YamahaMusicSoft-Shop als Erfolgsmodell: Gert Drögemüller spricht darüber im Interview

Vor 13 Jahren installierte Yamaha den „German Downloadshop“, um die Kunden des Hauses mit Musik-Software versorgen zu können. Neben Tyros- und PSR-Spielern nutzen zunehmend auch Digitalpiano-Spieler das Angebot im heutigen YamahaMusicSoft-Shop. Über den aktuellen Stand des Download-Angebots sprachen wir mit Gert Drögemüller von Yamaha.

Gert Drögemüller
Gert Drögemüller: „Wir produzieren 40 bis 50 Prozent der aktuellen Chart-Titel als MIDI-File“ (Foto: Yamaha)

Seit wann gibt es den Yamaha-Downloadshop?

Bereits in den 1990er-Jahren hat Yamaha Musiksoftware per Diskette direkt an Endkunden geliefert. Im Jahr 2002, also vor 13 Jahren, haben wir dann unseren ersten Shop eröffnet, der damals „German Downloadshop“ hieß. 2010 wurden die Inhalte des deutschen Shops aus Effizienzgründen in den YamahaMusicSoft-Shop integriert. Seitdem betreuen wir den Shop von Deutschland aus. Es gibt monatliche deutsche Newsletter und auch Kampagnen, die auf unser Publikum abgestimmt sind.

Welche Zielgruppen nutzen den Shop wofür?

Hauptkunden sind die Tyros-Spieler, gefolgt von Besitzern der PSR-Instrumente. Aber auch mehr und mehr Digitalpiano-Spieler registrieren sich und kaufen, da mittlerweile viele preiswerte Instrumente beste Möglichkeiten zur Nutzung externer Software bieten. Es ist klar zu erkennen, dass viele Pianisten mehr wollen, als nur Piano spielen. Dem versuchen wir mit unseren Angeboten zu entsprechen. Keyboardspieler nutzen mit Vorrang unsere MIDI-Files, aber auch Styles verkaufen sich gut. Sehr beliebte Artikel sind unsere Registration Packs, die – meist mit Bezug auf beliebte im Handel erhältliche Songbooks – ein riesiges Repertoire bereitstellen und besonders für Anfänger und Hobbymusiker eine große Bereicherung darstellen. Seit einigen Jahren wurden die Voice- und Style Expansion Packs zu einem wichtigen neuen Angebot, das sich schnell etabliert hat. Registrier- und Expansion Packs in der großen Vielfalt wie bei Yamaha bietet unseres Wissens kein anderer Hersteller.

Wie hat sich das Angebot in den letzten Jahren verändert?

Wie bei den Instrumenten, so achten wir auch bei unserer Musiksoftware immer auf höchste Qualität. Diese erreichen wir über regelmäßige Schulung unserer freiberuflichen Programmierer und Qualitätskontrolleure, die z.B. den Mix aller Songs und Styles an die Lautstärke der internen Instrumenten-Styles anpassen. Seit etwa fünf Jahren haben wir durch das von Yamaha Japan initiierte „World-Wide-Content-Projekt“ viele neue europä­ische Programmierer ausgebildet, unter anderem aus Polen, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Italien, Spanien sowie Holland, Dänemark und England. Es sind mehr als zehn sehr lokal orientierte Expansion Packs entstanden, mit tollen Sounds und über 500 lokalen Styles – speziell für die preiswerteren Keyboards. Die besten Klänge und Rhythmen dieser Packs haben wir dann auch für Tyros konfiguriert, was weit über das Ziel des Projekts hinausging.

Macht sich das irgendwie bezahlt?

Ja, denn genau dieses Projekt versetzt uns jetzt in die komfortable Lage, erheblich mehr Styles und Songs zu produzieren, sowohl für EU-Länder als auch internationale Titel. Kurzum: Unser Angebot wurde erheblich vielschichtiger – und gleichzeitig auch aktueller. Derzeit produzieren wir etwa 40 bis 50 Prozent der aktuellen Chart-Titel als MIDI-File, für Erfolgstitel gibt es auch entsprechende Chart-Styles.

Wirkt sich das möglicherweise negativ auf das Angebot für deutsche Kunden aus?

Nein, keinesfalls. Wir haben nicht das Angebot für deutsche Kunden reduziert, sondern vielmehr das europäische und internationale Repertoire verstärkt. Für Pianospieler gibt es die Pianosoft-Serie, die eine große Songvielfalt von Klassik über Jazz bis hin zum Piano-Pop bietet, jeweils optimiert für pianistische Spielweise. Aber auch neue Services sind dazugekommen – einerseits diverse App-orientierte Angebote wie NoteStar (Noten mit Audio Backing) oder der Shop-Einkauf mit dem MusicSoftManager, andererseits neuartige online-basierte Lösungen wie Piano-Radio (Pianomusik nach Stilrichtungen sortiert) oder – ganz neu – Audio Playbacks, die der Kunde selber mischen kann.

