Workshop iPad für Musiker (8): Gitarren-Apps

In diesem Workshop finden Live-Musiker mit Nebeninstrument Gitarre interessante Anwendungen – von Verstärker- und Effektsimulationen bis hin zu Tutorials. Zudem lässt sich das iPad als MIDI-Controller für authentische Gitarren­einspielungen im Home-Studio verwenden.

Wi Guitar
Wallander Instruments bietet eine fantastische Qualität zum kleinen Preis. Wi Guitar vermittelt ein gutes Spielgefühl und lässt sich nebenbei auch als MIDI-Controller verwenden.

Im AppStore landen Sie bei Eingabe des Schlagworts „Guitar“ viele Treffer. Die Anwendungen sind gratis oder kosten nur wenig. Sie müssen nicht einmal eine Gitarre besitzen oder spielen können. Auf Wunsch verwandelt sich der berührungsempfindliche Bildschirm des iPad in ein virtuelles Griffbrett, mit dem Sie erste Erfahrungen sammeln oder MIDI-Tonerzeuger guitar-like anspielen können.

Spielspaß für alle Nicht-Gitarristen bieten beispiel­weise Pacific Productions „iGtar“ und vor allem „WiGuitar“ (je 3,99 Euro) von Wallander Instruments. Ob Drahtzieher oder nicht, in jedem Fall ist es spannend, die eine oder andere App aus dem sehr üppigen Sortiment zu probieren. Lernen Sie nun einige der wirklich guten Kandidaten kennen – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Basis-Ausstattung an Effekten
Die Basis-Ausstattung an Effekten, Amps und Tools für den Gitarristen. Ist optisch wie klanglich gelungen und ergibt zusammen mit dem Interface iRig eine runde Sache.

Das Reisegepäck schlank halten

Natürlich wollen Sie die Gitarre anschließen und loslegen mit den virtuellen Amps und Effekten aus dem iPad. Alles, was Sie im Grunde benötigen, bietet iRig von IK Multimedia (knapp 30 Euro). Dies ist ein schlichter, aber sehr praktischer Adapter (3,5 auf 6,3 mm Klinke) plus Kopfhörer-Ausgang zum Anschluss der Gitarre ans iPad oder iPhone. Die passende App ist „AmpliTube“ (15,99 Euro), die einige Bestandteile unter einem Dach vereint: drei beliebige Effektsimulationen in Serie schaltbar, einen Verstärker, eine Lautsprecher- und Mikrofon-Simulation sowie Tools wie Stimmgerät oder Metronom, ergänzt durch einen Audio-File-Player für Playbacks. Die App ist sehr gelungen und vor allem ein perfektes Tool zum Üben von Songs oder zum schnellen Fixieren einfacher Songideen.

Bei der Bedienung erweist es sich als vorteilhaft, dass sämtliche Effekte und Amps optisch den Vorbildern nachempfunden sind – routinierte E-Gitarristen finden sich auf Anhieb zurecht. Es sind einige brauchbare Presets vorhanden, wobei Sie recht bald ihre eigenen Sounds kreieren und auf 36 Speicherplätze ablegen werden.

Zum Licht gehört aber auch Schatten: Schade ist, dass sowohl ein Reverb-Effekt fehlt, als auch akustische Gitarren nicht weiter unterstützt werden. Hier besteht Potenzial für ein Major-Update. Beim älteren iPhone 3G müssen Sie sich auch im Low-Latency-Mode auf gelegentliche Knackser und Aussetzer einstellen – mit neueren Modellen und speziell dem iPad 2 sollte es besser funktionieren.
Eine weitere App von IK Multimedia, AmpliTube Fender, bringt den klassischen Fender-Sound für Gitarre und Bass aufs iPad. Hier gibt es fünf verschie­dene Amps samt der passenden Cabinets (65er Deluxe Reverb, 65er Twin Reverb, 59er Bassman, LTD, SuperSOnic und Pro Junior), ergänzt durch sechs Boden­effekt­­geräte der Marke Fender (Phaser, Blender, Pate Echo, Overdrive, Compressor und Noise Filter). Diese Kom­ponenten können Sie nicht als zusätzliche App erwerben, sondern einzeln als In-App-Kauf bei Ampli Tube 2. Zum Schnuppern nehmen Sie „AmpliTube Free“, die eine reduzierte Auswahl an Verstärkern und Effekten enthält. Eine Alternative zu dem Paket aus Italien kommt von PocketLabWorks. Das iRiffPort ist CoreAudio-kompa­tibel und arbeitet zusammen mit den beiden Apps PocketAmp und PocketGK.

Lick of the Day
Lick of the Day: Eine pfiffige App für Musiker, die ihr Repertoire erweitern möchten und sich täglich über neue Ideen freuen können.
Lernvideos
Ersetzt keinen guten Lehrer, führt aber anhand von Lernvideos ins Gitarrenspiel ein.

Wenige wirklich gute Gratis-Apps

Etliche Apps sind zwar kostenfrei, bringen auf Dauer aber nichts. Das gilt z.B. für „My­Guitar“ oder „Gui­tar Kit Pro“ trotz scheinbar schöner Features. Kennen sollten Sie aber folgende Pro­dukte:
Bei der App „Beginner Guitar Songs“ von Guitar Jamz Inc ist der Name Programm, denn Anfänger bekommen eine überzeugende Anleitung rund ums Gitarrenspiel. Enthalten sind Griffbilder zu den wichtigsten offenen Akkorden und beliebten Barré-Akkorden sowie eine Übersicht zu verschiedenen pentatonischen Skalen. Kostenfrei können Sie bis zu einem Gigabyte Lern­videos herunterladen. Das sind Tutorials zu Anschlagmustern, einfachen Songs und offenen Akkorden. Teilweise könnten die Praxisbeispiele etwas ausführlicher erläutert werden. Dennoch ist Beginner Guitar eine gute Hilfe, selbst wenn Sie schon ein wenig auf dem Instrument spielen können.

