Workshop iPad für Musiker (2): Matrix-Sequencer

In dieser Workshop-Folge geht es um alternative Sequencer fürs iPad und Konsorten, die sich spielerisch einfach bedienen lassen und fernab von faden Playbacks aus der Konserve für viel Spiel- und Experimentierfreude sorgen.

Aurora Sound Studio HD
Das visuelle Punkte-Spektakel der Matrix von Aurora Sound Studio HD lässt sich z.B. auch auf eine Leinwand projizieren.

Wegweisend unter den Sequencern ist seit rund drei Jahren das Tenori On von Yamaha – eine schicke handliche Box mit einem besonderen Konzept: Die Töne werden nicht über eine Tastatur eingegeben, sondern über eine Matrix aus 16 x 16 LED-Tasten, die gleichzeitig auch als Bildschirm dient. Diese Matrix leuchtet entsprechend der Sequencer-Muster auf und macht die Grooves somit sehr anschaulich. Bild und Musik scheinen perfekt zu harmonieren. Es ist wohl kaum ein Zufall, dass findige iPhone-Entwickler ausgerechnet dieses innovative Spielkonzept des Yamaha Tenori On aufgreifen und variieren. Neben Collect3 „Beatwave“ und „Aurora Sound Studio HD“ von 4Pockets leiten auch die kostenfreie App „TonePad“ oder „iTonal HD“ von Flaming Mitten Studios das Matrix-Sequencer-Konzept des Tenori On ab.

Ein quadratisches Feld zur intuitiven Noten-Eingabe

Musizieren kann praktisch jeder: Man muss nur die virtuellen Tasten eines matrixförmigen Spielfelds aus 16 x 16 Punkten drücken und sich von den Ergebnissen überraschen lassen. Die Zeitachse liegt horizontal, Tonhöhe und Drumsounds sind vertikal angeordnet. Es macht Sinn, zunächst blindlings auf den Touchscreen des iPad zu drücken. Auf diese Weise kann man sich ganz anders inspirieren lassen als beim herkömmlichen Keyboardspiel. Die zufällig gedrückten Muster klingen fast immer ansprechend, weil Sie sich – wie bei den Apps „ThumbJam“ und „MorphWiz“ – innerhalb vorgegebener Skalen bewegen. Wenn Schlagzeug-Grooves erstellt werden, muss man allerdings genaue Positionen ein­halten, um beispielsweise die Snare genau auf der zweiten und vierten Zählzeit zu platzieren. Das gelingt dank der Einteilung in 16 Schritte bei Stücken im 4/4-Takt immer – die Hauptzählzeiten liegen bei Schritt 1, 5, 9 und 13. Wie das in der Praxis ausschaut, zeigen Ihnen ein paar Youtube-Videos, die Sie auf der tastenwelt-Homepage sehen.

Mehr als nur eine Spielerei

Vermutlich denken Sie beim Tenori-On und den verwandten Apps für iPad an eine Spielerei mit elek­tro­nischen Klängen und Lichteffekten, die Sie nie und nimmer bei einem Live-Gig einsetzen würden. Weit gefehlt, denn mit den Apps Beatwave Pro und Aurora Sound Studio HD sollten Sie ruhig einmal live arbeiten. Vor allem bei Lounge-, Dinner- und anderer Hintergrundmusik finden Sie eine passende Live-Situation: Erstellen Sie Drumbeats und Bass­linien am iPad, während Sie dazu mit Keyboard oder Gitarre improvisieren. Idealerweise projizieren Sie das rhythmische Lichtspektakel der App auf eine Leinwand. So unterhalten Sie das Publikum musikalisch und zugleich visuell. Dazu können Sie das iPad mit dem optionalen Adapter von Apple iPad Dock Connector auf VGA (rund 30 Euro) an einem Projektor (Auflösung: 1024 x 768 Punkte) anschließen. Allerdings sehen Sie nicht immer das auf der Leinwand, was Sie auf dem Bildschirm des iPad sehen. Ausgegeben werden Diashows oder You­tube-Videos, bei den meisten Anwendungen bleibt das Bild auf der Leinwand jedoch schwarz – so hat es Apple leider vorgesehen. Die Video-Ausgabe muss für jede App separat progammiert sein, was zumindest bei Aurora Sound Studio HD glücklicherweise zutrifft.

Beatwave
Alle Bereiche auf einen Blick: Pattern, Sounds oder Tempo – Beatwave ist leicht zu durchschauen.

Rhythmische Loops einfach und intuitiv basteln

Für den ersten Kontakt mit einem Matrix-Sequencer sollten Sie die Gratis-Version von Beatwave herunterladen, die David Fumberger von collect3 herausgebracht hat. Bei Gefallen können Sie bedenkenlos zur Version Beatwave Pro (5,99 Euro) wechseln, mit der Sie in den Genuss von weiteren Sounds und Funktionen kommen und Ihre Kreationen aufnehmen sowie als Audio-File (WAV, MP4) und als Klingelton (M4R) exportieren können.

Sie gleiten bei laufender App mit Ihrem Finger über das Spielfeld, kurz „Tone Grid“ („Notengitter“) genannt, oder drücken einzelne Noten. Wenn das erzeugte Muster bereits gefällt, können Sie es als neues Pattern anlegen und es später jederzeit abrufen und mit der Funktion „Grid Morpher“ automatisch zufällig variieren lassen. „Beatwave Pro“ erlaubt die Wiedergabe von bis zu vier Pattern beziehungsweise Instrumenten gleichzeitig. Dies reicht für Play­backs aus Schlagzeug und Bass allemal, bei dem sich die vier Sounds mischen und mit einem Hall anreichern lassen.