Für Tyros-Besitzer sind die Premium-Packs und -Voices sehr interessant. Gibt es hier besondere Trends?

Eindeutiger Trend: Mehr und mehr Kunden möchten ihr Instrument erweitern und individualisieren. Natürlich sind in der deutschsprachigen Region das Entertainer- und Alpen-Pack die Renner, gleich gefolgt von Euro Dance. Aber auch Themen wie Celtic oder Latin sind beliebt. Für 2015 haben wir schon gute weitere Ideen, die sicherlich viele Kunden begrüßen werden.

Nach welchem Konzept werden die Premium-Pakete geschnürt und die thematische Ausrichtung festgelegt?

Nach dem Motto: Was ist in den Instrumenten selbst gut besetzt, was fehlt noch? Das war bisher relativ einfach: Wichtige Ergänzungen zum internen Angebot, Lokalisierung und regionale Musik, Lücken füllen, musikalisch interessante Genres – manchmal auch Nischen – abdecken. Mittlerweile müssen wir aber aufgrund der vielen Packs schon sehr gezielt nach neuen Themen suchen.

YamahaMusicSoft
Stetig wachsendes Angebot: Startseite (Ausschnitt) von YamahaMusicSoft.

Fließen Nutzerwünsche mit ein?

Ja, in jedem Fall. Das erfolgreichste Pack „Entertainer“ war eine logische Antwort auf den Wunsch „mehr Schlager und Volksmusik“, das Alpen-Pack eine Fortführung und klare Konsequenz hinsichtlich der Kundenwünsche. Auch zu modernen Styles und Klängen erhielten wir diverse Anfragen, daraus wurde das „Euro-Dance“-Pack abgeleitet. Allerdings sind die Hinweise von Kunden bisweilen relativ unkonkret. Sehr gerne hören wir exakt definierte Wünsche mit Angaben zu Referenzen, z.B für Styles oder Sounds, damit wir noch gezielter den Wünschen nachgehen können.

Was sind die aktuellen Trends bei den Tyros-Spielern?

Mehr Styles. Das ist sehr erfreulich – und mag auch an unserem erweiterten Angebot liegen. Ganz klar gibt es mehr Spieler, auch zu Hause, die selbst spielen wollen oder die Styles als Ausgangspunkt für eigene Aufnahmen nutzen. Und natürlich nimmt der Wunsch zum Nachladen neuer Sounds erheblich zu. Viele Anwender wünschen sich moderne Sounds und Styles, sie meinen damit Dance- und Synthesizer-orientierte Inhalte, die sich in den aktuellen Chart-Hits widerspiegeln.

Können Sie noch weitere Tendenzen erkennen?

Der Tyros-Spielertyp hat sich enorm verändert. Es sind nicht nur die „älteren Herren“, sondern auch sehr viele junge. Und selbst die Älteren sind mit der Musik der 70er- und 80er-Jahre aufgewachsen, mögen also durchaus Rock, Dance und elektronische Musik, eben nicht nur Volksmusik und Schlager. Sein Instrument zu personalisieren ist ein eindeutiger Trend bei Keyboards – vergleichbar mit dem Mobiltelefon. Neue Inhalte – quasi neues „Futter“ – sind mehr und mehr gefragt. Das ist der Ansporn unserer Arbeit.

Nutzer der Motif-Workstations finden im Downloadshop auch Angebote von Drittanbietern. Ist so ein Konzept auch für Tyros-Kunden geplant?

Die Motif-Angebote von Drittanbietern gibt es ab Herbst 2014. Tatsächlich haben wir aber für Tyros5 schon im Frühjahr 2014 ein erstes Pack eines Drittanbieters angeboten: das „Turkish“ Pack der Firma EMO. Im November kam das zweite: „Euro Organ Artist“. Und es sind weitere absehbar. Yamaha möchte durchaus das Portal für weitere Anbieter öffnen. Allerdings ist es bis dato nicht ganz so einfach, Tyros-Packs zu realisieren, da der Kopierschutz vorerst nur in Japan vorgenommen werden kann. Wir suchen nach neuen, schnelleren Wegen.

Wenn’s klappt: Was wird man hier finden können?

