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Tastenwelt-Interview: Martin Vatter

Martin Vatter kann bereits auf einen beachtlichen Katalog von Piano-Solo-Einspielungen zurückblicken. Diese produziert er komplett in Eigenregie. Sein neuestes Werk trägt den Titel „The Hope“ und ist in Pandemie-Zeiten entstanden.

Es gibt kontroverse und widersprüchliche Theorien, wie ein Klavier zu klingen hat und wie es aufgenommen werden sollte. Fragt man Toningenieure und Redakteure von Hi-Fi-Magazinen und vergleicht deren Antworten mit denen von passionierten Musikliebhabern, klaffen Welten auf, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In diesem Brennpunkt befindet sich der aus Füssen stammende Pianist, Komponist und Produzent Martin Vetter (www.martin-vatter.de).
Seine Musik mit Keith Jarrett zu vergleichen, wäre zu einfach und würde am Thema vorbeiführen.
Martin Vatter ist kein spontaner Improvisator, sondern ein durchkonzipierter Komponist, der es schafft, Klangwelten zu erzeugen, die das Leben beschreiben. Seine im Februar 2021 veröffentlichte Produktion „The Hope“ steht ganz im Zeichen der momentanen Corona-Pandemie. Er beschreibt diese allerdings nicht nur in ihren Schattenseiten, sondern bietet musikalische Lösungsvorschläge.

In einem intensiven Gespräch geht er ehrlich und umfangreich auf Fragen ein, deren Antworten für die Klaviergemeinde Stoff zum Reflektieren beinhalten.

Tastenwelt: Wie kam es zu der Idee deiner letzten CD und was waren die Gründe, diese im legendären MPS Studio in Villingen-Schwenningen aufzunehmen?
Martin Vatter:
Nach dem Anhören einer Piano- Solo-CD von Wolfgang Dauner ist mir die Idee zum Produzieren im MPS Studio gekommen. Da mein Vater selber Flüchtling ist, bekam ich die Idee zu der Thematik Heimatland – so ist die CD „Homeland“ 2018 entstanden, aufgenommen im legendären MPS (Musik Produktion Schwarzwald) Studio von Gerd Puchelt.
Die Aufnahmetechnik entspricht der Mikrofonierung aus den Siebzigern, mit der auch Pianostars wie Oscar Peterson oder Friedrich Gulda aufgenommen wurden: drei sehr nah an den Klaviersaiten positionierte, in Verbindung mit weiter im Raum stehenden Neumann-Mikrofonen. Man hat die Präzision von vorne und den Klangraum von hinten. Das Studio ist noch immer in seiner nostalgischen Aufmachung.
Es ist wie eine Zeitreise, wenn man es betritt: Vintage-Lampen aus den Siebzigern wie auch die Möbel im Aufenthalts- raum sprechen nostalgische Bände. Auch die Elektrik war noch im alten Dornröschenschlaf: Wenn die Lichtschalter betätigt wurden, hat es die Sicherung der Bandmaschine durchgeknallt, denn Mäuse haben die Isolierung durchgebissen. Sehr beeindruckend ist der dort befindliche Bösendorfer-Imperial-Flügel. Ich habe selten so einen bassstarken Flügel erlebt. Aber auch für die lyrischen Klänge war er sehr ansprechend. Wir machten eine analoge Aufnahme mit einem Edel-24-Bit-Recorder. Die „Homeland“-CD soll auch noch als analoge Schallplatte erscheinen.
 

Martin Vatter arbeitet nicht mit spontaner Improvisation, sondern gut durchkonzeptioniert. (Foto: Rainer Retzlaff)
Martin Vatter arbeitet nicht mit spontaner Improvisation, sondern gut durchkonzeptioniert. (Foto: Rainer Retzlaff)


Tastenwelt: Der Titel deiner neuen CD, „The Hope“, klingt in der heutigen von der Pandemie geprägten Zeit fast wie eine musikalische Therapie.
Martin Vatter:
„The Hope“ ist meine neue Produktion, die ich bei mir zu Hause mit einem Korg Kronos Titanium mit einem Digital-Piano- Preset aufgenommen habe. Obwohl ich sehr wenige Ansprüche an diese CD gestellt habe, hat sie mich doch mit ihrem Erfolg überrascht. Da es mir zum ersten Mal nicht um die audiophile Aufnahmetechnik ging, hat sich die digitale Methode sehr gut meinen klanglichen Ideen gefügt. Da zur Lockdown-Zeit das Reisen zu anderen Studios teilweise unmöglich war, hatte ich die Idee, es in meinem eigenen Studio digital zu erstellen.
Das Motto war „Im Lockdown und für den Lock- down“. Für mich war es auch sehr wichtig, mich aus einer Verzweiflung herauszuspielen. Ich möchte mit meiner Aktion auch allen Musikern Mut machen, in dieser schwierigen Zeit auf diese Art und Weise kreativ zu bleiben. Die Home-Studio-Aufnahmemethode hat natürlich auch finanzielle Vorteile, man spart Produktions-, Hotel- und Reisekosten.
Die Aufnahme war natürlich ein außerordentliches Wagnis, da ich hierfür den Pianoklang eines Korg Kronos benutzte. Dies steht natürlich im krassen Gegensatz zu den akustischen Instrumenten, die ich im MPS Studio (Bösendorfer Imperial) und Tonstudio Bauer (Steinway) benutzte. Der Vorteil war gravierend, denn ich konnte in meinen eigenen vier Wänden bis zur endgültigen Zufriedenheit auf- nehmen, stressfrei und ohne Zeitdruck. Dies war eine ganz neue und wundervolle Erfahrung für mich, die ich auch allen anderen Musikern gerne in dieser schwierigen Zeit empfehlen möchte.

