Workshop iPad für Musiker (30): Fugue Machine

In diesem Workshop tauchen Sie spielerisch in die Welt der polyfonen Musik ein: Am Beispiel der App Fugue Machine zeigen wir Ihnen, wie einfach hier das Sequencing in der Praxis funktioniert.

Fugue Machine Preset
Vier einfache Noten ergeben in Fugue Machine nach Hinzufügen und Bearbeiten der Playheads automatisch ein wunderbares polyfones Musikwerk – so beim Preset Dotted 2.

Sie haben gerade Lust auf Komponieren? Normalerweise probieren Sie auf der Tastatur ein paar Akkorde, lassen sich durch einen neuen Klang inspirieren, haben vielleicht schon einen originellen Text im Kopf und denken sich eine Melodie aus. So entstehen praktisch die allermeisten Songs aus den Sparten der Popmusik.

Gute Musik kann sich aber auch ganz anders entwickeln: Der Ausgangspunkt sind Melodien und andere einstimmige Linien, die im Verlauf des Musikstücks transponiert, zeitlich verschoben oder auch rhythmisch beziehungsweise in der Geschwindigkeit variiert werden. Es erklingen zwei oder mehrere Stimmen, die gleichzeitig wiedergegeben werden, was Sie sich vielleicht noch besser als ein Schichten von melodisch verwandten Phrasen vorstellen können. Der Kenner wird es bereits vermuten: Kanons und Fugen von Johann Sebastian Bach beruhen auf solchen Kompositionstechniken. Auch in der seriellen Musik, die Mitte des letzten Jahrhunderts als Weiterentwicklung von Arnold Schönbergs Zwölftontechnik aufkam, sind ähnliche kompositorische Techniken zu beobachten.

Ein Sequencing-Konzept für solch polyfone Musik aus einzelnen Stimmen liefert die iOS-App „Fugue Machine“ (9,99 Euro) von Alexander Randon. Diese App ist ein richtiges Unikat, das Sie unbedingt kennen sollten. Allerdings ist der Slogan „Bach in a Box“ etwas übertriebenes Marketing. Er erinnert zwar spontan an „Band-in-a-Box“, hat aber weder mit den großen Werken von Johann Sebastian Bach, dem berühmtesten Vertreter des Spätbarocks, noch etwas mit einer Begleitautomatik à la Keyboard oder Band-in-a-Box zu tun. Der Fokus liegt bei Fugue Machine eindeutig auf Sequencing und MIDI-Implementation, während sich die App klanglich mit einem simplem Wavetable-Synthesizer inklusive Reverb zufrieden gibt.

Herausragendes Merkmal ist die ausgeklügelte Pianorolle. Als „Multi-Playhead“-Pianorolle kann sie bis zu vier separate Spuren („Playheads“) gleichzeitig abspielen, die jeweils unterschiedliche Tempi, Abspielrichtungen und Tonhöhen haben können. Anders als beim klassischen Songwriting entstehen hier Akkorde und Harmonien meist zufällig durch das Schichten von bis zu vier einstimmigen melodischen Figuren. Denken Sie also eher mathematisch in mehreren einzelnen Tonfolgen und nicht in Harmonien für eine Melodie, die am Ende begleitet werden soll.

Der Start ist einfach

Gehen Sie unbeschwert an den Start. Was theoretisch zunächst kompliziert anmutet, kann in der Praxis anhand von Fugue Machine schnell durch spielerisches Tun umgesetzt werden. Starten Sie die App, tippen Sie oben rechts auf dem Bildschirm und kommen zu den Patterns. Wählen Sie ein „Init“-Pattern für die ersten Versuche. Belassen Sie das Tempo auf 120 bpm, den Grundton auf C sowie die Skala auf „Aeolian (Minor)“, bei einer Loop-Länge von einem Takt. Tipp: Reduzieren Sie die „Loop Brace“ (Schleifen-Klammer), die Sie oben auf dem Touchscreen finden, auf die ersten vier Schritte. In der Pianorolle haben Sie also links nur ein kleines Feld aktiv zur Noten-Wiedergabe. Tippen Sie jetzt bis zu vier beliebige Noten ein, z. B. einen gebrochenen Dreiklang oder ein anderes einfaches Motiv.

