Workshop iPad für Musiker (5): Apps für Sänger

In dieser Workshop-Folge stellen wir Ihnen einige Apps speziell für Sänger vor – vom Effekt-Tool zum Aufpeppen der Stimme bis hin zum Looper, mit dem sich eine A-Capella-Gruppe simulieren lässt.

iVoxel
Vocoder mit guter Soundqualität fürs iPad: Er heißt iVoxel und stammt von
Entwickler Harry Gohs.

Die Singstimme ist bei der Live-Musik das A und O. Gut also, dass sich immer mehr Apps fürs iPad finden, mit der Sie Ihrer Stimme noch mehr Kraft, Farbe oder Ausdruck verleihen oder mit ihr sogar einfach, aber wirkungsvoll experimentieren können. Das iPad bietet sich im Live-Einsatz an für Hall, Delay, Tonhöhenkorrektur und andere Effekte, die Ihre Singstimme aufwerten. Wenn Sie kein digitales Mischpult oder Effekt-Rack haben, aber verschiedene Effekt-Einstellungen für ganz unterschiedliche Songs auf Abruf benötigen, ist das Tablet ein praktisches Ding: Ein Mikrofon ans iPad anschließen und den Gesang modellieren geht mit der App „VocaLive“ (15,99 Euro), die Sie in Kombination mit einem Mikrofon wie dem „iRig Mic“ von IK Multimedia verwenden können.

Singstimme direkt aufpeppen

Nach dem Kauf sollten Sie zunächst die App „VocaLive“ registrieren, was direkt am iPad (ein Computer mit iTunes ist nicht nötig) mit Internet-Zugang erledigt werden kann. Nun bekommen Sie den Effekt „Double“ zur Stimmendopplung gratis und können auf das Online-Manual zugreifen. Der nächs­te Schritt: Beim angeschlossenen „iRig Mic“ bringen Sie den Empfindlichkeitsschalter auf Maximum (für Schallquellen mit hoher Lautstärke) und rufen bei der App die Setup-Einstellungen auf. Hier sorgen Sie für eine gute Aussteuerung des Ein-/Ausgangs durch lautes Singen ins Mikrofon, ohne dass ein verzerrtes Signal zu hören ist. Aktivieren Sie „Noise Filter“ für ein geringeres Grundrauschen und noch „Background Audio“.

Probieren Sie nun die App in aller Ruhe mit einem Kopfhörer, dessen Miniklinike Sie am iRig Mic anschließen. Anhand der übersichtlich in Kategorien wie Lead, Harmony oder Extreme unterteilten Presets erkennen Sie bereits schnell die klanglichen Möglichkeiten von VocaLive: Neben Einstellungen für Solo-Gesang und Chor-Imitation können auch manche abgedrehten Effekte begeistern – nur Mut.

Nutzen Sie unbedingt die vier Speicherplätze (Favorites) zum schnellen Wechseln zwischen häufig benutzten Presets während des Live-Gigs. So könnte eine sinnvolle Aufteilung aussehen: Favorite A belegen Sie mit einem längeren „Standard“-Hall, einen Mix aus Hall und Echo nehmen Sie für Favorite B, und ein Preset mit kurzem Nachhall speichern Sie unter Favorite C. Den vierten Speicherplatz halten Sie sich unbedingt für die Moderation beziehungsweise für eine trockene klare Sprechstimme frei. Belegen Sie Favorite D also nur mit einem Kompressor und EQ, verzichten Sie auf Hall oder Delay. Wenn Sie es ganz ausführlich angehen möch­ten, könnten Sie für jeden einzelnen Song ihres Repertoires ein separates Preset abspeichern. Dazu bilden Sie eigene neue Kategorien, die beispielsweise „Pop“, „Oldies“ oder „Set 1“ „Set 2“ und so weiter benannt werden. Darin legen Sie entsprechend ihre Song-Presets ab.

Ein Preset besteht bei VocaLive aus einer Kette von bis zu drei einzelnen Effekten (Kompressor, EQ, Filter, Hall, Delay, Phaser, etc.), die Sie ruhig selber aussuchen, bearbeiten und beliebig speichern können – so schwierig ist es nicht. Mehr noch: Mit VocaLive können Audio-Playbacks abgespielt werden, die App bietet auch einen Recorder zur Aufnahme Ihrer Stimme, die Vierspur-Version ist dabei kostenpflichtig (3,99 Euro). Dies ist aber nur als ein nettes Extra zu werten, da sich noch bessere Anwendungen (wie etwa „GarageBand“ von Apple – mehr dazu in einer kommenden Folge) zur Mehrspuraufnahme finden.

Wenn auch die Soundqualität, vor allem beim Hall, nicht völlig begeistert, ist VocaLive jedenfalls eine App mit Zukunft. Bei einem Update sollte noch eine Option zur Darstellung von PDFs hinzukommen, denn kaum ein Sänger merkt sich alle Liedtexte. Da Sie aber VocaLive gleichzeitig mit einer anderen App nutzen können, gibt es den passenden simplen Technik-Tipp (Kasten „Multitasking“).

VocaLive
Das Dopppeln von Sing­stimmen ist live mit der App VocaLive möglich.

Aufnehmen, improvisieren, verfremden

Eine originelle Arbeitsweise nach Vorbild eines Hardware-Loopers ermöglicht TC-Helicon mit der App „VoiceJam“ (3,99 Euro). Hier können Sie nach und nach einzelne vokale Phrasen wie Basslinien, rhythmische Elemente, Backing-Chöre und Solostimmen einsingen. Talent vorausgesetzt, entstehen Vokalstücke, die sogar aus mehreren Formteilen bestehen können. Zur Tonhöhenkorrektur kann „VoiceTone C1“ (ca. 7,99 Euro) als In-App integriert werden. Für Solo-Performer, die ganz alleine A-Cappella-Musik wie von den Wise Guys spontan live aufführen oder zu Hause arrangieren möchten, ist der Audio-Looper jeden Cent und damit zumindest einen Versuch wert.

