Workshop Synthesizer (1): DSI Pro2

In diesem Workshop dreht sich alles um den DSI Pro2, ein hochkarätiger Synthesizer des MIDI-Pioniers Dave Smith. Wir zeigen Ihnen, was Sie wissen müssen, um mit dem Synthesizer eigene Soundideen zu verwirklichen.

Virtuelle Instrumente für den PC scheinen eine ultimative Lösung zu sein. Sie bieten eine Menge an Sounds, sind preiswert und laufen bereits innerhalb der eigenen DAW. Was Spiel- und Schraubfreude anbelangt, vor allem im Live-Betrieb, zeigen sich Plug-ins aber kaum von ihrer Schokoladenseite. Einen Hardware-Synthesizer dagegen kaufen Sie nicht wegen der vielen Presetklänge. Wer ein solches klassisches Instrument erwirbt, möchte gerne selber spaßbetont an den Knöpfen wie Reglern drehen und diese Haptik genießen. Individualität, Ergonomie und Performance stehen hier an allererster Stelle. Und vielleicht ist das gute Teil bald schon ein Erbstück, während virtuelle Klangerzeuger gar nicht mehr kompatibel sind mit der Rechnergeneration von morgen.

Den Start dieser neuen Reihe macht ein aktueller Synthesizer von Dave Smith, der 2012 den technischen Grammy für die Einführung von MIDI erhielt und 1978 den Flaggschiff-Synthesizer SCI Prophet-5 vorstellte. Kaum ein anderer Entwickler hat so beständig und vor allem auch während der letzten Jahre soviele hochwertige Instrumente erschaffen. Der DSI Pro2 ist derzeit einer der mächtigsten monofonen Synthesizer am Markt, was sich leider auch im Preis von über 2.000 Euro niederschlägt. Es handelt sich um einen hybriden Synthesizer mit vier digitalen Oszillatoren und zwei analogen Filtern. Zu den herausragenden Merkmalen des Pro2 gehören neben dem von Oszillatoren, Filter und Modulationsmatrix erzeugten Klang auch die Kontrollmöglichkeiten externer Geräte und der Step-Sequencer.

Das Instrument kennenlernen

Lernen Sie das Instrument zuerst am Beispiel der mitgelieferten Sounds kennen. Drehen Sie an den Reglern und verändern Sie die Patches spontan. Ihre Soundkreationen lassen sich auf den ersten vier Bänken (U1-4, U=User) ablegen. Die vier weiteren Soundbänke (F5-8, F=Factory) des Pro2 mit jeweils 99 Klängen sind nicht überschreibbar. Ein Sound des Pro2 heißt „Program“.

Sie begeistern sich für ein Program und wollen Filtereinstellungen oder andere Werte erfahren? Halten Sie die Show-Taste gedrückt und bewegen Sie einen beliebigen Drehregler. Wenn Sie einen einzigen Parameter unglücklich verändert haben, bekommen Sie den Ausgangswert mit der Taste „Revert Param“ zurück. Editieren Sie länger ein Program, vergleichen Sie immer wieder mit der „Compare“-Taste den aktuellen Stand mit der Originalversion. Noch ein Tipp beim Bearbeiten von Sounds: Wenn Sie mehrere Oszillator-Taster gleichzeitig drücken, können Sie alle vier Oszillatoren in einem Rutsch bearbeiten.

Manche Werksklänge sollten Sie aufmerksam studieren, so auch P24 F5 „Let it Sizzle“. Bei dieser Trance-Sequenz schafft die Noise-Wellenform (Osc 4) zusätzlich Atmosphäre. Bei Acid-Bass P27 F5 „Bassline“ hören Sie die beiden Filter (Tief- und Bandpass), verteilt auf die Oszillatoren (per Taste „Oscillator Split“) sowie „Schmutz“ per Distortion-Regler. Der Sound P33 F5 „House Chord“ demon­striert einen Moll7-Akkord durch entsprechende Stimmung aller vier Oszillatoren. Gute Beispiele für den Paraphonic Mode, in dem Sie mit dem Pro2 bis zu vierstimmige Akkorde spielen können, finden sich zuhauf: P 74 F5 „Icy Calliope“, P83 F5 „Keyed Filter“, P1 F6 „Para Vox“, P31 F6 „PolyRezSaws“ und natürlich P 18 F7 „Üaraphonic Strings“. P9 F8 „BBD Crazy“ zeigt das spezielle Delay mit Eimerkettenschaltung. Sicher werden Sie noch viele weitere Klang-Bonbons entdecken. Probieren Sie auf jeden Fall jeweils die beiden Touch Slider aus für modulative Eingriffe.

