Workshop iPad für Musiker (19): Korg Gadget

In dieser Workshop-Folge geht es um die Music Workstation Korg Gadget, die 15 Software-Instrumente zum Erstellen ­eigener Werke bereit hält und überraschend einfach zu bedienen ist. Lesen Sie, wie Ihr iPad zum intuitiv bedienbaren Produktionstool wird.

Korg Gadget
Arrangieren per Function: Scenes lassen sich schnell vervielfältigen und einzelne Gadgets kopieren, verändern, löschen oder stumm schalten.

Korg Gadget ist derzeit ein Bestseller unter den iOS-Apps. Mit 15 Instrumenten, einer simplen Bedienung sowie vielen Spielmöglichkeiten zeigt sich das All-in-One-Konzept der japanischen Entwickler sehr vielversprechend.

Nach den beiden erfolgreichen Studio-Apps iMS-20 und iPolysix, die jeweils einen Klassiker auf die iOS-Plattform bringen, sorgt Korg mit der aktuellen App noch mehr für Aufsehen: Korg Gadget ist eine flexible Workstation fürs iPad, die begeistert wie ehemals die Korg M1. Sie müssen aber kein Korg-Insider oder DAW-Experte sein. Wir vermitteln Ihnen ein wenig Basiswissen, und Sie erstellen kurzum ihre eigenen Songs mit Korg Gadget.

Ein Instrument nennt sich Gadget

Direkt nach dem Start eines neuen Songs haben Sie die Auswahl zwischen 15 Instrumenten, unterteilt in Drum Machine und Synthesizer mit einer guten Mischung aus Klangerzeugern auf Sample-Basis und mit Synthese-Features. Selbst wenn Sie keine elektronische Musik lieben, werden Sie fündig: „Phoenix“ ist ein polyfoner AnalogSynth à la Oberheim, „Marseille“ bringt die PCM-Sample-Klassiker von Korg aufs iPad, und mit „London“ haben Sie ein breites Arsenal von über 60 Drumkits.

Freilich gibt es aktuelle Sounds: Die Wobble-Bässe erzeugen Sie mit „Miami“, weitere angesagte Dance-Presets liefert „Brussels“. „Amsterdam“ ist zwar eine Wunderkiste mit tollen Samples, die Sie aber besser vermeiden, falls Sie nicht klingen möchten wie Tausende von anderen Gadget-Usern. Tipp: Presets können Sie verändern und im User-Bereich speichern, um sie ebenfalls bei anderen Songprojekten zu haben. Dennoch lassen sich nicht nur Presets wechseln, sondern auch die Instrumente. Tippen Sie in der Scene-Ansicht links unten auf „Function“ und rufen Sie mit „Change“ ein anderes Gadget auf – die Sequenz bleibt erhalten.

Die Anzahl der möglichen Kanalzüge richtet sich nach dem jeweils verwendeten Tablet-PC. Etwa mit einem iPad 3 lassen sich nur die ersten vier der acht Demos öffnen. Gadget läuft ab iPad 2 oder iPad mini. Bei diesen älteren Geräten werden Sie mit etwa fünf Spuren bereits an die Leistungsgrenze stoßen. Abhilfe schafft „Freezing“, das Sie ebenso bei „Function“ finden. Der Kanalzug wird als Audio-Datei „eingefroren“. Wenn Sie Noten und Klang verändern möchten, nehmen Sie „Unfreeze“.

Gadget „London“
Das Gadget „London“ verfügt über einen eigenen Mischer sowie über einfache Mittel für ein effektiveres Mixing. Noten und Klangparameter sind bei Gadget auf einen Blick zu überschauen.