Auch der Vocoder, dem Sie singende Maschinenklänge à la Kraftwerk entlocken können, ist längst schon auf dem iPad angekommen: Die App „iVoxel“ (9,99 Euro) von Harry Gohs orientiert sich am klassischen Sennheiser Vocoder VSM201 mit ins gesamt 20 Spektralkanälen, der für seinen warmen analogen Sound geschätzt wird.

Im Live-Modus des iVoxel können Sie in das angeschlossene Mikrofon singen, dabei Akkorde auf dem Touchscreen oder am MIDI-Keyboard (Core­MIDI kompatibel) drücken und sich von den elektronischen Sounds überraschen lassen. Anstelle eines Gain-Regels steuert iVoxel automatisch aus. Starten Sie einfach mit dem Project „Live Singing“ und erstellen selber für den Live-Gig Ihre eigenen Presets. Hier heißt es „learning by doing“, denn eine umfassende deutschsprachige Anleitung gibt es nicht. Die Mühe lohnt sich aber angesichts der guten Soundqualität dieser App. Mit iVoxel können außerdem originelle Vocoder-Phrasen mit dem internen Sequencer konstruiert werden; nicht nur Livemusiker finden also daran Gefallen.

Ob einfache Stimmübung oder kreative Live-Performance: Mit einem Tablet-PC bestreiten Sie auch als semi-professioneller Sänger neue Wege. Zwar sind die Apps noch kein absolutes Muss für den Kauf eines iPads, wenn Sie aber eins haben, sollten Sie unbedingt einmal selber die technischen Möglichkeiten probieren. Viel Spaß beim Singen!

Stimmbildung

Stimmgabel-App
„Stimmgabel“ von TiAu Engineering

Der beste Weg zur Optimierung der eigenen Sprech- und Singstimme ist wohl das praktische Training. Allerdings hat nicht jeder Musiker einen Vocal-Coach oder die Lust und Zeit fürs regelmäßige Üben zu Hause. Zum Glück gibt es Apps, die zumindest zum Üben etwas ermuntern. Eine dieser Apps nennt sich „Vocal Exercises“ (2,99 Euro). Sie unterstützt bei Aufwärmübungen: Sie hören ein Klaviervorspiel mit typischen Vokalphrasen durch alle Tempi und Tonarten, die Sie nach- oder mitsingen. Moderne Chorleiter holen nicht die metallene Stimmgabel, sondern ein iPhone aus der Hosentasche. Mit einer App können Sie sich den Kammerton akustisch vorgeben lassen – so etwa mit der Stimmgabel von Schott Musik, die es kostenfrei gibt. Wenn Sie noch ein paar Extras wie unterschiedliche Stimmungen haben möchten, gibt es die App „Stimmgabel“ (0,79 Euro) von TiAu Engineering. Diese erlaubt frei einstellbare Frequenzen und erzeugt durch sanftes Anschlagen einen Ton – nahezu realistisch.

 

 

Technik-Tipp Multitasking: Mehrere Apps gleichzeitig nutzen

Ab Betriebsystem iOS4.2 können Sie an Ihrem iPad mehrere Apps gleichzeitig verwenden, zum Beispiel „VocaLive“ als Effektgerät für Ihre Stimme und einen PDF-Viewer zur Darstellung von Texten. Das geht einfach: Sie drücken zweimal kurz hintereinander auf den Home-Taster. Nun öffnet sich die Multitasking-Statusleiste, die alle zuletzt verwendeten Apps anzeigt. Rufen Sie VocalLive auf und aktivieren Sie im Setup die Funktion „Background Audio“. Drücken Sie nochmals zweimal auf die Home-Taste und starten Sie jetzt die App, mit der Sie sich Ihre Texte anzeigen lassen. VocaLive läuft aktiv im Hintergrund weiter, Sie können zwischen beiden Anwendungen wechseln.

Produkt-Tipp: Das Mikrofon fürs iPad

Mikrofon am iPad

Mit dem „iRig Mic“ (ca. 49 Euro) von IK Multimedia bekommen Sie ein brauchbares Mikrofon zum direkten Anschließen ans iPad oder iPhone. Das Praktische daran ist nicht das Mikrofon selbst, sondern der duale Miniklinken-Anschluss, über den Audio-Signale in das iPad und davon weg führen. Eine dreistufige Gain-Schaltung, die Klemme und der Gewinde-Adpater zur Stativ-Befestigung sind nützlich, leider aber gibt es keinen Ein-/Aus-Schalter.

Während sich das interne Mikrofon des iPad durch eine Kugelcharakteristik auszeichnet und alle Klänge und Geräusche praktisch gleich aufnimmt, arbeitet das iRig Mic mit einseitiger Nierencharakteristik. So nimmt es gezielt alle direkt vor dem Mikrofon platzierten Signale auf und erlaubt den bei Sängern beliebten Nahbesprechungeffekt – warme satte Vocals entstehen, wenn der Mund des Sängers sozusagen direkt am Mikrofon klebt. Das Produkt ist universell einsetzbar. Nicht nur für VocaLive, sondern für zahlreiche Apps kann iRig Mic verwendet werden. Letztlich ist es eine einfache, aber komfortable Lösung für wenig Geld. Wer möchte, kann mit den passenden Adaptern, Vorstufen oder Mischern jedes Mikrofon ans iPad anschließen.