Klänge finden und formen

Der Pro 2 verfügt über vier digitale Oszillatoren, die in punkto klanglicher Flexibilität viele Analogsynthesizer übertreffen. Hören Sie die Wellenformen, die den Basisklang liefern, in aller Ruhe ab. Ein guter neutraler Ausgangspunkt zum Kennenlernen des Pro2 ist das „Basic Program“. Dieses Program können Sie im Global Menü unter der Nummer 31 finden und aufrufen. Nicht erschrecken: Sie spielen und hören einen ungefilterten Sägezahn-Oszillator. Drehen Sie nun am Regler „Shape/Noise“ und gehen Sie die im Pro2 verfügbaren Wellenformen nacheinander durch. Nach den Klassikern wie „SuperSaw“, „Pulse“ und „Triangle“ können Sie digitale Wellen („Nasal“, „Gothic“, „Super Tines“ etc.) und Rauschen in mehreren Versionen hören. Die Wellenformen müssen aber nicht statisch bleiben. Per Regler „Shape Mod“ können Sie zwischen zwei Ausgangspunkten („Waves Left“ und „Waves Right“) verändert oder sogar ähnlich der Pulsbreitenmodu­lation per LFO oder Hüllkurve automatisch gesteuert werden.

Wenn dieses klanglich variable Spektrum noch immer nicht genügt: Finden Sie die etwas versteckt liegende Taste „Charakter“ und verfremden den Basisklang noch in Richtung „LoFi“ und Verzerrung. Zuerst aber probieren Sie den „Distortion“-Regler (oben links platziert), wenn es um angezerrte Sounds geht. Tipp am Rande: Wenn ein Bass stabiler klingen soll, drehen Sie den Regler „Oscillator 1 Sub Octave“ auf. Ein Sinus-Oszillator, 12 Halbtonschritte tiefer als Osc 1 gestimmt, wird hinzugefügt. Der Kenner nutzt Oscillator Synth und FM sowie den „Paraphonic Modus“, der Ihnen das mehrstimmige Spiel auf dem Pro2 erlaubt. Sie können ihn hier aktivieren: Taste „Misc Params“, links neben dem Display, drücken, und per Soft Knob 4 für „Key Assign“ die Einstellung „Paraphonic“ wählen. Sie brauchen aber schon viel Zeit und Geduld, bis ein ansprechender Sound fürs akkordsichere Spiel entsteht. Nehmen Sie besser vorhandene Presetklänge, die schon in die gewünschte Richtung zielen.

Der Dave Smith Instruments Pro2 hat zwei separate Filter in Reihen- oder Parallelschaltung, wobei das erste Filter klassischerweise als Tiefpass fungiert und für viele klassische Sounds bereits ausreicht. Das zweite Filter bietet mehrere verschiedene Typen (Tief-, Hoch-, und Bandpass, Bandsperre). Für beide Filter haben Sie eine eigene Filterhüllkurve zur Hand. Bereits durch einfaches Knöpfedrehen werden Sie die klanglichen Möglichkeiten ausfindig machen. Wenn Sie einmal speziellere Dinge probieren möchten: Drücken Sie auf den Taster „Oscillator Split“, haben Sie folgende Konstellation: Osc 1 und 2 sind Filter 1, Osc 3 und 4 sind dem zweiten Filter zugewiesen. Damit können Sie z.B. interessante Schichtklänge herstellen. Nicht zu vergessen: Die Filter sind analog aufgebaut, das heißt, dass sie sporadisch (zum Beispiel bei extremeren klimatischen Bedingungen) nachgestimmt werden sollten, was Sie mit Funktion 34 „Autotune Filters“ im Global-Menü vornehmen.