Wie Sie wohl gleich bemerkt haben: Noten können nicht per MIDI-Keyboard, sondern müssen in der Pianorolle manuell über den Touchscreen eingegeben werden. Machen Sie sich mit der Eingabe und Bearbeitung der MIDI-Noten vertraut: Mit zwei Fingern gleichzeitig verändern Sie die Tonhöhe, mit vier Fingern lässt sich die Notenlänge wie auch die Anschlagstärke verändern. Zum schnellen Kopieren von Noten halten Sie die Fläche oben links getippt und ziehen einfach die Noten an die gewünschten Stellen.

Die ersten vier Noten sind in der Pianorolle eingegeben. Nun starten Sie den zweiten Playhead (rötliche Farbe), der das von Ihnen vorgegebene Motiv variiert abspielt. Die Art der Variation können Sie genauer bestimmen. Tippen Sie auf das Symbol mit den beiden Achtelnoten, gelangen Sie zu den Abspiel-Parametern: Style (hier: Richtung der abgespielten Noten), Tempo (im Notenverhältnis veränderbar), Startpunkt (Schritte der Pianorolle), Invert, Oktavlage, Tonhöhe und Velocity. Probieren Sie solange mit den Werten, bis Sie zu einem ansprechenden Ergebnis kommen. Den Playhead 3 (orange) und Playhead 4 (grün) sollten Sie ebenfalls starten und mit den Parameter-Einstellungen ausgiebig experimentieren. Generell ist es sinnvoll, mit einem kurzen Arpeggio oder einer möglichst einfachen Melodie zu starten und sich intensiv mit den Playhead-Parametern zu beschäftigen. Lassen Sie sich immer wieder durch die Kombination der vier unterschiedlichen Playheads überraschen und vielleicht sogar motivieren. Alle vier Playheads zur gleichen Zeit starten und stoppen können Sie übrigens mit den Laufwerkstasten, die ganz links und rechts platziert sind.

Nutzen Sie Presets zur Ideensuche

Wenn Ihnen bei den ersten Gehversuchen mit der Pianorolle und den vier Playheads allmählich die Ideen ausgehen, nehmen Sie kompetente Hilfe in Anspruch. Der App-Entwickler Alexander Randon hat natürlich selbst einige Presets erstellt. Das sind einige seiner Favoriten, die Sie sich einmal näher anschauen sollten: „Dotted 2“ veranschaulicht sehr schön, was sich mit einem simplen Muster aus nur vier Noten kompositorisch hervorzaubern lässt. Vielleicht haben Sie bei Ihren ersten eigenen Versuchen mit Fugue Machine bereits ähnliche Muster hinbekommen? Wie eine Melodie durch eine Sequenz in verschiedenen Richtungen entsteht, zeigt wiederum das Preset „Hidden Melody“. Das nächste Beispiel „Recursive Chords“ legt offen, wie sich Akkordstrukturen durch das Transponieren und das gleichzeitige Verlangsamen einer Melodie erzeugen lassen.