Unter den kommerziell angebotenen Sounds tummeln sich mehr als ein Dutzend Drumkits (elektronisch und akustisch) wie auch Synths und Bässe. Wem das nicht genügt: Mit dem Instrument Editor können Sie Drumsounds und andere kurze Einzelsamples übertragen. Dazu starten Sie Ihren Webbrowser, geben 10.0.1.3 in die Adresszeile ein und gelangen zum Editor, bei dem Sie kurze Samples und Drumsamples (WAV) von Ihrer Festplatte auswählen und anschließend zum iPad über Wi-Fi übertragen. In der Sounds-Liste von „Beatwave“ ist das neue eigene Instrument automa­tisch eingefügt. Alles in allem werden Sie sich mit dieser App schnell wohl fühlen, denn Konzept und Benutzer-Oberfläche sind ganz ohne Handbuch-Lektüre zu verstehen.

Beatwave Editor
Neue eigene Samples lassen sich über einen Browser zusammenstellen und zu Beatwave übertragen.

Mehrere Komponenten mit Studio-Anspruch

Wenn Sie mehr Komfort haben und auch ins Detail gehen möchten, nehmen Sie Aurora Sound Studio HD von 4Pockets in der iPad-Version (31,99 Euro). Hier gibt es nicht nur 14 Spuren pro Pattern, programmierbare Instrumente (Drums, Synthesizer, Sampler), ein Mischpult mit drei Effektwegen oder sogar über das Mikrofon aufzunehmende Samples, sondern auch visuelle Effekte, die Sie selber einfach beeinflussen und per VGA-Adapter an einem Beamer schicken können. In der aktuellen Version 1.3 dürfen Sie aber keine sensationellen Visuals erwarten. Leider arbeitet die App auf dem iPad nicht immer so flüssig. Nach einigen Updates wird das System hoffentlich stabiler sein.

Die vielen komplexen Funktionen von Aurora Sound Studio HD wollen erst einmal verstanden sein. Intuitiv lässt sich diese App zu Beginn nicht handhaben, aber die zeitliche und finanzielle Investition lohnt sich auf längere Sicht. Beginnen Sie im Basic Mode, der aufgrund verborgener Funktionen etwas übersichtlicher erscheint. In den Programm-Settings können Sie „TV out“ zur Video-Ausgabe aktivieren und eine farbliche Darstellung („Colour­ed Light“) wählen. Ein paar Feinheiten zur Gestaltung des Sequencer-Lauflichts lassen sich bei „Visual Effect“ einstellen – wie gesagt: Es ist eher einfach gehalten und sollte unbedingt weiter entwickelt werden.

Mut und Abenteuerlust sind gefragt, denn letztlich ist der eigene Weg das Ziel: Wenn Sie schon immer nicht-alltägliche Dinge live präsentieren wollten, bewegen Sie sich mit den Tenori-On-Apps und einem Beamer auf einem spannenden Kurs. Beatwave Pro ist erstaunlich simpel zu handhaben, verwehrt aber die Video-Ausgabe. Wer es ausführ­licher haben und sich in ein komplexeres System einarbeiten möchte, findet mit Aurora Sound Studio HD ein mächtiges Werkzeug. Natürlich ersetzen beide Anwendungen nicht hunderprozentig das Original von Yamaha, kosten aber wenig und machen das iPad zu einem sehens- und hörenswerten Live-Sequencer für besondere Anlässe.

Das Vorbild: Yamaha Tenori On

Yamaha Tenori On

Das Yamaha Tenori-On begeistert seit 2007 durch ein erfrischend intuitives Spielkonzept, mit dem selbst Laien zu originellen elektronischen Musikstücken kommen. Entwickelt hat es der Medienkünstler Toshio Iwai in Zusammenarbeit mit Yamaha.

Alle Eingaben auf dem matrixförmigen Spielfeld lassen sich unterschiedlich gestalten und interpretieren. Zu den sechs Performance- und Sound/Licht-Betriebsarten gehört das Spiel im Zufalls-, Push-, und Zeichenmodus. Insgesamt 15 Spuren dienen zur Aufnahme und Wiedergabe, Spur 16 ist reserviert für spontan gespielte Soloparts. Die 16 Spuren bilden einen Block, 16 Blöcke lassen sich erstellen und während eines Stücks flüssig umschalten.

Die Klänge erzeugt ein 32-stimmiger Sample-ROM-Synthesizer (AWM2), bei dem auch eigene Sounds (allerdings nur drei Voices mit je 16 Samples mit maximal 0,97 Sekunden) per User-Voice-Manager Software eingelesen werden können. Zur Abrundung des Klangbilds helfen zwei Effekte (10 Hall-Typen und 5 Chorus-Typen). Mit dem Tenori-On lassen sich nicht nur die internen Sounds anspielen, sondern auch externe MIDI-Klangerzeuger steuern.

Aktuell bietet Yamaha zwei Modelle: Das jüngere und günstigere Modell TNR-O für ca. 650 Euro besticht durch orange-leuchtende LEDs an der Vorderseite, verzichtet aber gegenüber dem großen Bruder Tenori On TNR-W (ca. 1000 Euro) auf das Magnesium-Aluminium-Gehäuse, auf einen optionalen Batterie-Betrieb und auf LEDs an der Rückseite des Instruments.