Sowohl komplette Expansion-Packs als auch andere Inhalte werden möglich sein. Insgesamt öffnet sich Yamaha mehr und mehr den Drittanbietern. Organisatorische oder auch systembedingte Hürden setzen da manchmal Grenzen in der Umsetzung, diese müssen wir reduzieren. Ein Beispiel für einen bereits gut eingebundenen Drittanbieter: Von der dänischen Firma Midispot haben wir vor kurzem über 500 Songs aus deren Repertoire in unserem Shop veröffentlicht – dem voraus gingen Schulungen und Qualitäts-Check nach unseren Vorgaben.

Die 1990er- und frühen 2000er-Jahre waren geprägt von exzessivem MIDI-File-Einsatz bei Unterhaltungsmusikern. Ist die Nachfrage immer noch so groß?

Die Nachfrage bei MIDI-Files in Deutschland ist ungebrochen, wächst jedoch nicht. Die Bühnenmusiker haben ihr Standardrepertoire abgedeckt. Das Geschäft basiert auf neuen Titeln und auf Anpassungen erfolgreicher Titel, also Updates zu neuen Formaten. GM ist out. Wir erstellen keine automatisierten Updates, alles wird händisch optimiert. Da wir viel an Heimmusiker verkaufen, gibt es aber auch immer wieder neue Kunden mit Bedarf für Oldies. Und wir haben zwei große Vorteile zu Wettbewerbern: Wir kennen unsere Kunden durch Instrumenten-Registrierung, und wir verkaufen unsere MIDI-Files weltweit. Als größter Zulieferer für unseren internationalen Shop können wir steigende Lizenzen aus dem weltweit wachsenden Markt verbuchen. Hier findet sich auch ein Grund, warum wir internationale Charts bei der MIDI-File-Produktion forcieren.

Custom Audio Tracks
Custom Audio Tracks bieten die Möglichkeit, jede einzelne Instrumentalspur im Pegel zu justieren und ein individuelles Playback zu erzeugen.

Als Alternative zum MIDI-File werden Audio-Playbacks immer beliebter. Hat Yamaha hier auch entsprechende Angebote?

Ja, schon länger gibt es die App „NoteStar“, die Noten plus perfekte Audio-Backings sogar mit Lead-Vocals anbietet. Im Herbst 2014 wurde zudem das neue Konzept „Custom Audio Tracks“ im EU-Shop aktiviert. Es basiert auf einer amerikanischen Idee und bietet derzeit überwiegend internationale Titel, dabei auch besonders viele Countrysongs. Anfang 2015 werden wir darüber beraten, wie wir europäische und auch deutsche Titel in diese interessanten Konzepte einbinden können.

Wie funktionieren Custom Audio Backing Tracks?

Jeder Song basiert auf Mehrspuraufnahmen inklusive Haupt- und Chorgesang, eingespielt von professionellen Musikern aus Nashville. Nach Aufruf eines Songs kann mit nur einem Click ein Mixer aufgerufen werden, der den Pegel jeder Spur justierbar macht und am Ende den Download einer selbstgemischten MP3-Datei bereitstellt. Dies ist eine extrem flexible Lösung für Sänger, Gitarristen, Keyboarder, Bläser, Schlagzeuger, Schüler und Lehrer. Kurzum für jeden, der erste Erfahrungen mit dem Mixen von Musik sammeln oder einfach nur Spaß mit Musik haben will.

Muss man für jede Mischung bezahlen, oder darf ein Stück immer wieder neu abgemischt und herunter geladen werden?

Letzteres trifft zu und ist sehr erfreulich: Man bezahlt nur einmal, erhält den erworbenen Titel auf seinem Download-Konto und darf davon eine unbegrenzte Anzahl Mischungen erstellen.

Wie sieht die rechtliche Situation aus: Darf man die Audio-Playbacks aus dem Yamaha-Downloadshop auch kommerziell einsetzen?

Der Privateinsatz ist problemlos. Nach Aussagen unseres lizenzgebenden Partners muss man beim Begriff „kommerzieller Einsatz“ zwei Anwendungen unterscheiden: Auf der Live-Bühne dürfen die Audio-Playbacks wie MIDI-Files unter Beachtung der üblichen Gema-Meldungen eingesetzt werden. Eine Verwendung für eigene Musikproduktionen (CD-Aufnahme, Video) inklusive Arrangement-Veränderungen und Vervielfältigungen ist nicht zulässig bzw. bedarf einer gesonderten Lizensierung.

Woher stammen die Audio-Spuren? Werden sie extra für den Yamaha-Shop erstellt?

Wir kooperieren mit der Firma DigiTrax, die Inhalte für die Karaoke-Industrie produziert. Die Mehrspurversionen ihrer Songs gibt es derzeit nur bei YamahaMusicSoft unter Einbindung unseres exklusiven Online Mixing Tools.