Phrasen intuitiv programmieren

Der Step-Sequencer des Pro2 ist eine Kernzelle der musikalischen Inspiration, die Sie auf jeden Fall extensiv ausschöpfen sollten. Mit ihm können Sie eigene Phrasen spielerisch entwickeln. Die Aufnahme einer eigenen Notenfolge und die anschließende Feinarbeit sind im Grunde schnell zu durchschauen: Nehmen wir das Program P7 F6 „Prophet Bass“ (oder einen anderen simplen Bass) als Grundlage. Drücken Sie auf die Play/Stop-Taste, spielt eine Figur, die etwas an „Axel F“ erinnert. Diese vorhandene Bass-Sequenz wird gelöscht: Halten Sie eine der 16 Step-Tasten und drücken die „Reset“-Taste. Nun halten Sie die Taste „Track Select“ gedrückt und benutzen Soft Key 3 für die Funktion „Clear All“. Der Sequencer ist nun frei geschaufelt für Ihre eigenen Ideen. Für längere Sequenzen nehmen Sie die Einstellung „32 x 8“ im Bereich „Seq Misc“, den Sie nach Drücken der „Sequencer-Taste“ über Soft Key 4 erreichen. Bei „32 x 8“ stehen acht einzelne Sequencer-Spuren mit jeweils 32 Schritten bereit (alternativ gibt es die Länge „16 x 16“). Sie drücken jetzt die Record-Taste und geben über die Tastatur schrittweise Noten ein. Spielen Sie hauptsächlich Grundton, reine Intervalle (Quarte, Quinte und Oktave) sowie große Sekunde und kleine Septime: C, D, F, G, Bb. Mit diesen Noten bewegen Sie sich relativ frei durch Moll- und Durtonarten. Übrigens müssen nicht alle 32 Schritte aufgebraucht werden. Wenn Ihre Phrase nur 12 Schritte hat – auch gut, der Sequencer merkt dies und wiederholt entsprechend. Nach Eingabe aller Schritte bzw. Noten drücken Sie erneut auf die „Record“-Taste und anschließend auf die Play-Taste, und der Sequencer rattert Ihre Tonfolge. Stellen Sie nun die rhythmische Aufteilung (1/16, 1/8, 1/4, usw.) mit dem Regler „Clock Divide“ sowie das Tempo mit dem „BPM“-Regler ein.

Bringen Sie mehr Lebendigkeit in die Sequencer-Phrase. Durch einfaches Drücken der Step-Tasten erzeugen Sie an beliebigen Positionen einzelne Pausen. Mit dem „Slew“-Regler können Sie bei einzelnen Schritten kleinere Akzente durch Gleiteffekte setzen. Mit Hilfe der Soft Knobs oberhalb des Displays können Sie gezielt noch die Dynamik (Velocity) abändern und per „Tie“ zwei oder mehrere Steps miteinander verbinden (Stichwort: Haltebogen).  Auf der ersten Spur des Sequencers bestimmen Sie immer die Tonhöhe. Die übrigen Spuren lassen sich zum Steuern weiterer Parameter nutzen. Unbedingt probieren: die Filterkontrolle auf Spur 2. Halten Sie die „Track Select“-Taste und drücken Sie auf Step-Taste 2. Nun haben Sie die zweite Spur angewählt. Halten Sie bitte nochmals die „Track Select“-Taste gedrückt und wählen über Soft Knob 4 den Zielparameter („Destination“) „F1 Freq“, die Eckfrequenz des ersten Filters, an. Gehen Sie der Reihe nach die einzelnen Step-Tasten durch und geben Sie jeweils einen Wert für die Filtermodulation an. Kein Plan? Macht nichts, lassen Sie sich doch einfach durch Zufälle überraschen.

Noch ein Tipp: Drücken Sie die „Sequencer“-Taste auf Soft Key 2 (Seq) und wählen Sie über Soft Knob 1 als „Play Source“ die Einstellung „Key“. Nun startet Ihre Sequenz, wenn Sie auf dem Keyboard eine Taste drücken – für den Live-Keyboarder ist das der passende Modus. Schon bald werden Sie bemerken, dass die Bedienung des Sequencers leicht von der Hand läuft und musikalisch inspiriert. Wenn es in punkto „rhythmische Phrasen“ dennoch schneller gehen soll, können Sie natürlich alternativ den Arpeggiator nutzen.

Kleine Dinge zum Schluss

Abrunden können Sie die Phrasen mit den Delay-Effekten. Der Pro2 hat vier davon, der letzte Typ ist ein spezielles Eimerketten-Echo mit Vintage-Touch. Beim Spielen mit dem Arpeggiator oder Sequencer ist es wichtig, dass Sie bei den Delay-Einstellungen „Sync“ (über Soft Key 2 ) aktivieren. Für 1/16-Sequencer-Passagen sind Achtel und punktierte Achtelnote als Delay-Werte gut. Verteilen Sie das rhythmische Echo im Stereofeld („Panorama“) und filtern Sie das Echo-Signal im Bereich „Delay Filter“.

Wenn Sie live spielen, nutzen Sie die „Play List“, um häufig verwendete Sounds zielstrebig aufzu­rufen oder sie nach Ihrem Bühnen-Programm zu sortieren. Rechts oben auf dem Bedienpanel findet sich die „Cue/Play List“-Taste. Es lassen sich vier Sets mit jeweils bis zu 16 Programs anlegen, die Sie über die 16 Step-Tasten des Sequencers direkt anwählen können.

