Workshop iPad für Musiker (15): Wavetable-Synthesizer Waldorf Nave

In dieser Workshop-Folge geht es um eine App „Made in Germany“: Beim Nave haben die Entwickler Stefan Stenzel von Waldorf und Rolf Wöhrmann die Möglichkeiten des iPad aufs Feinste ausgereizt. Lesen Sie, wie Sie diesen Synthesizer zum Sprechen bringen und Wavetables entdecken.

Nave
So einfach lernt Nave sprechen: Sie rufen die Vollansicht („full“) auf, tippen auf „Tools“ und sehen oben links ein Auswahlfenster. Unter „Talk“ können Sie nun beliebige Wörter und Sätze eingeben – Nave spricht Englisch.

Waldorf ist Kult. Die kleine Firma aus der Eifel brachte mit Microwave, Q und Blofeld Instrumente hervor, die von Kennern bis heute verehrt werden. Neben klanglichen Eigenschaften des Filters ist Waldorf berühmt für eine musikerfreundliche Adaption der Wavetable-Synthese. Genau sie ist das Herzstück von Waldorfs erstem Synth für iPad 2 (oder neuer), der sich „Advanced Wavetable Synthesizer“ nennt.

Nave (17,99 Euro) platziert sich weit oben in der Sparte „Musik“ des App Store. Konzeptionell handelt es sich dabei um einen neuen Waldorf-Synth mit zwei Wavetable-Oszillatoren, der auf eine detailgetreue Nachbildung eines Klassikers (wie etwa Korg iPolysix oder     Arturia iMini) verzichtet. Lediglich Bestandteile wie die Wavetables hat man von früheren Produkten übernommen. Der im Juni 2013 erschienene Nave eroberte nicht als erster großer Wavetable-Synth den App Store. Dies war die App „Wave Generator“ (17,99 Euro) von Wolfgang Palm, die sich aber nicht so intuitiv bedienen lässt wie der Waldorf Nave. Beim ersten Kontakt werden Sie staunen: Visuell sehr ansprechend ist die Benutzer-Oberfläche, die von Axel Hartmann stammt. Ein Aufgebot von rund 500 Presets demonstriert, wie raffiniert, kraftvoll und hochwertig Nave klingen kann. Die scheinbar komplexe Programmierung sollte Sie aber nicht entmutigen. Mit Nave kann das Soundtüfteln viel Spaß machen. Als Startpunkt nehmen Sie bitte „Init“. Drücken Sie auf die entsprechende Taste (rechts oben). Nun hören Sie den ersten Oszillator mit einer Sinuswelle und bleiben auf der Seite „Wave“.

Wellenfahrten mit dem Oszillator

Beim klassischen Analogsynth arbeiten Sie mit einer festen Wellenform pro Oszillator. Nicht so beim Nave, hier bekommen Sie eine Tabelle aus vielen einzelnen Wellenformen, die sich auf verschiedene Weisen durchwandern lassen. Diesen klassischen Wavetable-Ansatz sehen Sie auf der linken „Wave“-Seite. Auf die schnelle Reise begeben Sie sich jetzt mit dem Parameter „Travel“. Stellen Sie den Regler auf etwa +20. Spielen Sie am Keyboard, hören Sie bereits, wie der Wellensatz „Resonant“ zyklisch durchläuft. Lernen Sie weitere Wavetables kennen: Lassen Sie das geöffnete Auswahlfenster aufgeklappt und spielen Sie die mitgelieferten Tabellen („Resonant, Resonant 2, ... almost anything“) der Reihe nach über die Tastatur an. Mit dem vorletzten Wellensatz der Liste, „I am Nave“, bringen Sie die App bereits automatisch zum Sprechen.

Sicherlich wollen Sie aber noch anderweitig Einfluss nehmen auf die zeitliche Abfolge der Wellenformen einer Tabelle. Bringen Sie daher den Travel-Regler wieder in die Startposition (Wert 0.00) zurück und aktivieren Sie links den Tipp-Schalter für Modulation. Aus den verschiedenen Quellen (LFO, Hüllkurve, Anschlagdynamik, Modulationsrad oder per XY-Pad) suchen Sie sich z.B. LFO1 oder LFO2 heraus, wenn Sie ähnlich zyklisch wie bei „Travel“ modulieren wollen. Bei „Key Track“ verteilen sich die einzelnen Wellenformen einer Tabelle über die Tastatur. Die Modulationsstärke („Amount“) sollte bei Ihren Versuchen etwa um den Wert 0.50 liegen. Die Entdeckungsreise geht aber auch einfacher. Tippen Sie wieder auf „Init“ und danach auf „Wave“ oben im Reiter. Nun bekommen Sie unterhalb der Wellenform-Großansicht ein Bandmanual, über das Sie gleiten oder tippen und die einzelnen Wellenformen intuitiv anspielen können.

Blade
Mehr Ausdruck mit der Blade-Tastatur: Akkorde spielen Sie mit nur einem Finger, Klangparameter lassen sich z.B. durch Fingerwischen steuern.