Bei diesen und weiteren Presets sollten Sie einmal den Grundton, die Skala und das Tempo verändern. Zur neuen Inspiration kommen Sie auch über die klangliche Ebene. Früher oder später werden Sie sich bestimmt an dem etwas monotonen Sound, den Fugue Machine bietet, satt gehört haben und wollen endlich mehrere Klangfarben ins Spiel bringen. Idealerweise möchten Sie jede Spur bzw. jeden „Playhead“ mit einem separaten Klang instrumentieren. Dies geht bei Fugue Machine derzeit leider nicht, Sie können sich aber behelfen: Senden Sie die MIDI-Noten an ihre DAW (Cubase, Logic etc.). In den Einstellungen der App finden Sie „MIDI Output Settings“. Weisen Sie hier beispielsweise ein MIDI-Interface wie „iRig MIDI 2“ zu. Aktivieren Sie „Send MIDI Clock“ zur Tempo-Synchronisation von Fugue Machine mit der DAW, die im „Slave-Mode“ auf eingehende Clock-Befehle wartet. Umgekehrt geht es auch, wenn die App auf eingehende MIDI-Clock-Befehle reagiert. Nehmen Sie jetzt die bis zu vier Playheads Ihres Pattern jeweils auf einzelnen Spuren im Sequencer Ihrer DAW auf. Fertig, nun haben Sie vier unabhängige Sequencer-Spuren, die Sie mit beliebigen Klängen interner Plug-ins oder externe MIDI-Instrumenten wiedergeben können.

Fugue Machine MIDI
Die in Fugue Machine erzeugten MIDI-Noten lassen sich per MIDI-Interface an eine DAW oder Klangerzeuger senden – so öffnen sich klanglich neue Türen.

Musikalisches Vokabular erweitern

Mit der App schreiben Sie nicht die „Kunst der Fuge“ neu, bekommen aber einen einfachen Einstieg in die Welt der polyfonen Musik. Alles in allem finden Sie mit Fugue Machine ein kleines Juwel im App Store. Ohne Stilkenntnisse oder gar ein Kompositionsstudium lassen sich Werke schaffen, die Sie mit der üblichen Pianorolle Ihrer DAW gar nicht oder nur mit immensem Aufwand hinbekämen. Wenn Sie gern mit Melodien arbeiten, anspruchsvolle polyfone Musik mögen oder sich neue Sequen­cing-Konzepte wünschen, werden Sie an dieser App viel Freude haben. Der Kalifornier Alexander Randon hat übrigens noch weitere Musik-Apps entwickelt. Probieren sollten Sie vor allem einmal den „Arpeggionome Pro“, der beim Komponieren ebenso inspiriert. Mit beiden Apps hat Alexander Randon mehrere Songs produziert, die Sie sich auf Soundcloud (https://soundcloud.com/alexandernaut/sets/songs-for-fugue) anhören können.

Wie quasi alle guten Apps wird auch Fugue Machine durch weitere Features noch leistungsfähiger werden. Auf dem Plan fürs nächste große Update stehen bereits vier Playheads, die sich unterschiedlichen MIDI-Kanälen zuweisen lassen. Mit diesen einzelnen Spuren werden Sie endlich direkt verschiedene Klänge beim polyfonen Komponieren nutzen können, was den Spaßfaktor bei dieser smarten App nochmals deutlich erhöht.

Statement: Alexander Randon, App-Entwickler

„Mit meiner App möchte ich keinesfalls J.S. Bach imitieren. Vielmehr geht es um das Experimentieren mit Kompositionstechniken, die schon Bach und andere Komponisten verwendeten. Es ist ein Tool, das durch polyfone Musikstücke inspiriert ist, aber nicht automatisch eine Fuge komponiert. Echte Fugen sind kontrapunktisch und beruhen wie auch der einfachere Kanon auf einem Kompositionsstil, der sich durch mehrere Melodien kennzeichnet, die gleichzeitig gespielt werden. Kontrapunktische Musik, bei der mindestens zwei eigenständige Melodien simultan erklingen, hat mich schon für eine lange Zeit fasziniert. Die Harmonien und rhythmischen Muster, die durch das simultane Spiel zweier Melodien entstehen, können unglaublich schön und komplex sein. Für mich selbst ist zudem die Mathematik dahinter spannend, wenn etwa eine Melodie mehrfach abgespielt wird, aber in verschiedenen Tempi, Richtungen oder Transpositionen. Genau dieser Ansatz inspirierte mich zu Fugue Machine.“