
Samples trimmen, ausblenden und mit Effekten bearbeiten – all dies funktioniert spielend einfach mit dem TRG-16 in NanoStudio.

Drahtloser Datentransfer mit iPad

Natürlich möchten Sie eigene Samples ins NanoStudio laden oder am iPad erstellte Songprojekte auf der PC-Festplatte sichern. Normalerweise tauschen Sie Daten über die Software iTunes über die Dateifreigabe aus, wobei iPad und PC über ein USB-Kabel verbunden sind. Nicht so bei NanoStudio: Hier kommt die kostenfreie Software NanoSync ins Spiel, die eine drahtlose Kommunikation zwischen PC und iOS-Gerät ermöglicht. Starten Sie NanoSync, während sich das iPad in direkter Nähe des WiFi-fähigen Rechners befindet. Rufen Sie nun die NanoStudio-App auf dem iOS-Gerät auf und gehen Sie zum Menü NanoSync. Dort aktivieren Sie die WiFi-Verbindung, indem Sie auf „Enable“ drücken. Jetzt erkennt NanoSync das iPad automatisch.

Ziehen Sie nun die neuen Samples oder Projekte per Drag&Drop in den Browser von NanoSync. Alle Daten werden übertragen und können kurz darauf mit der iPad-App über „Manage“ geladen werden. Umgekehrt können Sie Daten von NanoStudio des iPad vom Rechner anfordern, indem Sie bei NanoSync „Get from Device“ anklicken. Weil ein Song mit allen Spuren und Klangdaten von Eden und TRG-16 in einem Project zusammengefasst wird, ist die Dateiverwaltung gut zu überschauen.

Tipp:Neue Klänge für NanoStudio

NanoStudio ist eine Spielwiese für kreative Keyboarder und Soundtüftler, die klassische und moderne Synthesizer­klänge schätzen: „Synth Garden“ von App Sound zeigt mit 128 Presets neue klangliche Möglichkeiten des Eden Synthesizers. Die Soundbank ist unterteilt in zwei User-Projekte und enthält außerdem 32 MIDI-Phrasen zum Anspielen der Presets. Per NanoSync lassen sich die Daten vom Rechner zum iPad, iPhone oder iPod touch übertragen. Die Bank zielt auf moderne Popmusik. Sie bietet rhythmische Sounds per LFO moduliert, warme Flächen und auch klassische Synthesizerklänge mit Oszillator-Sync und Ringmodulation. All diese Presets und Phrasen inspirieren den NanoStudio-Anwender zu neuen Taten. Das Set kostet 3,99 Euro (Paypal) und kommt als ZIP-Archiv per Mail (www.app-sound.com).

Statement

Matt Borstel

Matt Borstel, Entwickler von NanoStudio: „Vor rund drei Jahren fand man im App-Store vor allem Synthesizer unter den Musiker-Apps. Damit konnte man zwar viel Freude haben, ich wollte aber komplette Stücke erstellen mit Synthesizern, Sampling, Sequencing und Effekten. Da es solche Apps praktisch nicht gab, beschloss ich, mein eigenes Studio zu entwickeln. Ich denke, dass mehrere Faktoren für den Erfolg des iPad als Musikstudio sprechen: Portabilität, Einfachheit, Zuverlässigkeit, Audio-Latenz, MIDI-Unterstützung und Akkuzeit. Für mich ist jedenfalls der große berührungsempfindliche Bildschirm der wichtigste Grund fürs Musikproduzieren am Tablet-PC. Ein Touchscreen ist sicherlich nicht für jeden Musiker ideal, er bietet aber neue Wege, Notendaten und andere Dinge darzustellen und zu bearbeiten. Derzeit befinden sich NanoStudio und ähnliche Apps in einer Entwicklungsphase. Viele User wünschen sich neue Funktionen, eine noch höhere Soundqualität und bessere Verbindungen bezüglich MIDI, Audio und Datenaustausch. Die größte Herausforderung für den Entwickler ist es dabei, dass die Anwendung – wie alle iOS Apps – trotz neuer Features einfach zu bedienen bleibt und Spaß macht.“