Die Gadgets individuell anspielen

Gut ist die Devise „Flexibilität beim Einspielen“. Wenn Sie mit den Standardklängen von „Marseille“ arbeiten und vollkommen eigene Phrasen spielen möchten, schließen Sie bitte ein MIDI-Keyboard an. Ist eher Inspiration erwünscht, nutzen Sie die virtuelle Tastatur mit der sinnvollen Option, eine bestimmte Skala voreinzustellen. Mit Pentatonik treffen Sie immer die richtigen Töne für Popmusik, auch wenn Sie über die Glasscheibe des iPads huschen. Die virtuelle Tastatur nutzen Sie ebenso für die Chord-Memory-Funktion (Marseille), und auch zum Spiel mit einem Arpeggiator ist sie nötig.
Bei einem Drum-Gadget wie London oder Tokyo trommeln Sie über die virtuellen Pads ein oder Sie tippen die Noten direkt in die Pianorolle. Dazu muss der „Draw Modus“ aktiv sein. Mit dem „Select Modus“ können Sie einzelne Noten oder Notengruppen auswählen, um die Anschlagstärke oder Tonhöhe (zum Transponieren) zu bearbeiten.

Die Quantisierung ist zwar voreingestellt auf 1/16, aber veränderbar, indem Sie nach Anwahl des Gadgets auf Function tippen und danach „Length“ aufrufen: Grid ist offen für 1/8, 1/8T oder andere Notenwerte. Den Vorzähler zur Aufnahme können Sie ebenfalls abändern, wozu Sie die Einstellungen ihres iPads (nicht innerhalb der App) aufrufen. Ein Trick bei der Eingabe ist es, den Sequencer laufen zu lassen und nach einem misslungenen Take die Undo-Taste zu drücken und erneut einzuspielen.

Arrangieren mit Szenen

Ein Song baut sich bei Gadget durch mehrere Szenen (Scenes) auf, die automatisch der Reihe nach ablaufen. Natürlich gibt es verschiedene Konzepte, wie Sie mit diesen Szenen (vergleichbar mit Patterns) in der Praxis verfahren. Wenn Sie minimalistische Musik machen, entwickeln Sie ihr Songprojekt aus möglichst vielen kurzen Szenen, die aus zwei Takten bestehen. Denken Sie aber eher klassisch an Formteile wie Intro, Strophe oder Chorus, nutzen Sie besser wenige Szenen, die aber jeweils die maximale Länge von acht Takten ausschöpfen.

Neben einem besseren Überblick haben Sie weitere Vorteile. So können Sie beispielsweise einen Filtersweep oder andere Abläufe sehr weitläufig arrangieren oder ein Solo über acht Takte improvi­sieren. Innerhalb dieser achtaktigen Szene kopieren Sie dann Drums, Bass und andere Begleitphrasen taktweise. Kopieren Sie also von Takt zu Takt und variieren Sie die einzelnen Taktabschnitte ein wenig.

Per „Duplicate“, unter Function zu finden, lässt sich eine bereits vorhandene Szene einfach kopieren. Tipp: Duplizieren Sie eine Szene zweimal. Nehmen Sie an beiden Szenen Änderungen vor und suchen Sie danach die bessere Variante aus. Die weniger gelungene Szene löschen Sie (Function, Delete).

Controller-Bewegungen
Ein Mittel gegen langweilige Musik: Zeichnen von Controller-Bewegungen, hier ein rhythmisches Filtermuster per Automation. Die Parameter finden sich unterhalb der Pianorolle.

Leben einhauchen per Automation

Erst mit einer Automation bekommen Sie ihre Musik lebendig. Technisch läuft dies sehr einfach: Sie drücken auf „Record“ und drehen nun an beliebigen Reglern und Knöpfen. Sämtliche Aktionen werden zugleich im Sequencer aufgezeichnet und können später unterhalb der Pianorolle als Controller-Kurven angeschaut und bearbeitet werden. Was Sie alles automatisieren können? Hier ein paar Beispiele: Fade in/out erzeugen Sie per Drehregler „Output Level“ des Gadget. Steuern Sie Effekt- und Klangpara­meter. Schalten Sie spezielle Insert-Effekte während einer Phrase an und ab. Ein spezieller Tipp ist das Erstellen von Synth Grooves per Automation. Nehmen Sie Bewegungen am Filter Cutoff zunächst grob auf und zeichnen Sie danach im Draw-Modus zacken­förmige Muster (Grid = 1/16), die eine Phrase rhythmisch verändern. Ob Filter oder Effekte, eine aus­balancierte Automation wirkt positiv auf den Mix.