Tastenwelt: Hat sich an der Akzeptanz und dem Kaufverhalten deiner Fans deshalb etwas geändert?
Martin Vatter:
Mittlerweile erfreut sich die Aufnahmemethode einer großen Beliebtheit und ich glaube, mit der Do-it-yourself-Methode – ich erstelle auch die CDs selber – habe ich einen Zeitgeist getroffen. Selbst die audiophile Gemeinde, die sonst dieser Aufnahmetechnik sehr kritisch gegenübersteht, überschlägt sich mit lobenden Worten.

Tastenwelt: Wie denkst du über das aktuelle Musik-Business und dessen finanzielle Seite?
Martin Vatter:
Dem Download gegenüber bin ich sehr kritisch, denn seit dem Verschwinden der CD sind wir quasi enteignet worden. Mit Einnahmen von vier Cent pro gestreamten Titel kann man nicht mehr von Verdienst sprechen.

Tastenwelt: Wie sieht deine musikalische Vergangenheit aus?
Martin Vatter:
Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Bei uns gab es immer ein Klavier. Meine Eltern sind beide Musiker. Meine Mutter noch heute ausübende Organistin. Ich hatte viele schlechte Klavierlehrer, die mir eigentlich die Lust an der Musik hätten nehmen müssen. Es ist eigentlich ein großes Wunder, dass meine Liebe zur Musik trotz der katastrophalen klassischen Pädagogik geblieben ist. Ich war stets ein schlechter Blattleser, aber immer ein guter Improvisateur und das hat meine Musik bis heute geprägt, obwohl ich auf der Bühne nicht improvisiere.
Meine gesamte Musik ist nicht notiert. Alle meine Werke sind im Kopf abgespeichert. Es ist alles Note für Note durchkomponiert und beinhaltet keinen Improvisationsanteil.
 

Martin Vatter im Paläontologischen Institut in München. (Foto: Uwe Ryck)
Martin Vatter im Paläontologischen Institut in München. (Foto: Uwe Ryck)


Tastenwelt: Gibt es dich nur als Solopianisten oder auch in Ensembles?
Martin Vatter:
Über meine Piano-Solo-Projekte hinaus betreibe ich auch ein Duo mit verschiedenen Perkussionisten. Diese Arbeit bringt mich natürlich wiederum mehr an die Grenzen einer erforderlichen Genauigkeit, was Tempo und Groove anbelangt, Dinge, die man in der Solo-Performance oft schleifen lässt. So ist das Werk „Live at Bauer Studio“ mit dem Toningenieur Philipp Heck entstanden.

Die CD von Martin Vatter „The Hope“ ist während der Pandemiezeit entstanden.
Die CD von Martin Vatter „The Hope“ ist während der Pandemiezeit entstanden.

Tastenwelt: Gibt es deine Musik in Druckform?
Martin Vatter:
Das ist ein sehr wundes Thema. Meine Notenkenntnisse reichen nicht aus, um meine Werke zu notieren. Ich habe zwar eine Notenschrift-Software, mit der ich aber immer noch zu kämpfen habe. Der Idealfall wäre, meine Musik einem Komponisten zu übergeben, der sie dann in Sonntagsschrift notiert. Aber ich glaube, ich würde erschrecken, wenn ich meine Musik geschrieben vorfinden würde.

Tastenwelt: Deine erste CD, „Ask the Piano“ von 1994, wurde auch im Tonstudio Bauer produziert.
Martin Vatter:
Es war eine wunderbare Erfahrung mit dem Toningenieur Carlos Albrecht, der auch im legendären „Köln Konzert“ von Keith Jarrett involviert war.

Tastenwelt: Bei dem Namen Keith Jarrett kommen natürlich parallele Gedanken zu deiner Musik. Die Allgäuer Zeitung verglich deine Musik mit seiner und kreierte die Überschrift: „Klingt wie Keith Jarrett – nur schöner“.
Martin Vatter:
Ich bleibe da auf dem Boden der Tatsachen. Natürlich war und ist Keith Jarrett für mich stets sehr inspirierend gewesen, denn kein Pianist hat mich jemals so getroffen wie er und sein „Köln Konzert“. Aber ich mag auch Ludovico Einaudi mit seinen ungeschminkten und naiven Melodien und die Musik von Tord Gustavsen.

Text: Christoph Spendel
Fotos: Emanuel Gronau, Rainer Retzlaff, Uwe Ryck, Martin Vatter


Das Interview findet ihr auch in der Tastenwelt-Ausgabe 03/2021 - ganz einfach online im Shop bestellen.


 

Tags: TASTENWELT, Interview, Solo-Piano

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