Für Keyboard-Spieler ist seit Tyros5 der Yamaha Expansion Manager ein wichtiges Werkzeug. Welche Aufgaben erfüllt er?

Der YEM soll zuerst einmal eine sehr flexible Organisation der vielen verschiedenen Inhalte ermöglichen. Allerdings ist das Konzept von Beginn an – ähnlich wie bei iTunes – auf wachsende Funktionsvielfalt wie Datenimport, Konvertierung sowie Klangbearbeitung ausgerichtet. Schon die ersten Versionen konnten Daten vom Tyros 4 konvertieren, während ab Sommer 2014 die Version 2.0 die Erstellung komplett eigener Klänge auf Basis externer Samples ermöglichte.

Welche Aufgaben soll der YEM noch übernehmen können?

Insbesondere umfassende Klangerstellung und Klangbearbeitung. Zum Jahresende 2014 kam die Version 2.2 heraus, die sowohl die Bearbeitung von Preset-Klängen als auch die Mischung derselben mit eigenen Sample-Elementen zulässt. Auch der erste Import von alternativen Sample-Formaten wurde bereits realisiert: Es können nun Sampledaten im „Soundfont“-Format importiert werden. Damit hat der Tyros5-Spieler heute Zugriff auf eine riesige Auswahl externer Libraries. Der YEM wird natürlich auch 2015 weiter entwickelt zur Verwendung mit anderen neuen Instrumenten, auch der zukünftige direkte Einkauf im Shop ist geplant. Ich habe außerdem die Hoffnung, dass in absehbarer Zeit auch ein Style Editor zum Funktionsumfang gehört.

Im ersten Jahr seit Einführung des Keyboard-Flaggschiffs Tyros5 hatten selbst versierte Anwender durch Software-Verzögerungen faktisch weniger Möglichkeiten als Anwender des Vorgänger-Instruments. Warum hat die Entwicklung so lange gedauert?

Wir bedauern sehr die längere Entwicklungsphase, hierfür gibt es jedoch durchaus nachvollziehbare Gründe. Yamaha hat mit der sehr schlanken neuen Voice-Struktur im Tyros5 einen harten – aber erforderlichen – Schnitt gemacht. Verschiedene Klangformate von älteren Tyros-Modellen und zugehörigen Editorprogrammen müssen exakt auf das neue Format konvertiert werden, dazu wurden diverse Algorithmen (Iterationsverfahren) entwickelt, deren Realisierung aufwändig ist.

Nachvollziehbar, aber was sagen Sie dem Kunden?

Es gibt einen durchaus positiven Effekt dieser Wartezeit: Künftig werden Yamaha-Keyboards identische Formate verwenden. Neben der guten Kompatibilität unserer großen Klangbibliothek inklusive externer Angebote bietet der Expansion Manager mit seinen umfassenden Import- und Editier-Optionen eine erheblich flexiblere Klanggestaltung, als dies bisher geräteintern verfügbar war.

Warum wurde die Software-Lösung nötig?

Beim Tyros4 haben wir klar die Grenzen der Speicherstruktur erkannt. Während dort der Flashspeicher (bis zu 1GB) oftmals noch Kapazität frei hat, setzen andere Parameter Grenzen, die am Ende die Anzahl ladbarer Voices oder Packs limitieren. Mit dem YEM und dem Tyros5 sind diese Grenzen eindeutig aufgehoben.

Inzwischen sind wohl mehr Voices am Markt, als im Tyros verwaltet werden können. Ist hier eine Lösung in Sicht, oder wird erst ein zukünftiges Instrument größere Mengen adressieren können?

Richtig, es gibt viele Angebote, und mit der vollen Voice-Edit- und Voice-Creation-Funktion des YEM 2.2 kann jeder Anwender eigene Klänge in unbegrenzter Zahl erstellen. Wir haben eine gute Nachricht: Das zukunftsorientierte Konzept des Expansionsmanagers lässt eine sehr flexible Speichernutzung zu, beispielsweise sind über 16.000 Voices adressierbar. Wenn es nicht reicht, hilft der Expansion Manager bei der effektiven Verwaltung.

Welche Features oder Aktionen hat Yamaha in naher Zukunft für den Downloadshop geplant?

Aufgrund des schnell wachsenden Repertoires wollen wir als nächstes die Suchfunktionen im Shop optimieren. Mittels neuester Filteroptionen sollen Kunden schneller und einfacher finden, was sie suchen. Und natürlich werden wir weiter regelmäßig jede Woche neueste Songs, Styles, Updates und andere Inhalte bereitstellen. Dabei wollen wir versuchen, das deutschsprachige Angebot noch weiter zu stärken.