Die Mischung optimieren

Gadget bietet einen Mixer, der pro Kanal auf Lautstärke, Panorama sowie auf einen Send-Regler für den globalen Hall-Effekt beschränkt ist. Die fürs Mischen so wichtigen Insert-Effekte finden Sie bei dieser App nicht im Kanalzug, sondern direkt bei den Instrumenten. Im Klartext: Sie formen den Sound mit den einzelnen Gadgets. Vor allem bei „London“ können Sie klanglich noch einiges herauskitzeln. Dieses Gadget integriert einen achtkanaligen Mischer samt Insert-Effekt (IFX). Auf der Edit-Seite können Sie die Samples in der Tonhöhe (Tune) und Abspielzeit (Time) verändern. So passen Sie die Drums etwas besser der Tonart und dem Groove an. Noch effektiver sind die Parameter „Punch“ und „Low Boost“ auf der IFX-Seite. Damit geben Sie einzelnen wichtigen Sounds wie Kick oder Snare noch mehr an Durchsetzungskraft.

Das Drumkit fetten Sie etwa per Insert-Effekt „Gate Reverb“ an, während Sie für andere Gadgets den Reverb des Send-Effekts nehmen. Stellen Sie mit dem Drehregler „Reverb Time“ die für ihr Musikstück passende Hallfahne ein. Für ein druckvolleres Gesamtbild sollten Sie nicht zuletzt den Limiter probieren, den Sie ebenfalls im Summenkanal finden. Laden Sie das Demo „Shape Down“, tippen auf „Limiter“ und verändern mit dem dazugehörigen Drehregler den Wirkungsgrad des Limiters – der Mix gewinnt an Druck. Lassen Sie den Limiter deaktiviert, falls Sie ihr Werk als Audio-Datei exportieren und später mit einer anderen App mastern wollen.

Gute Perspektiven

Sind Sie mit dem Projekt soweit zufrieden, sollten Sie es hochladen. Dazu gehen Sie auf Export und wählen „GadgetCloud“, sofern Sie bereits bei der Online-Plattform SoundCloud registriert sind. Das Projekt wird als gerenderte Audio-Datei auf SoundCloud geschaufelt und sehr bald schon von neugierigen Usern gehört und vielleicht kommentiert.

Interview mit dem japanischen Entwicklerteam von Korg Gadget

Interview mit dem japanischen Entwicklerteam von Korg Gadget
Team Japan, von links nach rechts: Hironori Fukuda (Manager), Kei Nakajima (Entwickler), Daichi Sakaue (Entwickler), Yuki Ohta (Sound Designer).
Kazuhiro Inoue
Team USA: Kazuhiro Inoue, Produktführer von Korg Gadget

Die Antworten gab Manager Hironori Fukuda.

Wodurch unterscheidet sich Gadget von anderen Studio-Apps?

Korg Gadget ist absolut für den mobilen Einsatz mit dem iPad konzipiert, während sich viele andere iDAWs an den bekannten DAWs für PC/Mac orientieren. Die meisten aktuelle Workstations sind zwar sehr leistungsstark, aber für Einsteiger oder ungeduldige Prouzenten leider komplex zu bedienen. Mit Gadget wollten wir daher vielmehr ein intuitiv bedienbares Musikinstrument erschaffen, was Korg mit Hardware-Synthesizern während der letzten 50 Jahre schon immer tat. Für uns klang es sinnvoller, die Synthesizer nicht als Plug-ins oder Software-Instrumente, sondern als Gadgets zu bezeichnen. Startet mit einem neuen Song, bietet Gadget zugleich eines von 15 Gadgets und keine leere Box an.

Wie sollte der erste Kontakt mit Gadget aussehen?

Wir empfehlen das Hören und Analysieren der wirklich guten acht Demo-Projekte, von denen man eine Menge lernen kann über das Sequencing und Design von Musik mit Korg Gadget. Als User sollte man auch die GadgetCloud verfolgen, eine User-Community zum Teilen von Projekten mit anderen Gadget-Usern weltweit. In der Cloud wird man so einige Talente finden. Bereits in einer Woche nach dem Launch unserer App sind rund 1.200 Tracks hochgeladen worden. Als Entwickler ist es aufregend zu erfahren, dass die intuitive, spaßbetonte Benutzeroberfläche von Gadgte die User musikalisch sehr inspirieren kann. Der beste Ausgangspunkt ist London, eine vielseitige Drum Machine. Man braucht nur ein paar Noten in der Pianorolle einzugeben und das Projekt startet bereits mit einem guten Beat.