Neue Seiten der Wavetable-Synthese

Glückwunsch: Sie konnten erste wichtige Erfahrungen mit der Wavetable-Synthese sammeln. Weiter geht’s – auf der rechten „Wave“-Seite bietet Nave etwas Neues für einen Wavetable-Synthesizer: „Spectrum“ erzeugt mit Hilfe von Formanten sprachähnliche Effekte und bringt, falls erwünscht, klangliche Schärfe und bruzzlige bzw. rauschende Sound­anteile. Diese Parameter-Sektion erschließt sich in der Praxis sehr intuitiv, theoretisches Verständnis ist nicht nötig.

Natürlich bietet Ihnen Nave aber auch gewöhnliche Oszillatoren. Starten Sie wieder vom „Init“ und entdecken Sie nun den Mixer von Nave. Sie finden ihn rechts auf der „Wave“-Seite. Tippen Sie auf „Wave 1“ und drehen Sie die Lautstärke herunter. Danach bringen Sie „Osc“ auf maximalen Level. Nun erhalten Sie klassische Synthesizer-Wellenformen, die Sie auf der linken Seite unter „Shape“ anwählen können. Der Clou: „Überwave“ erzeugt, ähnlich wie Rolands JP „Supersaw“, hauptsächlich durch Verstimmung einen sehr fett klingenden Oszillator. Wenn dies immer noch nicht reicht: Nave bietet einen zweiten Oszillator, den Sie über die links und rechts platzierten Schiebefelder erreichen (nach unten scrollen). Für räumliche Tiefe, Druck und Breite können Sie die Effekt-Abteilung bemühen, die Sie unter „FX & Arp“ finden: Modulationseffekte (Phaser, Chorus, Flanger), Delay und Reverb, auch ein Compressor und parametrischer 3-Band-EQ runden jedes Preset ab.

Alternative Tastatur probieren

Nave lässt sich zwar über eine MIDI-Tastatur anspielen, gefällt aber noch mehr durch ein alternatives Spielmanual auf dem Screen, das Sie auf der Seite „Mod & Keys“ einstellen können: „Blade“ (übersetzt kann dies Klinge, Schwert oder Schaufel bedeuten). Historisches Vorbild für diese spezielle Klaviatur ist das Spielmanual des um 1930 entwickelten Trautoniums (bekannt durch Oskar Sala). Wie funktioniert es bei Nave? Nun, starten Sie mit dem „Init“ und wechseln Sie zur Seite „Mod & Keys“. ‚Auf der rechten Seite unter Control finden Sie das Blade-Symbol (links von „Mid“), auf das Sie tippen. Weisen Sie nun für X den Parameter „W1 Position“ und für Y den Klangparameter „W1 Noisy“ zu. Ergebnis: Während Sie eine Note oder Akkorde halten auf dem Spielfeld, können Sie durch horizontales Gleiten (von links nach rechts) effektvoll den Wellensatz durchfahren und mit vertikalen Bewegungen ein Rauschen einblenden. Für Clusterakkorde oder Chord-Sounds allgemein bekommen Sie bei der Blade-Tastatur noch das Chord-Feature zum Triggern verschiedener Akkorde mit nur einem Finger.

Ideen direkt in Nave festhalten

Nicht jeder Musikus möchte zum Anfertigen kleiner Songskizzen (z.B. über Audiobus) mehrere Apps vernetzen, sondern Ideen direkt in Nave festhalten. Dafür gibt es den vierspurigen Audio-Recorder auf der Seite „Tape&Sys“. Nutzen Sie diesen Recorder, um vor allem Sound-Kombinationen mit verschiedenen Presets zu probieren.

Soweit erste Tipps, wie Sie mit Wavetables auf dem Tablet spaßbetont durchstarten. Sie müssen nicht weiter ins Detail gehen, Nave enthält schon in der Version 1.0 etliche Presets, die Sie als Vorlage für eigene Klänge nehmen können. Eins steht fest: Nave gehört aufs iPad synthbegeisterter Musiker und ist bereits jetzt eine sichere Investition in die Zukunft: Da eine Version als Plug-in für PC und Mac angedacht ist, werden Sie ähnlich der NLog Synthesizer von Rolf Wöhrmann die Klänge zwischen Tablet-PC und Studiorechner austauschen können.

Statement

Rolf Wöhrmann

Rolf Wöhrmann, Entwickler der NLog Synthesizer: „Probieren Sie die verschiedenen ‚Drive‘-Möglichkeiten auf der Filter-Seite und geben Sie Ihrem Sound damit etwas ‚analoge‘ Wärme. Stellen Sie die Drive Position zunächst auf ‚pre-filter‘, wählen Sie zum Start ein Low-Pass-24-dB-Filter mit etwas Resonanz und mittlerem Cutoff. Nun können Sie die verschiedenen Drive-Typen ausprobieren, wozu Sie bitte den Amount-Regler aufdrehen. Viel Spaß!“