Wenn Ihnen die Belegung der Spielhilfen (vor allem das Modulationsrad und die beiden Slider) bei den werkseitigen Klängen nicht zusagt, sollten Sie die Modulationsmatrix aufsuchen. In der „MOD“-Sektion des Pro2 lassen sich Quelle (z.B. Slider 2), Ziel (z.B Osc 1 Level“) und Intensität (bidirektional, negativ wie positiv) einfach abändern. Bei der verlockenden Fülle an Reglern sollten Sie keinesfalls versäumen, dass das Keyboard des Pro2 auf Anschlagdynamik (Aftertouch) reagiert, was Sie auch in der Modulationsmatrix einstellen können.

Ein Backup Ihrer Sounds erledigen Sie im Global-Menü: Per Funktion 38 werden alle Klangdaten per MIDI-Dump zum Sequencer gesendet und können dort aufgezeichnet und als MIDI-Datei exportiert werden. Halten Sie bitte schließlich Ausschau nach einem OS-Update. Die aktuelle Version des Betriebssystems, momentan 1.1.0, bekommen Sie im Global-Menü (oben rechts im Display) angezeigt. Schon während der nächsten Monate wird uns Dave Smith mit einem neuen Betriebssystem überraschen.

Wir hoffen, Ihren Start mit dem DSI Pro2 vereinfacht zu haben. Der Pro2 ist zwar ein komplex anmutender Synth und bietet noch sehr viel mehr Funktionen als in diesem Beitrag angesprochen. Zum Glück müssen Sie aber nicht all seine Features im Detail verstehen oder benutzen, um mit dieser Maschine viel Spaß und Erfolg zu haben!

Statement

Dave Smith, MIDI-Pionier und Synthesizer-Entwickler, über sein neuestes Kind: „Der Pro2 ist ein kraftvolles und flexibles Instrument. Er besitzt vier verschiedene Merkmale, die einen Synthesizer hervorragend machen: 1) der Sound aus einer Kombination aus digitalen Oszillatoren und der dual-diskreten analogen Filtersektion, 2) der Step-Sequencer, 3) eine Modulationsmatrix und 4) die CV in/out-Anschlüsse. Für mich selbst ist es schwierig, einen Favoriten unter diesen vier Komponenten zu benennen. Es hängt immer von der jeweiligen Situation ab. Wenn ich einfach an den Knöpfen drehe und den Synth spiele, dreht sich alles um den Sound. Für abgedrehtere Klänge nutze ich dann die Modulationsmatrix. Die CVs nutze ich selber nicht sehr oft, weil sich momentan kein modulares Setup in meinem Studio befindet. Und der Sequencer kann jederzeit verwendet werden für einfache Riffs oder für detaillierte Programmierung. Ein Vergleich zwischen dem Pro2 und dem neuen Prophet 6 hinkt, denn es sind zwei grundverschiedene Instrumente. Der Pro2 ist ein klassischer Mono-Synth mit vielen Extras, während der Prophet 6 Vintage-Feel und Polyfonie liefert.“

Tipp: Software-Editor

Obwohl der Pro2 mit seiner Bedienoberfläche regelrecht zum Sound-Design einlädt, lohnt sich die Anschaffung eines Software-Editors gleich aus mehreren Gründen: Erstens können Sie alle Sounds übersichtlich verwalten, zweitens sind Step-Sequencer und Filter besser bedienbar und drittens können Sie Controller-Fahrten-Parameter per DAW automatisieren. Ein passendes Programm für PC und Mac bietet die Firma Soundtower. Es ist als Standalone-Version und (bereits angekündigt) als Plug-in (VST/AU) verfügbar. Sie können den Editor zunächst als Demo kostenfrei herunterladen; nach Kauf wird ein Code zur Registration per Mail gesendet. Die Verbindung zwischen Pro2 und PC stellen Sie einfach per USB-Kabel her. Im Global Menü des Pro2 geben Sie ein: 10 MIDI Sysex Cable = USB. Im MIDI-Setup des Editors müssen Sie „Pro2“ anwählen. Nun können Daten zwischen Synth und Rechner ausgetauscht werden. Neben dem Verwalten von Vorlagen für Arp-, Sequencer- und Filter-Einstellungen gibt es beim Editor vor allem den „Patch Maker“, den Sie am Pro2 selbst nicht finden. Hier können Sie neue Klänge automatisch erstellen lassen. Der Preis für die Software beläuft sich auf 69 USD, bezahlbar per Paypal oder Kreditkarte. Fazit: Der Editor ist allein schon fürs Zusammenstellen eigener Sounds ein Kauftipp. Erhältlich ist er im Internet bei: www.soundtower.com/pro2/