Welche Instrumente gefallen Euch selbst am besten?

Nun, wir mögen natürlich das Gadget Tokyo, weil das Entwicklerteam weitgehend aus Japanern besteht. Wir selber lieben auch die eher futuristischen Gadget wie Miami, Brussels und Helsinki. Solche Instrumente würden sich als Hardware nur schwierig realisieren lassen - ist natürlich ein Scherz. Wir hoffen, dass es sie bald in Hardware-Form geben wird. Und wir sind ebenso gespannt, welche Gadget die User schätzen. Eventuell wird es ein Voting geben.

Der Landscape-Modus ist beliebt. Wieso bietet Gadget nur den Portrait-Modus?

Der Portrait-Modus (Darstellung hochkant) war einer unserer Kernpunkte beim Design. Wir dachten, es sei besser, den Sound  und die Sequence gleichzeitig bearbeiten zu können, ohne die Bildschirm-Ansichten wechseln zu müssen. Deshalb nahmen wir den Portrait-Modus und teilten den Screen in obere und untere Hälfte auf. Dies ist übrigens als Hommage an Nintendo DS und 3DS zu verstehen. Unser Team entwickelte den Korg DS10 und, was man wahrscheinlich weiß, auch den Korg M01D, welcher letztes Jahr weltweit veröffentlicht wurde. Unsere Arbeit an beiden Plattformen, iOS und Nintendo DS, eröffnet uns interessante Perspektiven bezüglich des Designs und inspiriert uns auf besondere Art. Wir dachten darüber nach, wie die meisten Leute ihr iOS-Gerät in der Hand halten bei den täglichen Dingen wie Mailen oder Surfen. Unserer Meinung nach sind viele User bereits vertraut mit dem Portrait-Modus. Also entschieden wir uns für ihn mit der Idee, dass man neue Erfahrungen machen kann beim mobilen Musizieren. Natürlich wissen wir, dass etliche Musiker mit anderen Apps arbeiten und auch bei Korg Gadget auf den Landscape-Modus hoffen – man denke auch ans Zubehör wie Cases, Stative oder Interfaces. Nach einigen internen Diskussionen werden sicherlich auch künftig die Unterstützung des Landcape-Modus als zweite Option abwägen.

Momentan werden IAA und Audiobus nicht unterstützt. Welche Aktualisierungen wird es ansonsten geben?

Zur Zeit planen wir die Unterstützung von Inter-App Audio und Audiobus in künftigen Updates. Man sollte jedoch bedenken, dass Gadget als All-in-One Studio entwickelt worden ist. Daher waren IAA und Audiobus für uns kaum relevant. Außerdem wollten wir grundsätzlich das Handling einer DAW vereinfachen. Auf unserer to-do-Liste stehen zum Beispiel noch MIDI-Verbesserungen, Audio-Track Feature, UI/UX Design DSP Optimierung und weitere Gadgets. Jeder User kann sich übrigens  an das Korg Help Center wenden, auch wenn wir nicht alle Fragen beantworten oder Ideen berücksichtigen können.

Letzte Frage: Wie schafft man es in die Topcharts der GadgetCloud?

Oh, das ist schwierig zu beantworten. Offenbar ist es gut, sich mit möglichst vielen anderen Usern zu verbinden. Es gibt viel von anderen Gadget-Usern zu lernen, wie man die App verwenden kann. Zudem ist es eine gute Idee, die eigenen Stücke in den sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter zu verbreiten. So wird man mehr Zugriffe und Likes bekommen. Nicht zu verachten ist auch ein ansprechendes Artwork. Ach, wir würden selber gern Nummer Eins in der GadgetCloud werden und uns entsprechende Tipps wünschen. Wir bedanken uns herzlich bei allen Gadget-Usern, die uns zur Nummer 1 Position im App Store (Bestverkaufteste App in der Kategorie Musik - Deutschland, USA, UK, Japan, Frankreich und Italien) verholfen haben.