Workshop iPad für Musiker (12): Electronic Piano Synthesizer

In diesem Workshop lernen Sie unter anderem die App „Electronic Piano Synthesizer“ kennen. Sie lässt Vintage-Keyboard-Sounds am Tablet aufleben.

Electronic Piano Synthesizer
FM-Synthese benutzerfreundich aufbereitet: Electronic Piano Synthesizer für iPhone/iPad.

Alle guten Instrumenten-Apps lassen sich wie ein herkömmliches MIDI-Soundmodul anspielen, was seit Core-MIDI und Core-Audio einfach geht. So auch EPS (= Electronic Piano Synthesizer) von Christian Bacaj. Dass wir genau diese App ausgewählt haben, hat einen Grund: Sie können mit diesem virtuellen Instrument klanglich kreativ arbeiten, ohne Sounddesign studiert haben zu müssen. Wer mit der FM-Synthese noch nie zurecht oder in Berührung gekommen ist, wird beim EPS endlich Land in Sicht bekommen. Der EPS ist aber nur eins von vielen Beispielen für Vintage Keyboards. Ein Abbild der Hammond-Orgel finden Sie ebenso für das iPad: Pocket Organ C3B3 (s. Kasten).

Auf den Spuren der FM-Synthese

Der FM-Synthese, bekannt geworden durch Yamahas DX-Serie aus den 80er Jahren, lassen sich beeindruckende E-Piano-Klänge und Bässe entlocken; sie gilt aber noch immer als schwierig zu programmieren. Während sich die App „DXi FM Synthesizer“ aus Japan zur Kreation hipper Elektronik-Phrasen anbietet, macht der EPS von Bacaj einen angenehm soliden Job: Der EPS ist einfach zu bedienen und gefällt durch seine Soundqualität bei klassischen FM-Klängen. Es ist verblüffend, zu welch’å unterschiedlichen Bass-, Sequencer- und auch E-Piano-Sounds diese App imstande ist. Dabei haben alle Presets eins gemeinsam: eine harte Anschlagsphase. Das fehlende Attack gehört zum Konzept des EPS, der sich auf die Imitation angeschlagener Metallzungen oder gezupfter Saiten spezialisieren soll.

Die Klangerzeugung arbeitet ohne Samples. Alle Klänge werden mit der 32-Bit-Sound-Engine errechnet. Dabei können zwei Oszillatoren („Träger“) wiederum von zwei weiteren Oszillatoren („Modulator“) klanglich verändert werden: Die Klangfarbe bestimmen Sie vor allem mit „MOD 1“ und „MOD 2“ sowie mit der jeweiligen Frequenz beider Oszillatoren (Ratio). Je nach Frequenz entstehen neue Klangspektren, Schwebungen oder disharmonische Sounds. Mit den Feedback-Reglern („MOD 1/2 FBK“ und „MAIN FBK“) können Sie das Obertonspektrum anreichern und Sägezahn-Wellenformen erzeugen, die Sie von analogen Synthesizern kennen. Mit „MOD 1/2 Decay“ bestimmen Sie, ob Sie einen perkussiven oder gehaltenen Sound hinbekommen, sofern „Main Decay“ ausreichend lange eingestellt ist. Soll das Preset länger ausklingen, erledigen Sie das mit „Main Release“.

Neben dem Vibrato steht ein Tremolo-Effekt zur Verfügung, den Sie vor allem bei E-Pianos nutzen sollten; schon das Fender Suitcase Rhodes integriert ähnliche Effekte (Hörbeispiel: „You Are The Sunshine Of My Live“ von Stevie Wonder). Die Delay-Sektion erlaubt natürlich Echos und andere räum­liche Effekte. Effektiv zeigt sich noch das Tube Overdrive. Mit diesem Regler können Sie den Grund­sound sättigen oder anzerren.

Während Sie mit den Reglern anhand der Presets herumspielen, behalten Sie beim EPS immer den Überblick. Wenn Sie neue Soundideen wünschen, nehmen Sie das Set „FM Attack“ von App Sound, das Sie kostenlos (www.app-sound.com) herunterladen können. Diese 30 Presets unterstreichen das Synthesizer-Potenzial des EPS.

EPS-Parameter
EPS-Parameter kann man auch via MIDI steuern, die Werte stehen dann in den Buttons.

Klangparameter per MIDI steuern

Alle Knöpfe des EPS können nicht nur direkt über den Touchscreen bedient werden, sondern dank MIDI-Learn-Funktion auch per MIDI-Controller ange­sprochen werden. Das ist praktisch sogar ein Muss, wenn Sie den FM-Klängen viel Leben einhauchen möchten. Drücken Sie auf das kleine MIDI-Buchsen-Symbol in der rechten oberen Ecke. Nun tippen Sie einen Parameter an, er signalisiert „MIDI Learn“ und wartet auf eine Controller-Nachricht, die Sie durch Drehen am Rad oder Regler senden. Typisches Beispiel ist das Abrufen eines Vibrato-Effekts per Modulationsrad. Tippen Sie beim EPS auf den Parameter LFO Depth und bewegen das Modulationsrad. Nun lässt sich ein Vibrato in unterschliedlichen Stärken per Rad erzeugen (sofern Vibrato aktiv ist). Wenn Sie die Klangfarbe verändern möchten, sollten Sie unbedingt „Mod1“ und „Mod2“ oder auch „Main Fbk“ einem Drehregler ihres MIDI-Keyboards zuweisen. Sie können mit nur einem Con­troller mehrere Parameter gleichzeitig steuern.