Eine weitere App, die jedem versierten Gitarristen viel Spaß macht, heißt „Guitar World Lick Of The Day“ und kommt von Agile Partners. Sie präsentiert immer wieder neue Licks, die anhand der mitgelieferten Tools leicht zu erlernen sind. Allerdings sollten Sie bereits einige spielerische Grundlagen beherrschen, blutige Anfänger können dieser App nicht viel abgewinnen. Möchten Sie tatsächlich jeden Tag einen neuen Lick zur Inspiration haben, müssen Sie eine monatliche Gebühr (eine Nutzung über sechs Monate kostet 7,99 Euro) entrichten, die sich insbesondere für Gitarrenlehrer lohnt.

Richtig begeistern kann „WI Guitar Free“. Die kostenlose Version der bereits erwähnten App ermöglicht nicht nur ein praktisch latenzfreies Spiel oder auch eine tolle Anschlagdynamik, sondern bietet sehr authentische Gitarrensounds (Steelstring, 12-String, Classical und verschiedene E-Guitars). Arne Wallander hat eine App entwickelt, die Sie sich keinesfalls entgehen lassen oder sogar gleich als erste kommerzielle Anwendung sämtlicher Guitar-Apps aus dem AppStore laden sollten.

Fazit: Für Musiker, die Gitarre spielen oder spielen möchten, ist das iPad einfach stark: Beim Live-Einsatz ersetzt es durchaus Verstärker samt Effekte, dient im Homestudio als MIDI-Controller und hilft dem Anfänger bei den ersten Versuchen in Theorie und Praxis. Bereits jetzt sind die Möglichkeiten zur täglichen Anwendung so vielfältig, dass Sie nicht auf morgen warten sollten.

Tipp: Griffbrett als MIDI-Controller

Guitar-Controller
Guitar-Controller auf dem Apple iPad und der Musik-Computer kommunizieren drahtlos per WiFi.

Das virtuelle Griffbrett auf dem Touchscreen bietet sich zur MIDI-Noteneingabe an. Bei der Arbeit mit einer DAW wie Logic oder Cubase eröffnen sich dem Gitarristen noch weitere Wege der Noten-Eingabe. Mit der richtigen App erscheint auf dem Bildschirm ein Griff­brett, das die Aktionen des Spielers über MIDI ausgibt. Eine davon nennt sich selbst­erklärend „MIDI Fretboard Controller“ (7,99 Euro) und stammt von Wkode. Die App gibt es bislang nur in einer Version fürs iPhone, das beim virtuellen Gitarrenspiel ergonomisch besser in der Hand liegt als ein iPad. Die Kommunikation zwischen iPad oder iPhone mit dem Computer funktioniert per WiFi und der kostenfreien Software „DSMidiWiFi“ (Mac) oder „LoopBe1“ (PC). Sie benötigen einen beliebigen WiFi-Router (ca. 20 Euro), den Sie über ein LAN-Kabel mit Ihrem Rechner verbinden und ein lokales Netzwerk erstellen. Die tolle App „WI Guitar“ von Wallander gibt via CoreMIDI ebenfalls Noten aus und kann daher als MIDI-Controller eingesetzt werden. Über 150 Akkorde sind spielbar, wobei für Mollakkorde leider nur neun der insgesamt zwölf Töne als Grundton ausgewählt werden können. Auf einem solchen Griffbrett können Sie Phrasen sowie vor allem das „Strumming“ (Schlaggitarre) viel gitarrenähnlicher einspielen als mit einem MIDI-Keyboard. Allerdings sollten Sie keine Wunder erwarten: Spieltechnisch schwierige Passagen lassen sich nicht besonders präzise auf dem Touchscreen spielen und per MIDI an den Sequencer übertragen. Das beliebte Strumming ist aber gut umsetzbar für Begleitungen mit einem Guitar-Preset aus Ihrer MIDI-Soundquelle. Allein deshalb lohnt sich ein Versuch, Gitarren-Begleitungen per iPad einzuspielen.

Statement

André Vacarro

André Vacarro ist Live-Gitarrist, Musiklehrer und iPhone-User: „Das iPhone unterstützt Gitarristen vielfach, man hat sprichwörtlich die Qual der Wahl. Wenn Anfänger eine App für den Einstieg ins Gitarrenspiel oder einfach eine App für den netten Zeitver­treib suchen und dabei kurz einmal drei Akkorde anspielen wollen, finden sie einige kostenfreie Exemplare im AppStore, die gut passen. Die Gratis-Versionen von kommerziellen Apps haben zwar oft weniger Inhalt, beschäftigen aber Einsteiger erstmal für längere Zeit. Profis, die dauerhaft mit dem iPhone oder Tablet-PC arbeiten möchten, sollten beim Erwerb kommerzieller Apps darauf achten, ob es sich um eine einmalige oder monatliche Zahlung handelt. Zudem ist es ratsam, sich gleich mit zusätzlicher Hardware wie IKM iRig einzudecken. Schließlich entscheidet auch das iPhone selbst über den Spielkomfort. Bei älteren Modellen von Apples Smartphone kann es bei manchen Apps zu größeren Latenzen und nervenden Knacksern führen.“