EPS Presets
EPS Presets lassen sich per iTunes verwalten.

Daten-Handling leicht gemacht

Haben Sie mehrere Presets für Ihren Bedarf erstellt, sollen diese auch verwaltet werden. Bei nur 32 inter­nen Speicherplätzen werden Sie Ihre Presets extern speichern. Dies funktioniert über die Software iTunes. Sie verbinden iPad und Computer, starten iTunes, wählen Ihr Tablet unter „Geräte“, gehen auf „App“ und nutzen dort die Dateifreigabe. Tipp: Spei­chern Sie „Factory“, momentan 21 Presets, vor ihren eigenen Sessions als Backup auf die Festplatte.

Wichtig beim Preset-Austausch ist, dass die Datei „Filenames.eps“ und alle Presets („LibraryXX.eps“) kopiert werden. Vernachlässigen können Sie das File „LastSession.eps“, das nur für den Notfall oder einen Neustart gedacht ist. Beim Hinzufügen der Presets ins iPad müssen Sie den EPS neu starten. Ansonsten erscheinen die neuen Sounds unter den bisherigen Preset-Namen. Aus Speicherplatzgründen bitte andere Apps nicht im Hintergrund laufen lassen. Der Austausch von Presets zwischen mehreren iOS-Geräten funktioniert einwandfrei, auch wenn er derzeit noch nicht so komfortabel ist.

Kurzum: Der EPS mit seinem tollen Grundsound und auch die Hammond-Kopie C3B3 verdeutlichen, dass das iPad als ein Instrumenten-Klon tauglich ist. Vor allem beim Live-Einsatz mit MIDI-Controller-Tastatur und Tablet-PC werden Live-Keyboarder die kostengünstige Anschaffung, den sehr leichten Transport und die intuitive Bedienung zu schätzen wissen. Es ist jedenfalls gut, sich schon früh mit dem Thema zu befassen, auch wenn die Hochzeit der iOS-Instrumente erst noch kommen wird.

Statement

Milos Twilight

Milos Twilight, Filmproduzent, Musiker und Spezialist für visuelle Effekte, begann seine Karriere 1987 in Buenos Aires: „Ich schätze Christian Bacaj als Entwickler. Seine App EPS gehört zu den ersten iOS-Instrumenten, die sich sehr intuitiv verwenden lassen. Besonders gern schichte ich drei oder vier Sounds, eine Technik, die ich von Nick Rhodes (Duran Duran) lernte. Der EPS liefert dabei viele Klänge, die ich über MIDI und direkt an den virtuellen Knöpfen verändern kann. Mein Haupt­werkzeug ist die App ThumbJam, mit der ich vor allem Streicher-Arrangements komponiere. Camel Audio Alchemy oder iGuitar nutze ich auch sehr gerne. Sicherlich werden Sound Libarys für iOS-Instrumente kommen. Sobald Native Instruments Kontakt für iOS bringt, wird man definitiv nicht mehr am Desktop-PC arbeiten müssen. Wie man die Audio-Qualität von MP3-Dateien und CDs kaum voneinander unterscheiden kann, fallen die Apps klanglich gegenüber den etablierten Software-Instrumenten nicht hörbar ab. Den iOS-Instrumenten gehört die Zukunft.“

Tipp: Hammond für die Westentasche

Pocket Organ C3B3
Pocket Organ C3B3: Alle Zugriegel lassen sich per Touchscreen anfassen und bewegen.
Pocket Organ C3B3 In-App-Kauf
Eigene Sounds speichern oder Presets kaufen? Letzteres geschieht per In-App-Kauf.

Die Pocket Organ C3B3 (ca. 2,39 Euro) der japanischen Firma Insideout bringt die klassische neunchörige Zugriegelorgel mit zwei Manualen plus Basspedal in die iOS-Welt. Wie es zur traditionellen Orgel gehört, gibt es „Harmonic Percussion“ und „Key-Click“ sowie veränderbare Effekte (Leslie, Verzerrer und Scanner-Vibrato/Chorus). Die Orgelsounds können über MIDI angespielt werden, wobei sich das obere und untere Manual wie auch das Pedal auf unterschiedlichen MIDI-Kanälen ansprechen lassen.

Leider können die Zugriegel nicht MIDI-Controllern zugewiesen werden. Die MIDI-Ausstattung ist noch eher spartanisch, weshalb die App nur eingeschränkt als Soundmodul zu empfehlen ist. Klanglich bietet die Pocket Organ bedeutend mehr als einen netten Zeitvertreib. Sie können das Registrieren erlernen und viel ausprobieren. Etwas schade ist, dass alle Presets und sogar die User-Memory-Bank zum Speichern 20 eigener Register optional erworben werden müssen, was aber per In-App-Purchase (den Kauf erledigen Sie bequem innerhalb der App) schnell geht. Jedes der momentan sieben Packs (Rock, Jazz, Reggae, etc.) kostet 79 Cent.